Vom Stand der digitalen Re:publik

Ein kurzer Rückblick auf die #rp17

re:publica 2017 #rp17 LOVE OUT LOUD © Camilla Graubner / FSF

re:publica 2017 #rp17 LOVE OUT LOUD © Camilla Graubner / FSF

Fast schien Johnny Haeusler das inzwischen, auf der elften re:publica, fast schon rituell gewordene gemeinsame Singen von Queens „Bohemian Rhapsody“ auf der Abschlussveranstaltung ein wenig peinlich zu sein. „Wir diskutieren jedes Jahr wieder, ob wir zum Schluss singen. Manchmal hat das schon irgendwie Kirchentag-Charakter, das müsst ihr zugeben.“

Der etwas despektierliche Satz spießt durch die Brust ins Auge auf, was die re:publica für viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen ist: der alljährliche Kirchentag der Netzgemeinde. Dabei versteht sich die Konferenz, die 2007 als Treffen von Bloggerinnen und Bloggern begann, inzwischen als „Gesellschaftskonferenz“, die alle Themen der digitalen Gesellschaft in den Blick nehmen will – von Computern in der Schule bis zur Verwaltung von Social-Media-Profilen nach dem Tod, von „Arbeit 4.0“ bis zu individualisiertem Sexspielzeug aus dem 3D-Drucker.

best Of #rp17 - Bilder zur re:publica auf flickr.com

best Of #rp17 – Bilder zur re:publica auf flickr.com

Den ursprünglichen Geist der Konferenz kann man im Motto der diesjährigen #rp17, wie der „offizielle Hashtag“ und inoffizielle Name lautete, durchscheinen sehen: LOVE OUT LOUD. Das ist sowohl durchdachtes Wortspiel wie programmatischer Gestus – und damit, aller Weltläufe zum Trotz, der erklärte Wille, sich die positiven Utopien vom Internet nicht ganz aus der Hand nehmen zu lassen. Inspiriert wurde der Titel durch einen Vortrag aus dem vergangenen Jahr.

Die Autorin und Aktivistin Kübra Gümüşay hatte mitreißend und tief berührend „Organisierte Liebe“ gefordert: Der Hass, die Hetze und Beschimpfungen seien so gut organisiert – dem müssen wir unsere eigene, organisierte Liebe entgegenstellen.

Das war freilich noch vor Brexit und Trump; und so hat es eine gewisse Ironie – und zugleich angesichts der Weltlage eine gewisse Logik –, dass sich zahlreiche Vorträge, Panels und Diskussionen heuer dann doch eher mit Bestandsaufnahmen des Schlechten, Bösen und Negativen (oder dem, was man dafür halten könnte) befassten und Glaube, Liebe, Hoffnung zuweilen wie ein am Schluss angenähtes Anhängsel erschienen. Allerdings täuscht der oberflächliche Eindruck: denn die Bestandsaufnahme drehte sich oft genug darum, nach besseren Lösungen zu suchen.

„Anständiges Community Management“ war dann nämlich nicht nur als berufliche Herausforderung verstanden, sondern auch als gesellschaftliche Aufgabe, und genauso wurde vielfach gefragt, wie „Konstruktiver Journalismus“ aussehen könnte, welches Kraut gegen „Fake News“ gewachsen sei – und ob man diesen Begriff, wofür mehrere Referentinnen und Refernten eintraten, nicht besser in den Ruhestand schicken und stattdessen klar von Desinformation sprechen sollte.

Mit den konkreten Praxistipps war es da noch nicht zu Ende, denn auf dieser Tagung sind nun mal Profis gleich zu Dutzenden. Wie macht man eigentlich Snapchat? Wie geht das mit 360°-Video? Und wie wird man mit einem Podcast erfolgreich? Wie geht Mobile Storytelling? Was bringt Augmented, was Virtual Reality in den nächsten Jahren wirklich? Und ist das das nächste große Ding fürs Erzählen, wird es ganz und gar immersiv?

Auffallend war dabei durchaus, dass in diesem Jahr kein bestimmtes Thema, keine bestimmte Plattform mit übergroßen Hoffnungen versehen wurde. Der Autor dieser Zeilen kann sich noch gut daran erinnern, wie vor einigen Jahren die ersten Smartphones und programmierbaren Telefone auf der re:publica beäugt und bestaunt wurden – da hätte man im Grunde nicht übertreiben können in den Erwartungen, wie sehr diese Geräte unseren Alltag verändern würden. Auf der #rp17 nun war ein Schild zu sehen, das sich wortspielerisch-ironisch über solche Hypes lustig machte: „Don’t believe the Swipe!“

Also ging es stattdessen viel um Realitäten und reale Möglichkeiten: Um die Möglichkeiten und Grenzen des „Bedingungslosen Grundeinkommens“ – mit Bundesministerin Andrea Nahles auf dem Podium, die prompt zu Unrecht Ärger bekam. Es ging darum, wie Facebook und Instagram Stars kreieren – und behindern. Wie in der Online-Video-Industrie die Machtverhältnisse verteilt sind. Welchen Herausforderungen sich Filmförderung und Wirtschaftspolitik eigentlich in Zeiten von Amazon Prime und Netflix zu stellen haben – wie gering ihr Einfluss auf die Filmproduktion in Deutschland womöglich aber auch (noch) ist.

Viele Veranstaltungen zu Fragen von Medienpolitik und -wirklichkeit finden im Rahmen der organisatorisch getrennten, gefühlt aber völlig mit der re:publica verschmolzenen „Media Convention Berlin“ (#mcb17) statt. In den Vorträgen und Panels wird dabei recht deutlich, dass hier unterschiedliche Geisteshaltungen wirken: Während die Talks der #rp17 fast immer zumindest einen kritisch-politischen Subtext haben (der, wenig überraschend, eher links des Mainstreams liegt), überwiegt auf der #mcb17 der, freundlich formuliert, Pragmatismus.

Ein eigentlich harmloser Zwischenfall macht das deutlich: Als der „Beauftragte für die Arbeitgebermarke der Bundeswehr“ die Werbestrategie seines Arbeitgebers vorstellte – ohne dass ihm ein kritisches Gegenüber entgegengesetzt wurde – zeigten etwa 15 Aktivistinnen und Aktivisten mit Konfetti, Glitter und Schildern ihren Dissens.

re:publica 2017 #rp17 LOVE OUT LOUD © Camilla Graubner / FSF

re:publica 2017 #rp17 LOVE OUT LOUD © Camilla Graubner / FSF

Dass große Teile des Publikums mit dem Protest nichts anfangen konnten, zeigt zugleich, wie sich mit der Professionalisierung und Vergrößerung der Konferenz auch das Publikum gewandelt hat: Der harte Kern versteht Netzpolitik immer noch als grundlegende, freiheitliche Aufgabe – für viele andere ist das Netz vor allem ein Ort, an dem sie ihr Geld verdienen.

Wofür die Gründerinnen und Gründer der re:publica stehen, ist relativ klar. In den Worten von Tanja Haeusler: „Wir wollen die Welt nicht den Arschlöchern überlassen.“ Die Menschen stattdessen friedlich zusammenzubringen – Tausende Teilnehmer aus 71 Ländern – bleibt auch für die #rp18 das Ziel. Und bis die am 2. Mai 2018 losgeht, sieht man sich auf Twitter, Facebook und Instagram; „da in diesem Internet“, wie die Sängerin Judith Holofernes es sagte. Da tanzte, am Abschlussabend, vor allem der harte Kern noch auf dem Kirchentag der Netzgemeinde.

 

Zahlreiche der Vorträge von der #rp17 und #mcb17 wurden aufgezeichnet und können als Video angesehen oder als Audio-Mitschnitt nachgehört werden: https://re-publica.com/de

Über Rochus Wolff

Rochus Wolff arbeitet u.a. als freier Filmkritiker. Sein Studium der Literaturwissenschaft (und einiger anderer Dinge) hat er in Bonn und Oxford betrieben, zuletzt auch in Berlin, wo er jetzt mit seiner Familie lebt. Im Kinderfilmblog sowie in festen Kolumnen für kino-zeit.de, schreibt er regelmäßig über seinen Arbeitsschwerpunkt Kinderfilm. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit dem Genrekino (vor allem Horror und Science Fiction) sowie Geschlecht im Film. Er hat u.a. in der Deadline, auf critic.de, moviepilot, Telepolis und in der taz veröffentlicht.

15. Mai 2017 von Rochus Wolff
Kategorien: Digitale Welt | Schreiben Sie einen Kommentar

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