Breaking Bad – das Böse stirbt!? Walter White – die ironische Errettung des „amerikanischen Helden“

Heute der letzte Teil der Beitragsserie Breaking Bad – das Böse stirbt!?, aus der tv diskurs-Artikelreihe zu Gewalt und Moral in TV-Serien.

Walter White – die ironische Errettung des „amerikanischen Helden“

Aufgrund der zuvor analysierten Charakterführung der Hauptfigur und der damit verbundenen Moraltransfers an das Publikum ist der moralische Kredit, den die Hauptfigur Walter White am Beginn der Serie beim Zuschauer hatte, in der Mitte der fünften und damit finalen Staffel der Serie Breaking Bad vollständig aufgebraucht.
Als Drogenboss unter dem Tarnnamen „Heisenberg“ hat er schreckliche Verbrechen begangen und schließlich eine ganze Mordserie an möglichen Kronzeugen in Auftrag gegeben, damit die Drogenpolizei nicht auf seine Spur kommt. Jetzt muss Walter White im Schlussteil der Serie feststellen, dass sein Versuch, nach allem unbeschadet ins bürgerliche Leben zurückkehren zu können, nicht mehr funktionieren wird.

Drogenpolizist Hank kommt Walters Doppelexistenz auf die Schliche. White stellt Hank daraufhin in dessen Garage zur Rede (vgl. Episode 9, Staffel 5). Hank konfrontiert ihn mit seinen Vermutungen, die er aber (noch nicht beweisen kann, und rät Walter, zu dem zu stehen, was er als „Heisenberg“ getan hat. Doch Walter gibt seine Tarnung nicht auf. Im Gegenteil – als soziopathischer Gewalttäter (vgl. Barg 2014), der er ohne Zweifel ist – verwandelt er sein Nichteingeständnis sogleich in eine Drohung an Hank. Doch Hank, ein Vollblutpolizist, der während seiner Jagd auf die Drogenkartelle in New Mexico fast schon zum Krüppel geschossen wurde, schlägt Walts Drohung in den Wind. Er ist bemüht, seinen Schwager zu überführen, selbst dann noch, als dieser mithilfe einer Videoaufzeichnung voller Lügen alle Schuld auf Hank selbst als „Boss der Bosse“ und vermeintlich korrupten DEA-Beamten abzuwälzen versucht.

Als dann Hanks Versuch auch noch schiefgeht, Walter White als „Heisenberg“ zu enttarnen, und es durch eine neuerliche „Heisenberg“-Aktion im Kampf mit einer rivalisierenden Drogenbande einen Mord im engsten Familienkreis gibt, fliegt Walts Tarnung auf und die Familie, neben Skyler besonders der von Walt sehr geliebte Walter jr., wendet sich von ihm endgültig ab. Damit ist auch Walters moralisches Selbstbild als „Familienheld“ zerstört. Dennoch hält er wie besessen an dem einstürzenden Moralgebäude fest, schließlich hatte er doch gegenüber sich selbst wie gegenüber anderen seine Taten stets mit seiner Familienmoral legitimiert.

4. Staffel Walther White (Bryan Cranston, l.) und Jesse Pinkman (Aaron Paul)

Walther White (Bryan Cranston, l.) und Jesse Pinkman (Aaron Paul) (c) RTL Nitro

Obwohl weder Skyler noch Walter jr. nun mit Walters Drogengeld noch irgendetwas zu tun haben wollen, hält Walter White an seinem Plan fest, als „Beschützer seiner Familie“ diese mit seinem Blutgeld finanziell absichern zu wollen. Auf raffinierte und verbrecherische Weise schafft er es, das Geld so „anzulegen“, dass es Walter jr. ab seinem 18. Lebensjahr zugutekommen wird, ohne dass dieser je von der Herkunft des Geldes erfahren dürfte. Schließlich, auch dies gehört zum „Schutzplan“ für seine Familie, behauptet der American Hero in einem Telefonat gegenüber Skyler sogar, dass er alle verbrecherischen Aktionen als „Heisenberg“ nur aus egoistischen Gründen gemacht habe: „Ich fühlte mich lebendig“, sagt er im Abschiedsgespräch zu seiner Frau am Telefon (vgl. Episode 16, Staffel 5). Er weiß: Die Polizei ist bei Skyler, ihr Telefon wird abgehört. Ob Walter hier zu einer gewissen Selbsterkenntnis gefunden hat, bleibt offen. Aus seiner Sicht ist es wohl eher eine neue letzte Manipulation: Der Todgeweihte nimmt hier ganz bewusst alle Schuld auf sich, um dadurch seine Frau, die gleichfalls in „Heisenbergs“ Taten verstrickt ist, vor weiterer Verfolgung zu bewahren.

Der Krebs ist mittlerweile bei Walter White erneut ausgebrochen. Doch er wird nicht daran sterben, sondern durch eine letzte „Heisenberg“-Aktion. Durch sie will er das Böse, das er entfesselt hat, tatsächlich brechen und zu guter Letzt als ein Antiheld in die Seriengeschichte eingehen, dem die Zuschauer wieder zumindest ein wenig Empathie entgegenbringen können: „Remember my name.“

Fazit

So wie die Breaking Bad-Macher über weite Strecken ihrer Serienerzählung das moralische Selbstbild ihres Antihelden Walter White sarkastisch dekonstruieren, so präsentieren sie in der Schlussphase eine geradezu ins Groteske übersteigerte Karikatur eines American Hero, der sogar gegen den Willen der eigenen Familie an seinen Familienwerten festhält, die er doch zuvor durch sein brutales Handeln als Drogendealer gänzlich selbst entwertet hatte.
Die Ironie der Geschichte von Breaking Bad ist aber auch, dass gerade diese Präsentation des Antihelden als Figur, die gegen alle Widerstände (sogar aus der eigenen Familie) ihre Familienmoral über alles, sogar über das eigene Leben stellt, maßgeblich zur sensationellen Zuschauerakzeptanz im US-Fernsehen beigetragen haben dürfte.

Der Beitrag Breaking Bad – das Böse stirbt!? aus der Artikelreihe zu Gewalt und Moral in TV-Serien erschien in tv diskurs 68 2/2014 und steht auf unserer Website als Download zur Verfügung.

Über Werner C. Barg

Dr. Werner C. Barg ist Autor, Produzent und Dramaturg für Kino und Fernsehen. Außerdem ist er Regisseur von Kurz- und Dokumentarfilmen sowie Filmjournalist. Seit 2011 betreibt er als Produzent neben seiner Vulkan-Film die herzfeld productions im Geschäftsbereich der Berliner OPAL Filmproduktion GmbH.

17. Juli 2014 von Werner C. Barg
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