Cineastische Weihnachtsfrauen

Wenn es bei Weihnachtstraditionen darum geht, jedes Jahr immer wieder dasselbe zu tun, so ist eine der erstaunlichsten, dass wir jedes Jahr dieselben Filme ansehen. Fast so erstaunlich wie die Tatsache, dass wir jedes Jahr immer wieder dieselben Lieder hören. Das heißt entweder, dass diese Dinge so gut sind, dass man sie mit Freuden jedes Jahr wiederholt, oder, dass der Traditionssog ganz böse zuschlägt. Ich glaube, bei den Filmen handelt es sich um Ersteres – bei der Musik bin ich mir da nicht so sicher. Wie viele Leute stolpere ich früher oder später jeden Dezember auf irgendeinem Sender über Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, die Familie meines Bruders hält Mary Poppins hoch im späten Advent, und letztes Jahr gab es einen Neuzugang, der uns vermutlich auch über die nächsten Jahre begleiten wird: Disneys Frozen (dt.: Die Eiskönigin – Völlig unverfroren). Alles Filme, die über jede Kritik erhaben sind und noch etwas anderes gemeinsam haben.

Diese Filme einen ihre zentralen Frauenfiguren. Und dabei ist es egal, ob es sich um die singende Nanny mit Schirm aus den 60er-Jahren handelt, um die aus den 70ern stammende Version von Aschenputtel oder um die beiden modernen Heldinnen in dem auf Andersens Schneekönigin basierten Disney-Märchen aus dem Jahr 2013. Disney-Filme habe ich eine ganze Zeit lang in den 90ern mit Weihnachten verbunden, weil fast regelmäßig ein Animationsfilm um diese Zeit herauskam. Auch wenn ich Frozen diesen Sommer gesehen habe, ist es eindeutig ein Weihnachtsfilm. In Großbritannien ist er sogar gerade noch mal in die Kinos gekommen und prompt wieder in die Charts eingestiegen.

Man muss Disney wirklich lassen, dass sie mit dem Film um die beiden Eis-Schwestern einen absoluten Geniestreich hingelegt haben. Der Film hat seinen märchenhaften Erfolg mehr als verdient. Disney-Prinzessinnen waren zwar schon immer gern mal von der feisteren Sorte. Doch im Endeffekt ging es immer darum, gerettet, geküsst und geheiratet zu werden – in dieser oder einer anderen Reihenfolge. Dafür musste dann auch mal die Originalgeschichte weichen, wie im Fall des Hans-Christian-Andersen-Märchens Die kleine Meerjungfrau, weil die nämlich kein Happy End hat. Auch Frozen hat wirklich nur sehr entfernt etwas mit der Schneekönigin zu tun, aber das gereicht diesem Film wiederum nicht zum Nachteil. Er stellt so ziemlich jedes Jungfrau-in-Not-Klischee und jeden Prinz-und-Prinzessin-Standard-Handlungsstrang nachhaltig auf den Kopf. Von Pärchen, die sich nicht wie durch Magie, sondern durch Kennenlernen ineinander verlieben, zu männlichen Männern, die von Frauen gerettet werden müssen, bis hin zum Ende, an dem nicht der Kuss der wahren romantischen Liebe den Tag rettet, sondern … Mal davon abgesehen, dass der Film jede Menge Lacher und ein paar sehr eingängige Songs zu bieten hat. Am Ende sind es nicht die Männer, die das Schicksal der beiden Prinzessinnen bestimmen, sondern sie allein. Und ich kann nur sagen: Es wurde auch Zeit. Allerdings ist die Tatsache, dass Disney-Heldinnen in das 21. Jahrhundert eingezogen sind, wohl kaum dem Erbe des Firmengründers zu verdanken.

Auch wenn noch ein anderer der genannten Weihnachtsfilme unter seiner Ägide entstanden ist. Mary Poppins ist eine völlig eigenbestimmte Figur in einer Zeit, in der es sicherlich wenige Filme mit weiblichen Heldinnen gab, die keine romantische Handlung und keinen Mann zum Ziel hatten. Zu verdanken ist das wiederum ihrer Erfinderin. P. L. Travers musste sich mit ihrer Geschichte und ihrer Figur gegen diverse Männer durchsetzen, als diese auf die Leinwand gebracht werden sollte. Wunderbar portraitiert in Saving Mr. Banks, in dem Tom Hanks als Walt Disney und Emma Thomson als Poppins-Erfinderin zum Duell antreten. Meryl Streep fand in ihrer Laudatio auf Emma Thompson in dieser Rolle denn auch recht deutliche Worte, was die Frauenfeindlichkeit Walt Disneys anging, auch wenn sie ihre Kollegin in den höchsten Tönen lobte.

Die Zeitlosigkeit der deutsch-tschechischen Aschenbrödel-Verfilmung hat diese sicher auch ihrem Witz und den sehr modern anmutenden (auch Frauen-)Figuren zu verdanken. Das Verhältnis von König und Königin ist fast schon anachronistisch in seiner Darstellung eines lang verheirateten Ehepaares, das sich auf Augenhöhe begegnet und die Marotten des anderen gut kennt. Die Königin nimmt die Versuche ihres Gatten, seinem Sohn Manieren und Verantwortungsgefühl einzuflößen – Eigenschaften, die er selbst in dem Alter nicht hatte –, mit amüsierter Ironie hin. Und nimmt in gewisser Weise damit das Verhältnis des jungen Paares und Aschenbrödels Art, den jungen Prinzen zu veräppeln, vorweg. Nicht nur begegnet Aschenbrödel dem Prinzen unter anderem als Mann verkleidet, sie besiegt ihn obendrein in einem Wettstreit. Am Ende muss Letzterer zwar trotzdem den Schuh an die Frau bringen, doch fragt er unsicher: „Wenn sie mich denn will?“, bevor beide dann zum zauberhaften soundtrackbestimmenden Motiv durch die verschneite Landschaft reiten.

Und so stelle ich fest, dass ich cineastisch Weihnachten mit lauter Frauen verbinde, obwohl es doch eigentlich die ganze Zeit um Männer geht. Um einen, der Geschenke bringt, und einen, der welche zum Geburts-Tag bekommen hat, zum Beispiel. Und andere Leute gucken sicherlich andere Weihnachtsfilme. Doch wenn in meiner Vorstellung Weihnachten der Fernseher angeht, dann gibt es Besinnlichkeit mit Frauen-Power, gemischt mit ein bisschen Puschel-Schnee und einer Prise Märchenromantik.

Über Katja Dallmann

Katja Dallmann hat ein Übersetzer-Diplom und einen Bachelor in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft abgeschlossen. Sie ist freie Übersetzerin und Autorin, hat als Online-Redakteurin gearbeitet und verschiedentlich in Print und Online publiziert. Katja ist leidenschaftlicher Serienfan und bloggt sonst unter Serielle Schnittstelle.

17. Dezember 2014 von Katja Dallmann
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