Frauen im Film: Die 1990er – Aufbruch ins zweite Filmjahrhundert

So viel ist klar: Die 1990er-Jahre waren nichts für schwache Nerven ‒ zumindest nicht im Filmbusiness. Die Palette der problemgebeutelten Protagonistinnen war groß: eine psychopathische Stalkerin; eine traumatisierte FBI-Anwärterin; eine stumme Pianistin; eine Nonne, die einen verurteilten Verbrecher betreut; eine hochschwangere Polizistin, eine verheiratete, unglücklich verliebte Frau im England des 18. Jahrhunderts; eine Transsexuelle, die von vermeintlichen Freunden ermordet wird. Die (verlängerbare) Liste der Oscar-Gewinnerinnen für die beste weibliche Hauptrolle zeigt: Die Zeiten, in denen selbst weibliche Protagonistinnen oft wie Sidekicks wirkten, waren spätestens jetzt endgültig vorbei. Manche Filme kamen sogar völlig ohne männlichen Hauptdarsteller aus. Na ja, zumindest ohne irdischen (wie Sigourney Weaver 1997 in Alien – Die Rückkehr bewies).

„Psychodrama“ hieß das Patentrezept. Und mal ehrlich: Darin machen uns die Männer nichts vor ‒ das ist von jeher das Ressort der Frauen. Neu war im letzten Jahrzehnt vor dem Millennium allerdings die Dichte, mit der Hollywoods Schauspielerinnenriege in „düsteren“ Stoffen mitwirkte. Zwar konnte sich nicht einmal Kate Winslet ‒ die 1997 hochdramatisch beinahe mit der RMS Titanic im bis dato erfolgreichsten Film der Kinogeschichte untergegangen wäre ‒ im Rennen um den begehrten Academy Award gegen die Konkurrentinnen durchsetzen. Doch Drama gab es in der x-ten Neuauflage von Titanic natürlich jede Menge. Ein psychodramatisches Patentrezept mit Win-win-Garantie gab es also sicherlich nicht. Und doch fallen Gemeinsamkeiten auf. So schienen sich viele der weiblichen Charaktere geradezu magisch von „der dunklen Seite der Macht“ angezogen zu fühlen. Susan Sarandon etwa, die in Dead Man Walking einen zum Tode verurteilten Massenmörder betreut, oder Jodie Foster in Das Schweigen der Lämmer – die Figur des psychopathischen Hannibal Lector wirkt auch heute noch. Beides sind publikumstaugliche Psychothriller an der Schwelle zum Horror. Da durfte natürlich auch Stephen Kings Misery nicht fehlen – mit Allzweckwaffe Kathy Bates in der weiblichen Hauptrolle. Dagegen wirkten der zuweilen fehlende Realitätsbezug in Science-Fiktion-Shockern wie Alien – die Rückkehr oder Jurassic Park fast entspannend. „So was gibt’s doch gar nicht!“ konnte man sich selbst zuflüstern, bevor man die Augen im Kinosessel wieder öffnete.

Doch auch die Darstellerinnen selbst wirkten oft wie „nicht von dieser Welt“. Wäre man damals gerne mit Sigourney Weaver einen Kaffee trinken gegangen? Oder hätte Uma Thurman (Pulp Fiction, später Kill Bill) zu einer Tupper-Party eingeladen? Eher nicht. Denn in einem Psychodrama gab es als Minimum einen Toten. Und der siechte in der Regel langsam vor sich hin – nicht die „Peng, du bist tot!“-Nummer wie in den alten Bonanza-Folgen.

Doch nicht alle Psychodramen kamen vordergründig als solche daher. Da gab es auch viele Hybride, bei denen eine gute Portion Lovestory nicht fehlen durfte. So konnte sicherlich ein großer Teil der weiblichen Zuschauer in der westlichen Welt 1994 auf zwei Stellen nach dem Komma voraussagen, in welcher Minute bei Forrest Gump die ersten Tränen fließen (und davon gab es jede Menge, die nicht selten mit Tom Hanks’ Sidekick Robin Wright [damals noch] Penn alias Jenny zu tun hatten). Denn natürlich war die Beziehung zwischen Mann und Frau auch in den 1990er-Jahren das Thema ‒ das wird wohl in hundert Jahren immer noch so sein, wenn vermutlich auch das letzte Kino zur multimedialen 3-D-Matrix umgebaut wurde oder die Vision aus den Terminator-Filmen doch wahr geworden ist. Selbst Dramen wie eben Forrest Gump (1994) oder Der englische Patient (1996) kommen nicht ohne Liebesgeschichte aus. Pretty Woman und The Bodyguard beschränken sich nahezu völlig darauf: Ein Mann und eine Frau aus zwei völlig verschiedenen Welten laufen sich mehr oder weniger zufällig über den Weg und gehen ein Arbeitsverhältnis ein, das sich im Laufe des Films – völlig unvorhersehbar (…) – in ein Liebesverhältnis verwandelt. Hach, aber schön war’s trotzdem.

Doch abgesehen davon, dass Lovestorys einfach immer gehen: Irgendetwas ist in der Filmwelt der 1990er-Jahre passiert. Vielleicht waren die Filme dieses Jahrzehnts auch so was wie das letzte Aufbäumen, bevor das Jahrhundert der Post- und 3-D-Produktionen endgültig die rudimentären Reste des klassischen Hollywoods schluckte. Der erste vollständig animierte (natürlich) Disney-Film Toy Story war da ein düsterer Vorbote. Vielleicht war es auch die Angst vor dem drohenden Millennium. Wenn etwas passieren würde, dann wollte Hollywood mit großem Knall und angemessener Dramatik dabei sein – egal, ob es am Independence Day passierte oder am Mulholland Drive.

Den Filmschaffenden im „Land der Dichter und Denker“ kam der Psychodrama-Trend offenbar sehr entgegen.

Screenshot Lola rennt von Regisseur Tom Tykwer mit Franka Potente und Moritz Bleibtreu in den Hauptrollen

Screenshot Lola rennt von Regisseur Tom Tykwer mit Franka Potente und Moritz Bleibtreu in den Hauptrollen

Lola Franka Potente rannte 1998 allen voran – und begründete damit ein neues Selbstbewusstsein deutscher Schauspielerinnen. Egal ob bei Rossini ─ oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief (allein der Untertitel wäre zehn Jahre zuvor wohl so gar nicht möglich gewesen), Schtonk! oder Der bewegte Mann: Schauspielerinnen wie Veronica Ferres, Katja Riemann oder Martina Gedeck repräsentierten ein neues weibliches Filmverständnis.

So gesehen waren die 1990er-Jahre zwar auf den ersten Blick „gesandwicht“ zwischen dem Blockbuster-Jahrzehnt und dem neuen (Postproduktions-)Jahrtausend – für die filmschaffenden Frauen waren sie aber sicherlich ein bedeutender Schrift auf dem Weg zu einer gleichberechtigten Wertschätzung.

Über Cornelia Klein

Dr. Cornelia Klein studierte Diplom-Pädagogik mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik und promovierte über die mediale Vorbildkompetenz. Sie arbeitet als Lektorin und Redakteurin bei einem pädagogischen Fachverlag.

02. April 2014 von Cornelia Klein
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