Germany´s Next Topmodel ist nur ein Problem von vielen!

Gestern erschien bereits der 1. Teil unserer Beitragsreihe Was macht Germany´s Next Topmodel (GNTM) mit dem Menschen – oder was machen Menschen mit GNTM?
Heute nun die Fortsetzung: Darauf kommt es aus medienpädagogischer Sicht an!

© FSFDer folgenschwere Tunnelblick auf GNTM

Die Studie fokussiert sehr auf das postulierte Körperbild bei GNTM und verhindert, dass wir die Sendung auch anders kritisch unter die Lupe nehmen. Denn stellen wir eins klar: Kritik ist absolut angemessen, egal, ob der behauptete Effekt zutrifft oder nicht. Von der Sexualisierung der Mädchen über die Erzeugung von Dramaturgie auf Kosten der Beziehungen (nach dem Motto: Wer ist die Bitch, wen werden alle hassen, wer wird als erstes heulen?), über die Produktplatzierung bis hin zum Befehlston, mit dem „Mama Heidi“ ihren Mädchen absurde, erniedrigende Challenges abverlangt – die Sendung geht gar nicht. Aber, und damit zurück zu den Kernaussagen: die Ätiologie von Essstörungen ist bislang noch nicht ausreichend geklärt, Essstörungen haben multifaktorielle und sehr komplexe Ursachen. Darauf weist die Studie ja selbst hin. Was im Umkehrschluss heißt, dass wir auch mit Aussagen zur Wirkung von GNTM differenziert umgehen müssen.

GNTM: nur ein Verstärker neben vielen – breitere Medien- und Gesellschaftskritik bitte schön!

Auch TV-Sendungen können einen Beitrag dazu leisten, dass sich das Schlankheitsideal in der Gesellschaft verstärkt. Aber sie sind dabei in guter Gesellschaft. Denn sie stehen neben zahlreichen anderen medialen Formaten, in denen ähnliche Schönheitsideale und Strategien zum Dünnsein propagiert werden. Und diese Angebote müssen wir ebenso problematisieren. Essgestörte Menschen wissen sich, gerade im Netz, noch ganz woanders ihren Rückhalt zu suchen. Dazu muss man nur auf YouTube oder Instagram gehen – Googeln Sie mal nach ProAna und ProMia-Seiten. Sie werden schnell fündig. Eine ausschließliche Fokussierung auf die Sendung GNTM reduziert den Blick auf  die anderen potenziellen Verstärker. Dabei werden im Netz Abnehmstrategien viel offensiver und häufiger offeriert als bei GNTM. Dazu muss ich mir nur die Werbung auf web.de anschauen. Dass bei Angeboten wie Instagram die Hashtags Anorexie, Bulimie, Ana oder skinny von hoher Beliebtheit sind, lässt doch tief blicken.

Umfassendere Forschungsdesigns müssen her

Es müssen Untersuchungen her, die auch andere mediale Formate außerhalb des TVs in den Blick nehmen. Studien zeigen, dass Essgestörte sich häufiger im Netz aufhalten. Was finden sie dort und was verstärkt ihre Gedanken hier? Und statt nur mediale Aufregung zu erzeugen, müssen auch medienpädagogisch relevante Empfehlungen geliefert werden. Was brauchen junge Menschen,  um Sendungen wie GNTM richtig deuten zu können, um die gescripteten Streitsituationen zu verstehen, ebenso wie die Scheinwelt? Wenn die Sendung den in der Studie postulierten Einfluss hat, dann gilt es, diesen konkreter nachzuweisen. Ein sinnvoller Schritt wären tiefenpsychologische Interviews, Längsschnittstudie und repräsentative Stichproben – und auch die Einbeziehung von gesunden Menschen. Eine weitere Frage, die dann zu klären wäre, ist: Wer wendet sich Formaten wie GNTM (und aus welchen Gründen) zu oder nicht zu?

Appell an die Eltern: Interessiert euch für das, was eure Kinder schauen!

Was auch nicht berichtet (und auch nicht gefragt?) wird, und das würde mich als Medienpädagogin interessieren: Wurde die Sendung allein geschaut oder im Beisein eines Erwachsenen, z.B. der Eltern? Das ist vor allem deshalb eine berechtigte Frage, weil über die Hälfte der Befragten zum Zeitpunkt der Erkrankung zwischen 12 und 15 Jahren alt sind, teilweise noch in die Grundschule gehen und hier in jedem Fall Fürsorge- oder ab dem Jugendalter zumindest Interessenspflicht bestünde, was im TV geschaut wird und was nicht. Wurde über das Format und die darin vermittelten „Ideale“ gesprochen, konnten sie ausreichend reflektiert werden? Da fordere ich – egal wie alt die Mädchen sind – mehr Achtsamkeit auf Seiten der Eltern. Das mit dem Beisein der Eltern ist übrigens auch mit Fallstricken behaftet. Nicht nur, ob die Eltern mitschauen, kann entscheidend sein, sondern auch wie, was eine Studie belegt[1]: Gerade die Kommentare der Eltern über das Erscheinungsbild von Menschen im TV können Einfluss auf die Entwicklung einer Essstörung haben. Und dabei ist es egal, ob es sich um positive oder negative Kommentare handelt. Also wieder ein neuer Einfluss, den wir berücksichtigen müssen und der die Wirkung von GNTM in ein anderes Licht rückt.

[1] Nathanson A., Botta R. (2003). Shaping the effects of television on adolescents body image disturbance: The role of parental mediation. Communication Research 30: 304-331

Über Eva Borries

Eva Borries ist Diplom-Medienpädagogin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Empirische Pädagogische Forschung (zepf) an der Universität Landau. Außerdem arbeitet sie deutschlandweit als Referentin für Medienkompetenz. Sie entwickelt individuelle medienpädagogische Fortbildungen, Vorträge und Workshops.

12. Juni 2015 von Eva Borries
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