Im April 1997 erschien die erste Ausgabe

„Jugendschutz in Europa“ war das Titelthema der ersten tv diskurs, die bei einer gemeinsamen Fortbildungsveranstaltung für Prüfer der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) und der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) vorgestellt wurde. Es ging um die Frage, ob die unterschiedlichen Jugendschutzkriterien in den europäischen Ländern weiterhin akzeptiert werden können, wenn in grenznahen Regionen im Kabel, aber auch durch das zunehmend beliebte Satellitenfernsehen die nationalen Programme an den Grenzen nicht mehr haltmachen. Damals herrschte die Hoffnung, dass angesichts dieser Entwicklung bei den EU-Mitgliedsländern die Einsicht wachsen würde, gemeinsame Kriterien oder eine gemeinsame Prüfstelle ernsthaft ins Auge zu fassen. Diese Hoffnung erwies sich als äußerst naiv. Systeme und Institutionen zeigten sich eher resistent gegenüber Argumenten, die sich schlicht aus der Tatsache sich verändernder medialer Verbreitungswege ergeben. Geblieben ist ein regelmäßiger Informationsaustausch; von der Idee einer gemeinsamen Prüfstelle oder wenigstens der gegenseitigen Akzeptanz der Prüfergebnisse ist schon lange nicht mehr die Rede.

Daran ändert auch nichts, dass der Druck auf ein gemeinsames europäisches Handeln durch die rasante Medienentwicklung mit den Jahren sogar noch größer geworden ist. Im Vergleich zum Internet, das sich über alle nationalen Grenzen problemlos hinwegsetzt, war das grenzüberschreitende Fernsehen der 1990er-Jahre eher harmlos. tv diskurs hat sich alle Mühe gegeben, im Bereich des Jugendschutzes Veränderungen anzumahnen, zu informieren und Ideen für eine vernünftige Gestaltung des Jugendschutzes der Zukunft vorzustellen. Immerhin ist es nach einer mehr als zehnjährigen Diskussion gelungen, in der Novelle des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags (JMStV), der im Oktober 2016 in Kraft trat, der Medienkonvergenz Rechnung zu tragen und zumindest ansatzweise die Jugendschutzrelevanz nach dem Inhalt und nicht mehr nach dem Vertriebsweg einzuschätzen. Aber auch hier erweist sich das Beharrungsvermögen von Institutionen und Behörden als Bremse, die von allen als vernünftig angesehene gesetzliche Regelung konsequent durchzusetzen.

20 Jahre tv diskurs - 80 Cover, 80 Ausgaben © FSF

20 Jahre tv diskurs – 80 Cover, 80 Ausgaben © FSF

Mit der vorliegenden Ausgabe erscheint die tv diskurs zum 80. Mal. Die Redaktion orientiert sich bei der Wahl des Titelthemas immer daran, was in der Öffentlichkeit zum Thema „Medien und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft“ diskutiert wird. Lange Zeit ging es dabei um inhaltliche Diskussionen: Wie wirkt die Darstellung von Gewalt oder expliziter Sexualität? Kann man Menschen – wie bei Big Brother geschehen – in einen Container sperren und ein Millionenpublikum zuschauen lassen? Von Talkshows, Castingshows und Schönheitsoperationen haben wir berichtet und gefragt, ob daraus Beeinträchtigungen für Kinder und Jugendliche resultieren können. In letzter Zeit sind Fernsehformate, Spielfilme oder Sendungen, die zu öffentlichen Aufregungen und entsprechenden Diskussionen führten, selten geworden. Die Auswirkungen von Medien auf die Gesellschaft und die Rufe nach Verbesserung der Medienkompetenz vor allem bei Jugendlichen haben eher zugenommen, doch der Wunsch nach Gesetzen in der Hoffnung, das Angebot zu regulieren, wird angesichts der technischen Machbarkeitsgrenzen und der unüberschaubaren Menge immer leiser.

20 Jahre tv diskurs bedeuten auch die Chronik einer rasanten medialen Veränderung. Manche Diskussionen, die die Gesellschaft zu erschüttern schienen, kommen uns heute völlig harmlos vor. Andere Themen, wie beispielsweise die völlige Durchdringung unseres Alltags mit medialen Angeboten durch Smartphones und Tablets, werden uns dagegen wahrscheinlich noch eine Weile beschäftigen. Ein ernsthafter, kontroverser, aber doch immer sachlicher Diskurs, dem sich dieses Magazin verschrieben hat, wird sicher auch in Zukunft gebraucht.

Das Editorial der aktuellen Jubiläumsausgabe tv diskurs 80 (2/2017) ist als Podcast auf tvdiskurs.de abrufbar.

Über Joachim von Gottberg

Prof. Joachim von Gottberg ist Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF). Nach seinem Studium der Germanistik und Theologie (Lehramt) baute er in Hannover die Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen auf und beschäftigte sich neben Suchtprävention und Jugendkriminalität mit der Wirkung von Medien. Ab 1985 war er als Ländervertreter bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) tätig, bis er 1994 die Geschäftsführung der FSF übernahm. Er ist Chefredakteur der Fachzeitschrift tv diskurs. Seit 2006 ist Joachim von Gottberg Honorarprofessor für das Fach Medienethik/ Medienpädagogik an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF in Potsdam-Babelsberg.

12. Mai 2017 von Joachim von Gottberg
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