Im Nirwana der Repräsentationskritik

„Wirklich. Fernsehen.
Wirklicher?“
war eine Tagung zu „Scripted Reality“ überschrieben, die am 10. Mai auf Einladung der Medienanstalten in Berlin stattfand.

Die Gastgeber Thomas Langheinrich und Winfried Engel betonten eingangs fast entschuldigend, dass es bei dem als solchen angekündigten „Workshop“ zu Scripted Reality Formaten nicht um aufsichtsrechtliche Fragen und damit nicht um justiziable Jugendschutzprobleme gehe, auch keinesfalls um Geschmacksfragen, vielmehr um eine aus ihrer Sicht dringend notwendige gesellschaftliche Diskussion. Vollständig oder in Teilen gescriptete Doku-Soaps dominieren das Tages- insbesondere das Nachmittagsprogramm der großen Privatsender seit ca. 2 Jahren. Das Genre ist seit 12 Jahren auf dem Vormarsch und eine spezifisch deutsche Erfindung. Die Produktionskosten sind niedrig und die Quoten außerordentlich gut; auch Kinder zwischen 3 und 13 Jahren gucken in relativ großer Zahl regelmäßig Sendungen, die ihren Realitätsgehalt durch Stilmittel, die vor einigen Jahren noch mit dokumentarischem Erzählen assoziiert wurden, bewusst zu verunklaren suchen.

Ist das ein Problem, steht am Ende gar die Glaubwürdigkeit des Fernsehens auf dem Spiel, und falls ja, lässt sich das durch eine Kennzeichnung der Sendungen als fiktional lösen?, so lautete eine der wenigen präzise umrissenen Fragestellungen der Tagung.

Volker Lilienthal, Professor für Qualitätsjournalismus in Hamburg, beantwortete sie mit Ja und Nein: Ein moralisches Problem sieht er in den, von ihm zahlreich in Ausschnitten vorgeführten, gescripteten Soaps schon, denn die emotionale Grundierung dieser Formate sei Verachtung, mit der der Zuschauer sich über die ihm vorgeführten deklassierten, aber vermeintlich realen Menschen erhebe. Eine Kennzeichnung als Fiktion löse das moralische und normative Dilemma allerdings nicht, denn der Anschein von Authentizität werde ja nichtsdestotrotz in jeder Szene vorgegaukelt und bestimme damit den Gesamteindruck.

Hans-Jürgen Weiß, Professor und wissenschaftlicher Leiter des Göfak Medienforschungsinstituts in Potsdam, demonstrierte anhand von Schaubildern, wie sich Reality-Formate inzwischen über alle Programmspalten – auch das ehemals journalistisch dominierte, fernsehpublizistische Segment – streuen. Das Medium drohe mit dieser „Fiktionalisierung der Fernsehpublizistik“ seine Glaubwürdigkeit zu verlieren. Weiß zitierte seinen Kollegen Lothar Mikos mit dem Satz „Es gibt keine Realität im Fernsehen!“, vertrat aber selbst die Ansicht, dass es für die Verarbeitung von Medieninhalten durchaus eine Rolle spielt, welchen Realitätsgehalt man ihnen zuschreibt und berief sich dabei auf Studien zur Kultivationsforschung (Wie prägt das Fernsehen Weltbilder?) in den USA.

Die beiden anschließenden Diskussionsrunden
auf dem Podium widmeten sich der Frage,
was Scripted Reality so erfolgreich macht
(im Vergleich zu Fiction niedrigere Produktionskosten,
zugespitzte Alltagsgeschichten, Unterhaltungswert
auch über das Angebot der downward comparison,
des sich Erhebens über die dargestellten Miseren)
und ob eine Kennzeichnungspflicht wirklich Not tut.
Letzteres wurde eindeutig verneint.

Über Christina Heinen

Christina Heinen studierte Soziologie und absolvierte ihr Volontariat an der Journalistenschule der Evangelischen Medienakademie in Berlin. Sie arbeitete als Freie Journalistin mit den Schwerpunkten Medienthemen, Film- und Fernsehkritik und ist seit 2004 hauptamtliche Prüferin bei der FSF.

11. Mai 2012 von Christina Heinen
Kategorien: Diskurs, Weitere Veranstaltungen | Schlagwörter: | 2 Kommentare

2 Kommentare

  1. Sehr geehrte Frau Heinen,

    gibt es zu dieser Veranstaltung eine Zusammenfassung der Ergebnisse? Falls ja würde ich gerne wissen, wo man sie bekommen kann.

    MfG, F. Lienhardt

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