Stell dir vor, Du langweilst Dich und hast kein Handy!

Die aktuelle Sinusstudie Wie ticken Jugendliche 2016 hat 72 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren zu ihren Lebenswelten, Bedürfnissen, Überlegungen und Gewohnheiten befragt. 

Von Brigitte Zeitlmann und Anke Soergel

Wer die Arbeiten des Sinus-Instituts kennt, der weiß, dass neben narrativen Interviews auch selbst ausgefüllte Fragebögen und fotografische Dokumentationen der Wohnräume dazugehören. Mit Hilfe dieser Expertise werden die Befragten in sogenannte „Sinus-Lebenswelten“ eingeteilt. Um den Effekt abzuschwächen, dass Jugendliche in allzu schematische Schubladen gezwängt werden, überschneiden sich die einzelnen „Kartoffeln“ an vielen Stellen.

Kurzbeschreibung der SINUS-Lebenswelten U18 © sinus

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Die diesjährige Studie beschäftigte sich mit unterschiedlichen Fokusthemen – wie beispielsweise Umweltschutz, Liebe, Glaube, nationale Identität, Flucht und Asyl. Wir haben uns das Thema „Digitale Medien und digitales Lernen“ näher angesehen.

Alles wie gehabt?

Zunächst stechen zwei neue Entwicklungen im Vergleich zur letzten Erhebung 2014 heraus, die eng miteinander verbunden sind. Durch die flächendeckende Versorgung der Jugendlichen mit Smartphones, dazugehörigen Flatrates sowie zahlreichen WLAN-Angeboten haben sich die Online-Zeiten der Jugendlichen intensiviert. Man ist online und muss nicht erst „online gehen“. Neu ist, dass die Eltern die Zeiten, in denen ihr Kind online ist, nun kaum mehr beschränken. Hier unterscheidet die Studie allerdings in den Lebenswelten – Jugendliche aus materialistisch-hedonistischen und prekären Lebenswelten werden etwas stärker reguliert. Eine Grenze erreicht diese Toleranz allerdings in allen Lebenswelten, wenn es um die gemeinsame Zeit am Essenstisch geht oder aber der Schlaf des Zöglings in Gefahr ist.

Außer wenn wir am Tisch sind. Da müssen wir unsere Handys weglegen, weil das meine Mama total stört. (weiblich, 14 Jahre, Adaptiv-Pragmatische)

Die zweite Entwicklung betrifft das Empfinden der Jugendlichen bezüglich ihrer technischen Geräte. War dies bisher meist mit einem Mangelgefühl begleitet, sind nun die ersten Sättigungseffekte erreicht. Konsolen, Computer und Fernseher sind in vielen Familien vorhanden und besitzen die Jugendlichen teilweise selbst. Mit dem Smartphone sind sie fast alle ausgerüstet, dies ist auch ihr wichtigstes technisches Gerät, und abgesehen von möglichen Updates oder neuen Geräteversionen können sie kaum digitale Geräte nennen, die sie noch bräuchten.

Soziale Verarmung durch ständiges Daddeln?

Jugendliche 2016 leben als erste Generation online und tun dies auch, um sozial zu sein. Der gesellschaftliche Charakter von Online-Diensten – jenseits der klassischen Online-Communites – hat sich verstärkt. Es werden Fotos und Videos verschickt sowie Inhalte gepostet und gesichtet. Über  Messenger-Dienste wie WhatsApp werden Aktivitäten geplant und Alltägliches besprochen. Reine digitale Consumer, die nur zuschauen, aber selbst nichts aktiv einbringen, gibt es kaum noch. Das Online-Leben hat aber auch seine Tücken: denn die Angst, etwas zu verpassen drängt einen zum exzessiveren Gebrauch. Den großen Stellenwert des eigenen Smartphones sehen viele Jugendliche deshalb selbstkritisch. Dies mag der Grund dafür sein, dass permanentes Rumtippen auf dem Smartphone bei Partys oder Treffen von ihnen kritisiert wird.

Das Dilemma der Jugendlichen oder: Wo ist das Problem?

Die Sinus-Studie beschreibt ein Dilemma der Jugendlichen. Einerseits benötigen sie das Online-Leben um sich auszutauschen, sich zu verabreden, Input zu erhalten … kurz, um sozial zu sein und mitmischen zu können. Auf der anderen Seite fürchten sie um die Konsequenzen ihrer digitalen Datenspuren. Hier sind sie unsicher und fordern deutlich Unterstützung der Erwachsenen. Die größte Hilfe benötigen sie bei Fragen des Viren- und Datenschutzes, aber auch bei Anliegen des Jugendmedienschutzes und bei Verhaltensfragen in Mobbingfällen.

Wer kann ihnen hier beistehen?

Die Jugendlichen sind sich hier einig: die Schule kann diese Kompetenzen nicht vermitteln. Die Angewohnheit der Lehrer, allein vor den Gefahren des Internets zu warnen, wird von ihnen stark bemängelt. Gefordert wird hingegen eine konkrete Hilfestellung, die Chancen beleuchtet und sie befähigt, diese möglichst risikofrei zu realisieren.

Ich finde, man könnte einfach mehr Internet lernen, also wie man es benutzt und halt so, worauf man achten muss oder welche Möglichkeiten man hat, sich zu schützen. Also, weil die erzählen das einem immer, dass man aufpassen muss, aber letztendlich gezeigt wird es einem nie, wie man es macht. (weiblich, 17 Jahre, Adaptiv-Pragmatische)

Früher war alles besser?

Tatsächlich konnte die Studie bei einigen Jugendlichen eine „anti-digitale Sozialromantik“ feststellen. Die Kinder von heute würden viel stärker mit Medien aufwachsen als sie selbst. Dies gefällt den Jugendlichen teils aus Prinzip, teils aus Neid nicht. Den Neid muss man nicht weiter erklären und auch das Prinzip scheint offensichtlich: Man fürchtet, dass den Kindern Erlebnisse aus dem „real life“ abhandenkommen, und vermisst selbst den weniger digitalisierten Alltag von früher. Andererseits ist man natürlich froh um die Bequemlichkeiten der digitalen Welt, und dies führt uns endlich zu unserem absoluten Lieblingszitat:

Früher, sagt meine Schwester – sie ist zehn Jahre älter als ich –, hat man noch in diesen Telefonzellen telefoniert. Überleg mal, wie krass krank das sein muss, dass man Münzen in diesen Automat reinsteckt. Ich weiß nicht, ich kann mir das nicht vorstellen. Ich kann’s mir einfach nicht vorstellen, dass man kein Telefon in der Tasche hat. Stell dir vor, es passiert was oder mir ist langweilig auf der Straße. Was mache ich?! (weiblich, 16 Jahre, Adaptiv-Pragmatische)

Sind nun alle Jugendlichen gleich?

Die flächendeckende Ausstattung mit Smartphones scheint viele Unterschiede auszugleichen. Bedeutet dies, dass der digital gap nun bald der Vergangenheit angehören wird und alle Jugendliche gleich kompetent, gleich aktiv und gleich angst- bzw. hemmungsfrei am digitalen Content teilhaben? Die Studie unterscheidet hier allerdings: In den Lebenswelten der niedrigen Bildungsgruppen haben die Eltern wenig Umgang mit digitalen Medien. Ihr Arbeitsalltag ist nicht bestimmt durch Internetnutzung und dementsprechend spielt die digitale Kompetenz im Erziehungsalltag keine große Rolle. Jugendliche dieser Lebenswelten wünschen sich deshalb verstärkt eine Einbindung digitaler Medien in den Unterrichtsalltag. Zum einen wegen des Unterhaltungswerts, zum anderen, um überhaupt mit Rechnern und Laptops in Kontakt zu kommen. Das Erlernen von medialen Kompetenzen in Schulen wird von Jugendlichen aus allen Lebenswelten gefordert.

Ticken Jugendliche anders als Erwachsene?

Insgesamt überrascht wenig. Die Jugendlichen haben ähnliche Probleme mit dem digitalen Leben wie auch wir. Klar sind wir in einer anderen Lebenssituation und nicht mehr davon abhängig, eine interessant geführte Unterrichtsstunde zu erhalten – 45 Minuten Physikstunde konnten schrecklich lang sein. Auch das Lernen an Whiteboards bleibt uns erspart und unsere Eltern bitten uns nachts nicht, das Handy auszumachen. Doch der Konflikt zwischen exzessivem Mediengebrauch einerseits und Bedenken über die hinterlassenen Datenspuren andererseits ist auch für uns Alltag. Auch das Gefühl etwas zu verpassen, wenn man nicht kontinuierlich irgendeine App öffnet und Änderungen verfolgt, kennen wir gut.

Im Jugendmedienschutz kennen wir uns allerdings besser aus, und hier bietet sich gleichzeitig die Chance, die richtigen Fragen zu stellen und wertvolle Hilfestellungen anzubieten.

 

Die Studie ist bei Springer VS erschienen und erstmals als Open-Access-Veröffentlichung hier frei verfügbar.

Über Brigitte Zeitlmann

(Medienwissenschaftlerin) ist hauptamtliche Prüferin der FSF und Prüferin der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) sowie Mitglied der Jury des Grimme-Preises und der Auswahlkommission der Berlinale (Sektion Generation).

11. Mai 2016 von Brigitte Zeitlmann
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