Von der Todesanzeige bis Facebook

Trauerkultur und Medien gestern und heute

Die Trauer- und Erinnerungskultur befindet sich derzeit in einem grundlegenden Umbruch. © Barbara Weinert
Klassische Schauplätze – wie der Friedhof – verlieren zunehmend an Bedeutung. Umgekehrt spielt der öffentliche Raum eine immer wichtigere Rolle. Dies gilt einerseits für den realen, andererseits für den digitalen Raum. Historisch kannte die Trauerkultur unterschiedliche Medien – von der Traueranzeige in der Tageszeitung über inszenierte Begräbnisse in Film und Fernsehen bis zu Facebook. Diese Medien haben sich maßgeblich auf Praktiken und Kommunikation von Trauer ausgewirkt.

Von Dr. Norbert Fischer

Über Facebook, digitale Traueranzeigen und virtuelle Friedhöfe

Die Kulturwissenschaftlerin Sabine Schaper untersuchte jüngst am Beispiel eines tödlich verunglückten Jugendlichen die Praktiken der Trauer- und Erinnerungskultur auf dessen Facebook-Profil. Als Akteure traten sowohl die Kernfamilie als auch der Freundeskreis auf. Bedeutsam waren vor allem die hohe Zahl der Anteil nehmenden User, die Vielfalt der kulturellen Muster und die kommunikativen Beziehungen untereinander. Als bemerkenswert zeigte sich darüber hinaus die relative Langlebigkeit der auf Facebook vollzogenen Trauerbekundungen – nämlich über mehrere Jahre hinweg. Sie geschahen im Übrigen parallel zu den klassischen Formen der Trauer vor Ort: von der Leichenaufbahrung und Trauerfeier über die Beisetzung auf dem lokalen Friedhof, Grabgestaltung bis hin zu weiteren öffentlichen Trauerformen wie einer schulischen Gedenkfeier. Insgesamt zeigt sich, dass digitale Praktiken die klassischen Formen der Trauer- und Erinnerungskultur nicht aufheben, sondern um neue Dimensionen erweitern. In diese Richtung verweist auch die Studie von Katrin Gebert über Erinnerungskultur im Internetzeitalter aus dem Jahr 2009.

Überhaupt spielt der digitale Bereich für Trauer eine immer größere Rolle. Auch Traueranzeigen in der Tagespresse werden seit einigen Jahren immer häufiger digital veröffentlicht. Hier erweitert sich gegenüber der gedruckten Todesanzeige die Kommunikationsrichtung, denn online können – gegen entsprechendes Entgelt – digitale „Kerzen“ angezündet oder private Trauerbekundungen veröffentlicht werden.

Bereits seit den 1990er-Jahren sind sogenannte virtuelle Friedhöfe und digitale Gedenkseiten bekannt. Nicht selten ähneln sie in der Gestaltung klassischen Grabmälern, gleichwohl bieten sie ausgefeiltere Möglichkeiten der Trauer. Manche Einträge umfassen seitenlange (Lebens-) Geschichten , persönliche Dokumente wie Tagebuchaufzeichnungen, Fotos, Videos, Musik, Erinnerungsobjekte. Die Möglichkeit, elektronische Botschaften zu hinterlassen, erinnert an die Kieselsteine, mit denen die Besucher jüdischer Friedhöfe den Toten ihre Reverenz erweisen. In ihrer Gesamtheit werden die Gedenkseiten mit einer riesigen labyrinthischen Erinnerungsstätte verglichen, in deren bisweilen mehreren tausend Einträgen man beliebig „spazieren“ kann. Jenseits dieser privaten Gedenkseiten gibt es auch solche für berühmte Verstorbene sowie kollektive Erinnerungsseiten, z. B. von Selbsthilfegruppen wie den Verwaisten Eltern und trauernden Geschwistern in Deutschland e. V. (VEID). Es sei nicht versäumt, darauf hinzuweisen, dass auch virtuelle Tierfriedhöfe zunehmend an Beliebtheit gewinnen.

Allgemein präsentiert sich die Trauerkultur des frühen 21. Jahrhunderts als multidimensionaler Ausdruck neuer wie auch traditioneller Elemente. Der neue Umgang mit dem Tod hat zum „Bestattungsritual im Übergang“ (Corina Caduff) geführt. Es zeigt sich in der Auflösung traditioneller Rituale bei gleichzeitiger Entfaltung neuer Muster. Entstanden sind Patchworkzeremonien, in denen selbstbestimmte Elemente einen höheren Stellenwert als zuvor gewinnen. Die zeremoniellen Abläufe können ein persönlich gestaltetes und angelegtes Totenkleid umfassen, die Bemalung des Sarges, eigene Reden und eigene musikalische Darbietungen. Insgesamt steigt der Anteil individueller, d. h. nicht ritualisierter Elemente, die Hinterbliebenen greifen aktiv in die Gestaltung ein. Gleichwohl werden weiterhin grundlegende Elemente der Bestattung institutionell organisiert (Bestatter, Trauerredner u. a.).

Weiterlesen? Dieser Beitrag von Dr. Norbert Fischer ist in voller Länge in der aktuellen tv diskurs 3/2015 Ausnahmezustand. Unser Umgang mit medialen Darstellungen von Krisen und Katastrophen erschienen und steht hier als Download zur Verfügung.

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28. September 2015 von tv diskurs
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