„Lieber die Qualität erhalten und später ausstrahlen“

Aus dem Alltag eines Jugendschützers bei VIMN Germany

Wie sieht ein gewöhnlicher Tag als Jugendschützer bei MTV, VIVA, COMEDY CENTRAL und NICKELODEON aus? Gibt es Risikodimensionen, z.B. Gewalt oder Sexualität, die eine besonders große Rolle spielen? Und tun Schnitte weh?
Sascha Pridat beantwortete uns einige Fragen rund um seinen Alltag als Jugendmedienschutzbeauftragter bei VIMN Germany.

Sie arbeiten als Jugendschützer bei VIMN Germany, schauen Sie da eigentlich den ganzen Tag Filme, Serien und Musikclips? Wie sieht ein gewöhnlicher Arbeitstag bei Ihnen aus?

Zunächst hofft man als Jugendschützer morgens, dass keine Beschwerden eingetroffen sind. Ein erster Indikator dafür, dass man einen guten Job gemacht hat. Dann sichte ich unsere Neulizensierungen entweder im Original, um einen ersten Eindruck zu erhalten, oder die Episoden, die aus der Synchro eingetroffen sind. Für eine Altersklassifizierung zählen immer nur die deutschen Sprachfassungen, da auf der Dialogebene in der Übersetzung ja etwas verändert werden könnte, das z.B. aus einem „ab 6“- ein „ab 12 Jahre“-Programm rechtfertigt oder auch anders herum.
Bei manchen Serien reicht es, die ersten zwei bis drei Episoden zu sichten, um schnell festzustellen, welche Altersbewertung die ganze Staffel erhalten wird. Bei den Sitcoms ist die Einschätzung meist sehr einfach. Aus Jugendschutzperspektive komplizierte Serien, wie z.B. unsere Cartoons South Park oder American Dad, sichte ich komplett durch und lasse sie bei eigenen Unsicherheiten hinsichtlich der Risikodimensionen von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) prüfen. Werden Schnittauflagen seitens der FSF vorgegeben, schneide ich diese Szenen raus und koordiniere mit unserem Sendezentrum in Amsterdam die technisch administrative Umsetzung.

Bei der Masse an täglichen Materialien kann ich mir nicht alles alleine anschauen. Unsere Programmeinkäufer und Redaktionen legen mir bei Auffälligkeiten die entsprechenden Episoden, Trailer oder Musikclips vor. Jugendschutz ist immer auch Teamwork. Unumgänglich sind deshalb regelmäßige Fortbildungen, die wir als Rechtsabteilung durch interne oder externe Schulungen seitens der FSF oder FSM für die Kolleginnen anbieten.

Darüber hinaus bin ich auch für das Einhalten des Werberechts im kinderaffinen Umfeld mitverantwortlich. Ich überprüfe beispielsweise Werbekonzepte, die mir von unserer Marketingabteilung vorgelegt werden und diskutiere anhand der Storyboards, wie der ein oder andere Satz im Wording z.B. weniger zur direkten Kaufaufforderung von Produkt XY verleiten könnte.

Wie kommt man überhaupt dazu, Jugendschützer zu werden?

Ich habe Film-/ Fernsehwissenschaft und Politikwissenschaft studiert; bereits während meines Studiums den Schwerpunkt auf Medienpädagogik und -politik gelegt. Seit zehn Jahren arbeite ich bei VIMN Germany ehemals MTV Networks, die ersten acht Jahre mit verschiedenen Tätigkeitsschwerpunkten, wie Materialkoordinator, Synchronredakteur, Producer etc. Mir wurde die Möglichkeit geboten, sowohl Einblicke in die technische als auch in die inhaltliche Seite eines Fernsehsenderbetriebs zu erhalten. Diese Querschnittsqualifikationen sind natürlich für einen Jugendschützer Gold wert. JMStV und Werberecht musste ich mir im Detail dann noch genauer aneignen, um die entsprechenden Rechtsquellen für die Stellungnahmen nach Beschwerdeeingängen hinzuziehen zu können.

Zudem bin ich Vater von vier Kindern. Die Söhne sind 21 Jahre alt, die Mädchen 4 und 6. Ich muss mich also bereits seit Jahren mit dem Thema auch im privaten Bereich auseinandersetzen. 

Wie groß ist die Jugendschutzabteilung in Ihrem Sender?

Den eigentlichen Jugendschutz mache ich alleine. Anfragen hinsichtlich Compliance (Rechtstreue/Regelkonformität) beantworten wir zu zweit.

Programme werden hinsichtlich verschiedener Risikodimensionen bewertet. Gibt es eine Risikodimension (z.B. Gewalt oder Sexualität), die in Ihrer Arbeit die größte Rolle spielt, wenn ja, welche?

Die schwer einzuschätzende Risikodimension „sozialethische Desorientierung“ nimmt derzeit den Hauptstellenwert ein, zum Beispiel bei der US-Panelshow Ridiculousness. Hier muss viel Schnittarbeit geleistet werden, da die FSF über einzelne Youtubeclips, die Hauptbestandteil der Show sind, ein komplettes Ausstrahlungsverbot verhängt. Bei den Cartoons ist es eher die Dimension der „Angsterzeugung“, da das Gewaltniveau in Teilbereichen für eine Platzierung im Tagesprogramm zu hoch wäre. Und bei den Musikclips sind es dann eher die Indikatoren „Drogenverherrlichung“ und/oder „Sexualität/Sexismus“.

Einige Programme werden beim Sender geschnitten, bevor sie bei der FSF zur Prüfung eingereicht werden? Macht es eigentlich Spaß oder tut es eher weh, wenn man Filme, Serien oder Musikvideos „zerschneiden“ muss?

Da wir nur sehr selten Filme oder Serien zeigen, die vorab von der FSK geprüft wurden, ist es meist nicht notwendig, eine neue Fernsehfassung der FSF vorzulegen. Das ist der Vorteil eines Senders, der viele Premieren ausstrahlt. Wenn die FSF ihrerseits die Schnitte vorgibt, hängt es immer von dem Format ab, ob es weh tut. Ridiculousness lässt sich gut im Schnitt bearbeiten, ohne den Charakter dieser Clip-Show maßgeblich zu verändern.

Manche Szenen aus Serienepisoden oder auch Filmen lassen sich nicht schneiden. Gerade wenn die Risikodimension auf der narrativen Ebene liegt. Es würde redaktionell keinen Sinn machen, wenn die Erzählstruktur unterbrochen wird und wichtige Informationen durch den Schnitt vorenthalten werden. Wir erhalten lieber die Qualität und strahlen dann ab 20 Uhr oder später aus. Für die Geschichte überflüssige Gewaltspitzen, wie sie häufig in den Cartoons vorkommen, lassen sich meist mit gutem Gewissen entfernen.

Bei Musikvideos müssten die entfernten Bilder ersetzt werden. Außer sie lägen glücklicherweise am Ende des Clips, einem Bereich, in dem ein Ausfaden der Audiospur möglich wäre. Die Länge des Musikstücks gibt die Laufdauer des Videos vor. Hier würden wir eher auf das Pixeln ausweichen, wenn uns das Label keine andere Schnittfassung liefern kann.

Können Sie privat noch Fernsehen schauen, ohne die Jugendschutzeinschätzungen im Kopf zu haben?

© Sascha Pridat
© Sascha Pridat

Die Trennung von Beruf und Privat funktioniert glücklicherweise schon seit Jahren gut. Wenn ich Serien oder Filme schaue, dann genieße ich es, sie mit dem privaten Auge anzusehen.
Eine Vermischung von Beruf und Privat wird dann wieder vermehrt stattfinden, wenn meine Töchter ihr eigenes Handy oder Tablet bekommen und mir die Kontrolle über das lineare Fernsehen verloren geht. Wir Eltern stehen dann in der besonderen Verantwortung, die Freigaben auf diesen Endgeräten mit Hilfe von Jugendschutzprogrammen altersentsprechend zu filtern und vor allen Dingen, sich mit den Kindern über die Medienangebote zu unterhalten, um ihre Medienkompetenz zu stärken.

Wir danken Ihnen recht herzlich für Ihre Zeit und die Beantwortung unsere Fragen!

 

Wie verläuft eine Programmprüfung bei der FSF?
Der Weg eines Films beschreibt beispielhaft das FSF-Prüfverfahren. Der letzte Woche erschienene Beitrag ist der Auftakt zu einer Serie von Interviews mit einigen Jugendschutzbeauftragten bei FSF-Mitgliedssendern.

Weitere Informationen zur FSF-Programmprüfung sind auf unserer Website abrufbar.

Über FSF

Die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) ist ein gemeinnütziger Verein privater Fernsehanbieter in Deutschland. Ziel der FSF ist es, einerseits durch eine Programmbegutachtung den Jugendschutzbelangen im Fernsehen gerecht zu werden und andererseits durch Publikationen, Veranstaltungen und medienpädagogische Aktivitäten den bewussteren Umgang mit dem Medium Fernsehen zu fördern. Seit April 1994 lassen die Vereinsmitglieder ihre Programme bei der FSF prüfen, seit August 2003 arbeitet die FSF als anerkannte Selbstkontrolle im Rahmen des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags (JMStV).