Blick auf das Kinderfernsehen – vom TV zum Streamingdienst

1995 ging mit SUPER RTL das erste Vollprogramm für Kinderfernsehen auf Sendung; allerdings zunächst noch mit angezogener Handbremse. Das Programmschema bediente zwar den reichweitenstarken Vorabend ab sofort mit Kinderprogrammen, aber zu anderen Tageszeiten gab es auch Serien für Erwachsene. Erst die Nachfrage der Kinder sorgte dafür, dass man ein Jahr später in der kompletten Daytime auf kinderaffines Programm setzte. Im gleichen Jahr kam Nickelodeon (heute Nick) als Anbieter hinzu und 1997 schließlich noch der Kinderkanal (heute KiKA).

© Myst - Fotolia.com

© Myst – Fotolia.com

Das gewachsene Angebot an Kinderprogrammen bewirkte etwas Entscheidendes: Kinder schauten seitdem TV-Inhalte, die für sie gedacht und gemacht waren – also klassisches Kinderfernsehen. Bis 1995 sahen sie auch schon immer fern, aber eben eher Inhalte aus dem Erwachsenenbereich – wie Gute Zeiten, schlechte Zeiten, Herzblatt, Knight Rider, Alf etc. Mit zunehmender Verbreitung von Kinderprogrammen stieg der Anteil der mit Kinderfernsehen verbrachten Zeit bei Kindern im Alter 3-13 Jahre auf 51% (Hofmann, Ole: Kids-Report 2009). Im Jahr 1993 lag er bei 25%. Dabei ist zu beachten, dass sich – entgegen aller Erwartungen – die Sehdauer von Kindern durch das zunehmende Angebot nicht erhöht hat. Sie lag 1993 bei 94 Minuten und 2010 bei 93 Minuten. Fazit: Wenn man Kindern ein auf sie zugeschnittenes Angebot zugänglich macht, dann nutzen sie es auch.

Natürlich wurde von Beginn an über die Qualität des Kinderfernsehens gestritten. Aber gerade vor dem Hintergrund von YouTube, SOVD und Mediatheken bleibt festzuhalten, dass sich die erwähnten Kindersender stets an die Jugendschutzrichtlinien, Werberichtlinien und weitere Vorgaben gehalten haben. Für die Programme werden Lizenzen erworben und alle Urheberrechte sauber geklärt. Und schließlich arbeiten in allen Sendern verantwortungsvolle Mitarbeiter und Redakteure, die mit pädagogischer Expertise die Programme auswählen und kuratieren. Begleitet werden sie jeweils durch Markt- und Rezeptionsforschung und sie beteiligen sich stets am gesellschaftlichen Diskurs zum Kinderfernsehen.

20 Jahre später ist das Angebot an Bewegtbild-Inhalten unüberschaubar geworden. Über eine Vielzahl an Kanälen erhält man Zugang zu Content, der an Vielfalt und Bandbreite nicht zu überbieten ist. Für Kinder stellt sich die Situation ähnlich – und doch auch ganz anders dar – als noch vor 20 Jahren. Das riesige Angebot ist hauptsächlich für Erwachsene gemacht und gedacht – und für Kinder geht es darum, die für sie geeigneten Inhalte zu finden bzw. sie vor den für sie nicht geeigneten Inhalten fernzuhalten. Dieses „Fernhalten“ funktionierte bis dato über Sendezeitbeschränkungen im TV. Und ist im Netz nicht durchsetzbar.

Vor 20 Jahren bestand die „Lösung“ darin, Kindern eigene TV-Sender zu bieten und sie somit sehr einfach auf die für sie gemachten Inhalte aufmerksam zu machen. Aber wie schaffen wir das in Zeiten von YouTube, Netflix und Amazon, wo der Algorithmus die Inhalte anbietet – oder der leichtsinnig eingegebene Suchbegriff?

Tatsache ist doch, dass es die guten Plattformen mit den Kinderinhalten alle gibt. Jeder Kindersender bietet in seinen Mediatheken, auf Apps und auch auf Video-On-Demand-Plattformen gutes Kinderfernsehen an. Und auch von anderen Anbietern, z.B. der Filmwirtschaft, pädagogischen Initiativen, Verlagen etc. gibt es tolle Inhalte. Aber Kinder finden diese nur spärlich und sind stattdessen auf YouTube, MyVideo, Facebook und Snapchat unterwegs, wo sie auf Bewegtbild stoßen, das nicht für sie gedacht ist und wo es vor allen Dingen keine redaktionelle Betreuung der Inhalte gibt. Und leider gehen die meisten Eltern unreflektiert mit dieser Video-Nutzung von Kindern um und sind nicht in der Lage, sie adäquat zu begleiten.

Es muss also in der Medienpädagogik und im Jugendschutz ganz dezidiert darum gehen, Eltern und Kinder dazu zu befähigen, Kinderinhalte problemlos zu finden. Das ist heute schwerer als vor 20 Jahren, wo man mit der Fernbedienung einfach ein paar Programmplätze weiterspringen musste. Aber es ist machbar, indem sich alle die zusammentun, die Verantwortung übernehmen wollen für kindliche Mediennutzung und konstruktiv daran mitarbeiten wollen, dass Kinder die Inhalte finden, die sie auch suchen.

Über Birgit Guth

Birgit Guth, geboren 1967, ist seit 1995 Leiterin der Medienforschung bei SUPER RTL. In ihrer Verantwortung liegen die Konzeption und Durchführung zahlreicher Studien zum Kinderfreizeit-Verhalten sowie zur Fernseh- und Mediennutzung von Kindern. Außerdem verantwortet sie viele Fachtagungen zum Thema „Kinder und Medien“ und referiert bei Fortbildungen oder als Lehrbeauftragte. Von 2001 bis 2008 war sie zusätzlich als Jugendschutzbeauftragte bei SUPER RTL tätig und leitete das Qualitätsmanagement des Senders. Guth hat Kommunikationswissenschaften, Germanistik und Marketing in Essen studiert. Sie engagiert sich zudem in verschiedenen medienpädagogischen Projekten, wie fragFINN, Media Smart und dem Erfurter Netcode. Außerdem ist sie Mitglied im Kuratorium der FSF. In ihrem Blog Kurzundguth schreibt sie über Daten und Kommentare zu Kindern, Medien, Fernsehen, Medienpädagogik und Jugendschutzthemen.

20. Dezember 2017 von Birgit Guth
Kategorien: Jugendmedienschutz, Jugendschutz | Schlagwörter: , , , | Schreiben Sie einen Kommentar

Schreiben Sie einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert


× 5 = dreißig