Jugendschutz macht kein Wochenende

Wie sieht der Alltag eines Jugendschützers für die Mediengruppe RTL Deutschland aus? Dr. Manuel Ladas über Tatortermittlerserien ohne Tatort, das Dauerbrennerthema „Sexualität“ bei Zuschaueranfragen und die Herausforderungen des mobilen Medienkonsums

Arbeitsplatz eines Jugendmedienschutzbeauftragten bei der Mediengruppe RTL Deutschland © Manuel Ladas

Sie arbeiten als Jugendschützer für die Mediengruppe RTL, schauen Sie da eigentlich den ganzen Tag Filme und Serien? Wie sieht ein gewöhnlicher Arbeitstag bei Ihnen aus?

Natürlich ist es sehr wichtig, das eigene Programm (und auch das der Konkurrenz) genau zu kennen, um angemessene Jugendschutzentscheidungen treffen zu können. Neben der Einstufung fertig vorliegender Sendungen beraten wir aber auch die Redaktionen der Sender, so dass schon vor bzw. während der Produktion von Formaten sowie beim Einkauf von Lizenzprodukten die Fragen des Jugendschutzes beachtet und eventuelle Problemfelder frühzeitig erkannt werden. Außerdem halten wir ein Auge darauf, dass alle Programme zur richtigen Sendezeit eingeplant werden, und dass alle wichtigen Hinweise („Die folgende Sendung ist für Zuschauer unter 16 Jahren…“) und Angaben (z.B. Altershinweise in den EPGs, Alterslabel in den Online-Angeboten) gesetzeskonform auftauchen. Und schließlich sind wir auch Ansprechpartner für Zuschauer, Selbstkontrollen und Aufsichtsgremien.

Ein weiterer großer Teil unserer Arbeit ist die Schnittbearbeitung jugendschutzrelevanter Programme. Wir halten es für wichtig, dass die jugendschutzbezogene Beurteilung einer Sendung und die technische Umsetzung des Schnitts in derselben Hand liegen – so kann man Jugendschutzaspekte und Ästhetik des Schnitts optimal aneinander anpassen.

Da Kinder und Jugendliche die Angebote der Mediengruppe RTL zunehmend auch über ihre Smartphones, Tablets und PCs nutzen, gewinnt dieser Bereich für unsere Arbeit stark an Bedeutung. Im Vordergrund steht hier die (Weiter-)Entwicklung technischer Jugendschutzlösungen für jede Plattform. Damit haben Eltern dann die Möglichkeit, das Programm genau an den Entwicklungsstand ihrer Kinder anzupassen – egal auf welchem Gerät sie es schauen.

Wie kommt man überhaupt dazu, Jugendschützer zu werden?

Die Werdegänge der RTL-Jugendschutzredakteure sind sehr bunt gemischt. Von Soziologen über Kommunikationswissenschaftler bis zu Theologen ist bei uns alles vertreten, was die Sozialwissenschaften so hergeben. Die früheren beruflichen Wege beim Fernsehen umfassen Programmplanung, Spielfilm- und Serienredaktion und viele andere Bereiche. Allgemein kann man sagen: Wer sich für Medienwirkungsforschung und die gesellschaftspolitischen und pädagogischen Aspekte des Fernsehens ebenso interessiert wie für planerische, filmästhetische und technische Fragen, der wird sich im Bereich Jugendschutz wohlfühlen.

Wie groß ist die Jugendschutzabteilung in Ihrem Sender?

Die Jugendschutzabteilung der Mediengruppe RTL Deutschland hat sieben Mitarbeiter, die sich um die Sender RTL, VOX, n-tv, RTL Nitro, RTL plus, RTL Crime, RTL Passion, RTL Living, GEO Television sowie alle Online-Angebote der Mediengruppe kümmern. Aufgrund des regen Austauschs von Programmen zwischen den Sendern und im Sinne einer einheitlichen Jugendschutz-Spruchpraxis innerhalb der Mediengruppe erweist es sich tagtäglich als sehr sinnvoll, alle Bereiche und Sender von einer einzigen Jugendschutzabteilung betreuen zu lassen.

Programme werden hinsichtlich verschiedener Risikodimensionen bewertet. Gibt es eine Risikodimension (z.B. Gewalt), die in Ihrer Arbeit die größte Rolle spielt, wenn ja, welche?

Die Gewichtung der verschiedenen Risikodimensionen verschiebt sich vor allem mit der Zeitschiene, in der eine Sendung ausgestrahlt werden soll. Während im Nachmittagsprogramm Fragen der Ängstigung jüngerer Kinder die größte Rolle in unserer Arbeit spielen, verschiebt sich das Spektrum im Spätabendprogramm eher in Richtung Gewalt. Bei den Zuschaueranfragen ist übrigens das Thema Sexualität ein Dauerbrenner, wobei es auf diesem Gebiet oft mehr um Image- und Geschmacksfragen als um tatsächliche Jugendschutzaspekte geht.

Einige Programme werden beim Sender geschnitten, bevor sie bei der FSF zur Prüfung eingereicht werden? Macht es eigentlich Spaß oder tut es eher weh, wenn man Filme, Serien oder Musikvideos „zerschneiden“ muss?

Natürlich freuen wir uns immer, wenn wir den Zuschauern eine Sendung so vollständig wie möglich zeigen können. Und über das gesamte Programm eines Senders betrachtet, stellen geschnittene Fassungen auch nur einen sehr kleinen Bruchteil dar.

So gibt es zum Beispiel einige ältere Krimiserien, die sich zwar nicht mehr für die Primetime eignen, die tagsüber aber durchaus noch ihr Publikum finden können. In solchen Fällen liegt es dann nahe, über einen Einsatz im Tagesprogramm nachzudenken – selbst wenn das bedeutet, dass aus einer Serie über Tatortermittler die Tatorte rausgeschnitten werden müssen …

Was hier zunächst nach keiner guten Idee klingt, relativiert sich in der Praxis übrigens durch die äußerst redundante Dramaturgie der meisten Fernsehserien: Alle für die Story relevanten Details werden mehrfach gezeigt und danach immer wieder verbal thematisiert. So verbleibt auch nach einer Schnittbearbeitung noch eine schlüssige und spannende Geschichte – durch die jüngere Kinder aber nicht mehr nachhaltig geängstigt werden.

Wenn Serien zur Prüfung anstehen – welche Arbeitsschritte müssen pro ausgestrahlter Episode erfolgen?

Zunächst schauen wir uns die Serie an und entscheiden, ob sie für die geplante Sendezeit offensichtlich unbedenklich ist, oder ob ein Urteil der FSF notwendig erscheint. Wie viele Episoden wir der FSF vorlegen und ob wir sie vorab bearbeiten, hängt immer vom Einzelfall ab. Sind nur einzelne Schnittauflagen zu erwarten, lassen wir den Prüfausschuss lieber die ungekürzte Fassung anschauen. Wenn eine massivere Bearbeitung nötig ist, legen wir direkt eine gekürzte Fassung vor.

Können Sie privat noch Fernsehen schauen, ohne die Jugendschutzeinschätzungen im Kopf zu haben?

Wenn beim sonntäglichen Tatort-Schauen mal wieder Gehirne durch die Gegend fliegen (also im Fernseher, nicht davor), dann drängen sich natürlich schon Jugendschutzfragen auf …

 

Wir danken Ihnen recht herzlich für Ihre Zeit und die Beantwortung unsere Fragen!

Über Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen

Die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) ist ein gemeinnütziger Verein privater Fernsehanbieter in Deutschland. Ziel der FSF ist es, einerseits durch eine Programmbegutachtung den Jugendschutzbelangen im Fernsehen gerecht zu werden und andererseits durch Publikationen, Veranstaltungen und medienpädagogische Aktivitäten den bewussteren Umgang mit dem Medium Fernsehen zu fördern. Seit April 1994 lassen die Vereinsmitglieder ihre Programme bei der FSF prüfen, seit August 2003 arbeitet die FSF als anerkannte Selbstkontrolle im Rahmen des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags (JMStV).

30. Juni 2016 von Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen
Kategorien: Jugendmedienschutz | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | Schreiben Sie einen Kommentar

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