Große und k(l)eine Erwartungen

Klickvergrößernd: Die doku.klasse während der Analyse des Stoffes "Maria Luisa" von Eva Hausberger; doku.klasse Duisburg (Initiative von doxs! in Zusammenarbeit mit Grimme-Akademie, Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen und Filmredaktion 3sat) Foto: © doxs!/Sven Neidig

doku.klasse © doxs!/Sven Neidig

Man kennt das Phänomen nur allzu gut, wenn Pädagogen mit Schülerinnen und Schülern arbeiten. Alle Seiten erwarten etwas. Eine gute Performance hier, aktive Mitarbeit dort und am besten noch einen interessanten Stoff. Häufig werden Erwartungen auch enttäuscht. Umso besser, wenn man für ein Projekt arbeiten kann, bei dem irgendwie alles passt: Motivation, Performance und guter Stoff. Die doku.klasse ist ein Gemeinschaftsprojekt von doxs! Duisburg in Zusammenarbeit mit dem Fernsehsender 3sat, der Grimme-Akademie und der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen.

Klickvergrößernd: Die doku.klasse während der Analyse des Stoffes "Maria Luisa" von Eva Hausberger; doku.klasse Duisburg (Initiative von doxs! in Zusammenarbeit mit Grimme-Akademie, Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen und Filmredaktion 3sat) Foto: © doxs!/Sven Neidig

doku.klasse © doxs!/Sven Neidig

Ein sicher bisher einmaliges Projekt in Deutschland. Zwölf junge Erwachsene, also die doku.klasse, setzen sich mit dokumentarischen Stoffen auseinander, die potenzielle, aber noch nicht realisierte Fernsehdokumentarfilme sind. Stoffe, die für das Format Ab 18! eingereicht wurden. Ein Fernsehformat von 30 bis 45 Minuten Länge, das sich weniger journalistisch investigativ als durch eine eigene künstlerische Handschrift auszeichnen soll. Thematisch fokussieren die Stoffe auf die Gefühls- und Erlebniswelt von Jugendlichen. Wenn alles gut läuft, wird das Treatment von 3sat realisiert und ein Jahr später aufgeführt, sowohl im Fernsehen als auch bei doxs! dem Dokumentarfilmfestival für Kinder und Jugendliche. Heute kann man beispielsweise Diego von Kristina Konrad um 22.25 Uhr auf 3sat sehen, ein Film, der in der doku.klasse des letzten Jahres vorgestellt wurde.

Klickvergrößernd: Maria Luisa (von Regisseurin: Eva Hausberger); Foto: http://www.do-xs.de/presse.html

Maria Luisa

Vielleicht geht es dem Stoff der Österreicherin Eva Hausberger auch so. Spannend ist die Geschichte mit dem Arbeitstitel Maria Luisa allemal. Darin geht es um die auf Malta lebende Millionärstochter Marie Luisa, die ihr Ziel – ein Studium zu beginnen – aufgegeben hat, um auf dem Schiff der elterlichen Initiative zur Rettung von Flüchtlingen in Seenot mitzuwirken. Eine Initiative, die mittels perfekter Selbstdarstellung Medienaufmerksamkeit generiert, um wiederum Spendengelder zu akquirieren. Luisa ist Teil dieser PR-Maschinerie. Das Treatment arbeitet auf der einen Seite mit der Faszination und der Glaubwürdigkeit, die Luisa ausstrahlt und andererseits mit dem Anspruch, hinter die Fassade einer Person zu gelangen, die ein bestimmtes Bild von sich erzeugen will.

In der Analyse des Treatments kann man dann auch beide Wahrnehmungen der doku.klasse erkennen. Matthias bringt seine Skepsis zum Ausdruck, weil er nicht weiß, ob der Film am Ende nicht gar selbst zu einer PR-Aktion werden würde. Bengi irritiert, dass die Flüchtlinge persönlich kaum eine Rolle spielen sollen. Aber gleichzeitig wurde deutlich, dass hier ein Porträt gezeichnet wird, das sich Zeit lässt, genauer hinschaut und damit alles andere als Propaganda ist. Stefan hebt hervor, dass man einfach wissen will, was Maria Luisa wirklich bereit ist, für dieses Engagement aufzugeben.

Klickvergrößernd: Die doku.klasse während der Analyse des Stoffes "Maria Luisa" von Eva Hausberger; doku.klasse Duisburg (Initiative von doxs! in Zusammenarbeit mit Grimme-Akademie, Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen und Filmredaktion 3sat) Foto: © doxs!/Sven Neidig

doku.klasse mit E. Hausberger © doxs!/Sven Neidig

Es ist für alle ein Luxus, sich mit einem Stoff so intensiv zu beschäftigen, denn man lernt, wie Sprache bestimmte Bilder und Vorstellungen hervorrufen kann und durch welche Elemente eine Dramaturgie erkennbar wird. In Eva Hausbergers Konzept sind es manchmal nur Andeutungen, die Neugier und auch Fragen aufwerfen. So wird kurz erwähnt, dass ihr Stiefvater seine Millionen mit Kriegsversicherungen von Soldaten verdiente. Zunächst ein scheinbarer Widerspruch zum Flüchtlingsengagement, wie Ibrahim aus der doku.klasse feststellt und mehr darüber erfahren möchte.

Apropos mehr wissen wollen: An Tag zwei der Beschäftigung mit Eva Hausbergers Stoff ist die Filmemacherin und Autorin selbst anwesend. Sie zeigt ehemalige Arbeiten von sich und spricht über ihren Werdegang. Auch daran ist die doku.klasse sehr interessiert, schließlich geht es auch bei ihnen gerade um Orientierung, Ausbildung, Studium und was man wie im Leben erreichen kann. Da ist es wieder, das Thema der Erwartungen.

Klickvergrößernd: Eva Hausberger und Leopold Grün (FSF); doku.klasse Duisburg (Initiative von doxs! in Zusammenarbeit mit Grimme-Akademie, Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen und Filmredaktion 3sat) Foto: © doxs!/Sven Neidig

Eva Hausberger, Leopold Grün © doxs!/Sven Neidig

Zu ihrem Stoff werden Eva Hausberger viele Fragen gestellt und es entwickelt sich ein intensives Gespräch. Ibrahim fragt, wie sie mit den Bildern von in Seenot geratenen Flüchtlingen umgehen wird und was wäre, wenn die Erlebnisse, die sie auf dem Boot machen wird, ihre Filmidee verändern. Delias Frage zielt darauf ab, wieviel Raum das Luxusleben der Familie im Film einnehmen wird. Bengi beschäftigen immer noch die Flüchtlinge, die im Treatment wenig thematisiert wurden. So kam es zur Diskussion über die Kraft und Macht der Bilder. Was muss gezeigt oder kann vielleicht als Kino im Kopf vorausgesetzt werden? Führen betroffen machende Bilder von Flüchtlingen nicht dazu, dass man sie für seine Zwecke instrumentalisiert? Die Autorin stellt klar, dass sie mehr erreichen möchte als Betroffenheit und deshalb zwar nicht auf die Bilder von Flüchtlingen auf dem Boot verzichten will, aber auf die klassischen ikonografischen Bilder von Flüchtlingsströmen. Sie möchte anders, ruhiger und unaufgeregter damit umgehen.

Es sind also auch viele ethisch moralische Diskussionspunkte, die sich mit den Fragen zur filmischen Umsetzung verbinden. Stefan will wissen, warum Eva Hausberger die Kamera selbst führen wird, welche Vor- und Nachteile sich dadurch ergeben. Flexibel und in einem kleinen Team zu arbeiten, das ist ihr sehr wichtig und schaffe die Möglichkeit einer intimen und vertrauten Arbeitsweise, so ihre Antwort. Gleichwohl gibt sie preis, dass dadurch Einschränkungen entstünden. Ein Mann oder eine Frau hinter der Kamera sieht noch einmal andere Dinge als die Regie, deren Fokus auf die Arbeit mit den Protagonisten liegt. Jedes Projekt müsse immer wieder hinterfragt und neue Entscheidungen getroffen werden.

Klickvergrößernd: Leopold Grün (FSF); doku.klasse Duisburg (Initiative von doxs! in Zusammenarbeit mit Grimme-Akademie, Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen und Filmredaktion 3sat) Foto: © doxs!/Sven Neidig

Leopold Grün (FSF); doku.klasse © doxs!/Sven Neidig

In der Schlussrunde möchte Bengi erfahren, welche Wirkung Hausberger mit dem Film erzeugen will. Weltveränderung, scherzt die Filmemacherin und korrigierte sich sogleich, dass sie genau das natürlich nicht erwarte. Sie möchte zu einem großen Thema eine kleine präzise Geschichte erzählen. Zu viel erwarten solle man davon nicht, lieber erst einmal die kleinen Schritte der Realisierung gehen, um besser ans Ziel zu kommen.

An dieser Stelle wendet sich das Gespräch und Eva Hausberger befragt die doku.klasse zu ihren Erwartungen ans Leben, schließlich seien alle um die Zwanzig, da hätte man doch Erwartungen. Stefan meint, dass er häufig über sein Leben in fünf bis zehn Jahren nachdenke und schon der Folgetag ganz anders verläuft, als er sich das vorgestellt hat. Eva Hausberger muss schmunzeln und macht klar, dass das immer wieder im Leben passieren wird, aber dass es dennoch gut ist, etwas zu wollen und dranzubleiben. Genau das, was die doku.klasse zwei Tage lang mit diesem Stoff gemacht hat und man gespannt sein darf, wieviel von den gemeinsam angestellten Überlegungen in die Umsetzung des Films einfließen wird. Aber man darf ja nicht zu viel erwarten.

Weitere Informationen zu den Projekten der doku.klasse hier.

Über Leopold Grün

Leopold Grün arbeitete ein Jahr als Grundschullehrer in der DDR, absolvierte anschließend ein Studium der Sozial- und Medienpädagogik in München. An der Humboldt-Universität Berlin studierte er Sozial- und Politikwissenschaften und schloss 2001 an der TU Berlin als Diplom-Medienberater ab. Seit 1996 als Medienpädagoge bei der FSF tätig. Ab 2004 arbeitet er gleichzeitig als freier Filmemacher: Der Rote Elvis und Am Ende der Milchstraße sind unter seiner Regie entstanden.

12. Oktober 2015 von Leopold Grün
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