Born digital! Oder warum Medienbildung nicht erst in der Kita anfangen darf

Das Konstrukt der „medienfreien Kindheit“ ist nur noch Illusion. Ob wir das wollen oder nicht. Der Erstkontakt mit digitalen Medien erfolgt so früh wie nie zuvor. Digitale Bilder gibt es dank neuester Technik bereits aus dem Mutterleib. Spätestens im Kreißsaal, wenn das erste Foto mit Mama und Kind in der Familiengruppe bei WhatsApp oder Facebook verschickt wurde, ist der digitale Fußabdruck gesetzt – unwiderruflich übrigens, auch wenn das viele nicht hören wollen. Und sind wir selbst sensibilisiert, erledigen das leider oft andere für uns, indem sie ungefragt Bilder verschicken, online stellen, posten. Gute und schlechte mediale Erfahrungen und digitale Datenspuren entstehen also schon im ersten Lebensjahr, nur wird das nicht ausreichend thematisiert bzw. differenziert betrachtet. Von digitalem Spielzeug, Baby-Apps und Baby-Posts bei Instagram, über Strahlenbelastung bis hin zum medialen (Fehl-)Handeln der Eltern und möglichen Auswirkungen auf Babys müsste mehr Aufklärung erfolgen. Es wird Zeit, dass wir Medienbildung in jungen Familien schon in den ersten Lebensmonaten angehen. Klingt übertrieben? Ist es nicht!

© Patryk Kosmider - Fotolia.com

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Mangel an medienpädagogischen Handlungsempfehlungen für das Säuglingsalter

Auf der Suche nach Empfehlungen, wie eine mediale Lebenswelt mit Baby kompetent, gesund und achtsam aussehen kann oder was zu vermeiden ist, sucht man im Netz vergeblich. Es gibt weder aktuelle Broschüren noch Ratgeber, die sich an junge Eltern richten. Das überrascht! Dabei werden doch genau hier, in der Familie, die ersten elementaren medialen Erfahrungen gemacht. Und zwar im U3-Alter. Vom ersten Tag an. Wenn die Verwandten mit dem Smartphone das Krankenhaus stürmen, wenn Mama mit Freundinnen bei WhatsApp schreibt, während sie stillt. Wenn Papa im Netz recherchiert, während das Baby im Arm schläft. Wenn Smartphone und Tablet griffbereit neben Schnuller und Trinklernflasche liegen. Wenn im Wartezimmer das Smartphone kurzerhand zum Spielzeug umfunktioniert wird. Wenn Oma und Opa mit Bildern via Datenkrake WhatsApp auf dem Laufenden gehalten werden.

Konkrete, niedrigschwellige Infos für junge Eltern müssen her

Infos und Empfehlungen mit Reichweite sollte es auch schon für frisch gebackene Eltern geben. Experten fordern ja schon seit Jahren, dass in Kitas die systematische Medienerziehung mehr gefördert werden muss. Aber mindestens genauso muss die Medienbildung junger Eltern vorangetrieben werden. Und zwar durch alle Schichten und Bildungsmilieus hindurch. Denn auch schon Babys beobachten beim Telefonieren und Chatten, spielen mit den Smartphones, werden damit fotografiert, sehen das Tablet als festen Bestandteil der Einrichtung auf dem Tisch liegen, bekommen es wahlweise weggenommen oder als Spielzeugersatz hingehalten, wetteifern mit dem Smartphone um unsere Aufmerksamkeit, und kommen dabei auch hin und wieder zu kurz – leider. Spätestens hier wird klar, wie wichtig unser eigener, achtsamer Umgang mit Medien im Säuglings- und Babyalter unsere Kinder, für deren guten Start in das Leben mit Medien ist. Baby-Posts bei Instagram, Smartphones als strahlender Babyphonersatz, gestreamte Mutterleibgeräusche, Kindermusik von YouTube? Muss das alles sein oder gehört das selbstverständlich dazu? Die Digitalisierung hat das Babyzimmer in jedem Fall sowas von erreicht. Nicht alles ist per se schlecht. Stimmt, aber: wir brauchen mehr fachliche Orientierung, wie eine Umgebung für Babys gestaltet werden kann, wenn Medien im Spiel sind – und was gar nicht geht. Neu-Eltern brauchen dafür ganz besondere Medienkompetenz!

Wie kann ein digitaler Alltag mit Baby aussehen?

Der erste Schritt ist der eigene achtsame und reflektierte Umgang mit digitalen Medien, heute übrigens eine wesentliche Schlüsselfähigkeit. Wann lege ich das Gerät weg, in welchen Settings ist es angebracht oder unangemessen es zu nutzen, was tut mir gut? In welchen „Räumen“ mache ich mal eine Medienpause? Viele Menschen tun sich schon in Bezug auf ihre eigene Nutzung schwer mit dieser Achtsamkeit. Umso wichtiger wird diese Fähigkeit aber, wenn man einen kleinen, aber sehr wachsamen Begleiter in Windeln an der Seite hat.

Achtsamer Umgang mit digitalen Medien

Denn Babys beobachten uns, erleben unser Nutzungsverhalten und nehmen die omnipräsente, mediale Welt entsprechend wahr. Dass Medien zu unserer Welt gehören, soll gar nicht angeprangert werden, vieles ist sinnvoll und macht Spaß. Eltern zu werden ist heute mit einer neuen Art der Isolation verbunden, anders als früher, als man noch eng zusammenlebte. Also hält man heute eben auch digital Kontakt, zum Beispiel mit den Großeltern oder entfernten Freunden. Es ist gut, dass sowas geht. Aber welchen Stellenwert ich dem Gerät gebe, wie lange ich damit beschäftigt bin, wann und wie oft ich mich davon ablenken lasse, wie es das Miteinander mit anderen beeinflusst, all das beobachten auch schon Babys ganz genau und lernen daraus – ich weiß als Mutter, wovon ich spreche. Wenn man auch mal von der Datenflut pausieren oder das Verschicken der neusten Bilder auf später verschieben kann, dann sind das Momente, in denen auch schon Babys erleben können, was medienkompetentes Handeln bedeutet. Ein Baby nimmt ein klingelndes Smartphone erst mal nur als auditive Reizquelle wahr und nicht bewusst als Medium mit Funktion. Und trotzdem glaube ich, dass es erkennt, warum Mama oder Papa das Spiel unterbricht, vielleicht sogar aufsteht und weggeht. Was diese medialen Kontakte mit Babys machen, darüber wissen wir aus empirischer Sicht nicht genug. Aber sagt uns nicht auch der gesunde Menschenverstand was stattdessen zu tun wäre?

Baby-Datenspuren Think before you post your baby!

Was manche Menschen mit ihren eigenen Daten im Netz anstellen, für alle sichtbar, darüber kann man gelegentlich nur noch den Kopf schütteln. Wenn es aber um die Persönlichkeitsrechte von Neugeborenen geht, hört der Spaß meiner Meinung nach auf. Es gibt viele Eltern, die leider immer noch nicht begriffen haben, dass Bilder im Netz kein Verfallsdatum haben. Und dass WhatsApp auch „Internet“ ist. „Was soll denn da schon passieren?“, wurde ich erst neulich wieder gefragt, als ich meinen WhatsApp-Boykott erklären musste. Warum ich mich überhaupt dafür rechtfertigen muss, dass ich nicht will, dass dort Bilder von meinem Kind verschickt werden … Ich habe mir jedenfalls dann einfach mal Bilder zeigen lassen, die andere über WhatsApp verschicken. Zum Beispiel aus dem Babymassagekurs. Alles klar? Und Badewanne, Pekip-Bilder (auch mit anderen Kindern), Spielplatz und viele, viele Bilder vom eigenen Zuhause. Super privat eben. „So, und nun stell dir vor, dass die Bilder im Netz landen.“ Kann nämlich passieren. Gespeichert sind sie in jedem Fall irgendwo. Kannst Du nicht rückgängig machen. Lange Gesichter. Ob das was ändert? Fotos von Babys und Kinder sollten in jedem Fall nur über sichere Kanäle und in Absprache mit allen Beteiligten verschickt werden. Persönlichkeitsrechte zu verteidigen und zu schützen, gilt auch digital – besonders die unserer Kinder. Dabei sollte man sich nicht einfach blind auf den Anbieter verlassen. Alternative Messenger wie threema oder hoccer funktionieren – man muss nur erstmal die Zeit investieren, den Grund dafür zu erklären und etwas Überzeugungsarbeit leisten, damit auch andere die Alternative nutzen. Es lohnt sich.

Strahlender Tag, strahlende Nacht

Smartphones strahlen. Und zwar ordentlich. Je nachdem, wo wir sie nutzen mal mehr, mal weniger. Im Zug und im Auto strahlen sie zum Beispiel besonders stark, weil permanent nach Netz gesucht wird. Über die gesundheitlichen Auswirkungen der Strahlung ist nach wie vor nicht genug bekannt – und es wird auch viel zu wenig aufgeklärt. Es ist aber bereits erwiesen, dass die Strahlung sich stärker auf Babys und kleine Kinder als auf Erwachsene auswirkt. Daher ist zum Beispiel ratsam, das Hantieren mit Smartphones in ihrer Nähe auf ein Minimum zu reduzieren. Also mindestens mal in die Wickeltasche damit. Sie sind also auch kein gesunder Spielzeugersatz im Kinderwagen. Auch das Smartphone als Babyphone-Ersatz sollte die absolute Ausnahme sein (wenn z.B. die Reichweite des Babyphones nicht ausreicht) – wir entscheiden uns doch beim Kauf bewusst für Babyphones mit wenig Strahlung und legen dann das Smartphone neben das schlafende Kind? Unlogisch und fahrlässig –  finde ich.

Digitale Teilhabe von Anfang an – aber in Maßen

Das Interesse unserer Kinder an digitalen Medien können und sollten wir nicht drosseln. Wir leben ihnen schließlich vor, dass diese auch Teil unseres Lebens sind. Aber wenn es darum geht, das junge „Digitale Ich“ eines Kindes zu schützen, werdet bitte konsequenter, liebe Eltern. Die Daten eurer Kinder haben nichts im Netz zu suchen. Punkt. Dass von strahlenden Geräten ein nicht kalkulierbares Risiko ausgeht, das sollte uns auch nachdenklich machen.

Im Zug habe ich kürzlich einen Vater mit seinen kleinen Töchtern beobachtet. Zu dritt schauten sie auf dem Smartphone Bilder an. Am Ende haben alle zusammen einen „Snapsuss“ für Mama gemacht. In diesen Momenten danke ich unserer digitalen Welt, denn so kann man die teilhaben lassen, die gerade nicht anwesend sein können: beim ersten Schritt, ersten Worten, ersten geworfenen Handküsschen. Etwas, dass in unserem Leben eine alltägliche Rolle spielt, soll man nicht künstlich ausblenden. Aber man kann es kompetent angehen.

 

Über Eva Borries

Eva Borries ist Diplom-Medienpädagogin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Empirische Pädagogische Forschung (zepf) an der Universität Landau. Außerdem arbeitet sie deutschlandweit als Referentin für Medienkompetenz. Sie entwickelt individuelle medienpädagogische Fortbildungen, Vorträge und Workshops.

02. Mai 2017 von Eva Borries
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