Konflikte unter Jugendlichen sinnvoll lösen – aber wie?

Psychologen behaupten, dass Jugendliche sehr viel Wert auf Kommunikation mit anderen Altersgenossen legen. Die gemeinsamen Interessen helfen Teenagern, sich besser zu verstehen und ihr eigenes Ich zu finden. Dabei spielt der Zuspruch von anderen Jugendlichen eine wichtige Rolle.

Entstehen Konflikte, empfinden Schüler* im Jugendalter ihre Emotionen besonders intensiv und reagieren sensibler. Mit ihren Problemen wenden sie sich ungern an ihre Eltern, kommt es doch häufiger zu Missverständnissen. Aber auch beste Freunde sind manchmal nicht in der Lage, einen konstruktiven Rat zu geben. Entweder sind sie zu emotional oder zu subjektiv, was die ganze Situation erschweren kann. Lehrer sowie Sozialpädagogen können bei Problemen zu Rate gezogen werden, deren Akzeptanz ist jedoch meist begrenzt. Es gibt aber auch noch die Möglichkeit, gleichaltrige und speziell ausgebildete Streitschlichter um Hilfe zu bitten. Diese Mediatoren geben keine Lösungen vor, sondern sie helfen den Streitenden dabei, sich zu einem klärenden Gespräch zusammenzufinden, in dem die Ursachen des Konflikts herausgearbeitet und mögliche Lösungen gefunden werden.

Seit vielen Jahren ist die Streitschlichterausbildung ein Teil des Schulprogramms der Bettina-von-Arnim-Schule in Berlin (Integrierte Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe). Jedes Jahr werden aus den freiwilligen Bewerbungen zehn bis zwölf Schüler ab dem achten Schuljahrgang ausgewählt. Zwar gibt es auch Streitschlichter aus höheren Klassenstufen, jedoch ist deren Aktivität meist durch das hohe Lernpensum eingeschränkter. In diesem Jahr wurden vier neue Schülerinnen und sieben neue Schüler ausgebildet. In der Regel wird bei der Auswahl auf ein gleichmäßiges Verhältnis von Schülerinnen und Schülern geachtet.

Streitschlichter der Bettina-von-Arnim-Schule © Polina Roggendorf

Streitschlichter der Bettina-von-Arnim-Schule © Polina Roggendorf

Warum interessieren sich Jugendliche für eine solche Zusatzqualifikation? Vielen macht es einfach Spaß, sich für andere Schüler einzusetzen. Einige Streitschlichter gaben an, dass ihnen Lehrer oder Altersgenossen eine solche Ausbildung mit der Begründung: „Du bist dafür begabt“ empfohlen haben. Auf jeden Fall sind soziale und kommunikative Kompetenzen sowie ein starker Wille anderen zu helfen die grundlegenden Voraussetzungen für die zukünftigen Streitschlichter.

Die Ausbildung startet zu Beginn eines jeden Kalenderjahres. Der wesentliche Teil dauert vier Schultage, während dieser Zeit werden die Schüler vom regulären Unterricht freigestellt. In dieser ersten Ausbildungsphase werden sieben Stunden pro Tag die Grundregeln und verschiedene Schritte der Mediation im Workshop-Format gelernt. Nach diesem Ausbildungsblock findet jeden Freitag die einstündige Streitschlicher-AG statt. Dort werden einige Themen wiederholt und gefestigt, organisatorische Fragen geklärt und die zuletzt aufgetretenen Konfliktfälle in der „kollegialen Beratung“ diskutiert.

Am Ende des Schuljahres findet für die neuen Streitschlichter eine Abschlussprüfung statt, in der mit jedem Teilnehmer ein typischer Konfliktfall aus dem Schulalltag durchgespielt wird. Nach erfolgreich abgeschossener Prüfung bekommt jeder einen Ausweis. Nun sind die Schüler bereit, vermittelnde Gespräche zu führen. Die ersten Konfliktgespräche werden in der Regel von erfahrenen Streitschlichtern aus den vorherigen Ausbildungsdurchgängen begleitet.

© Polina Roggendorf

© Polina Roggendorf

Die Streitschlichter der Bettina-von-Arnim-Schule arbeiten grundsätzlich paarweise und bieten – in wechselnder Besetzung – an drei Tagen in der Woche eine Sprechstunde an. Wenn sich Schüler nicht trauen, persönlich um Hilfe zu bitten oder die gewählten Mediatoren nicht vor Ort sind, soll ein Briefkasten Abhilfe schaffen.

Streitschlichter bleiben ständig miteinander in Kontakt. Neben den vielen Möglichkeiten sich auszutauschen, gibt es auch eine WhatsApp-Gruppe mit neuen und alten Streitschlichtern sowie den betreuenden Lehrern.

Einige Schtreitschlichter bieten ihre Hilfe auch als Medienscouts an, dafür muss ein Fortbildungsworkshop zum Thema Cybermobbing besucht werden. Das Thema Internetmobbing wird jedes Jahr aktueller; typische Schulhofkonflikte bekommen dadurch eine andere Dimension. Auch darauf sollten die Streitschlichter vorbereit sein. Überall in der Bettina-von-Arnim-Schule wurden Informationszettel verteilt, damit SchülerInnen wissen, wo sie diese spezielle Unterstützung in Fällen von Cybermobbing erhalten.

Information über die Streitschlichter-AG © Polina Roggendorf

Information über die Streitschlichter-AG © Polina Roggendorf

Mehr zum Thema Cybermobbing und mit welcher Zusatzqualifikation die Bettina-von-Arnim-Schule versucht, diesem Problem zu begegnen, gibt es hier.

* Obwohl aus Gründen der Lesbarkeit im Text die männliche Form gewählt wurde, beziehen sich die Angaben auf Angehörige beider Geschlechter.

Über Polina Roggendorf

Polina Roggendorf ist Psychologin und Doktorandin an der Lomonossow-Universität Moskau. Ihre Themenschwerpunkte sind Onlinerisiken, Kinder und Jugendliche im Internet sowie emotionale Intelligenz.

09. Dezember 2015 von Polina Roggendorf
Kategorien: Medienpädagogik | Schlagwörter: , , , | Schreiben Sie einen Kommentar

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