„Kreativ, spielerisch, exzessiv“

Ein Tagungsbericht zur Vorstellung der JFF-Studie Mobile Medien in der Familie vom 4. Februar 2016

Bernd Schorb, Vorsitzender des JFF © JFF/Marko Junghänel

Bernd Schorb © JFF/Marko Junghänel

Das Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (JFF) lud zum Jahresauftakt nach München, um ihre neueste qualitative Studie mit dem Thema Mobile Medien der Familie zu diskutieren. Nach den einführenden Grußworten der Bayerischen Staatsministerin für Arbeit und Soziales, Familie und Integration, Emilia Müller, dem Vorsitzenden des JFF, Prof. Dr. Bernd Schorb, durch Matthias Fack vom Bayerischen Jugendring und Prof. Dr. Günther Schatz von der Aktion Jugendschutz Bayern wurde die Studie und ihre Ergebnisse erläutert.

Gegenstand der qualitativen Untersuchung – vorgestellt von den Direktorinnen des JFF Kathrin Demmler und Dr. Ulrike Wagner – waren Einzel- und Gruppeninterviews mit 18 Vätern, 35 Müttern mit Kindern zwischen 8 und 14 Jahren aus dem Raum München. Dabei zeigte sich, dass Kinder und Jugendliche die neuen mobilen Medien sehr kreativ, spielerisch und exzessiv nutzen. Der Diskurs über diese Entwicklung ist gerade bei Eltern und Medienerziehern eher mit Befürchtungen und Ängsten verbunden, denn Kinder und Jugendliche würden zu viel Zeit mit den mobilen Geräten verbringen und somit blieben auch die bekannten medienerzieherischen Sorgen bezüglich Mobbing und Datenschutz bestehen.

Kathrin Demmler, Direktorin des JFF © JFF/Marko Junghänel

Kathrin Demmler © JFF/Marko Junghänel

Hervorzuheben ist, dass nur wenige Eltern den mobilen Medien ablehnend gegenüber stehen, aber wenn, dann radikal. Aus der Studie ging leider nicht hervor, ob bei der Auswahl der Eltern auf die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Milieus geachtet wurde. Dennoch ergab sich ein sehr breites, interessantes und schlüssiges Bild. So versuchen bspw. Mütter eher der Vorbildrolle – einen verantwortungsvollen Umgang mit den mobilen Medien – gerecht zu werden, während Väter einen Unterschied zwischen ihrer und der kindlichen Nutzung berücksichtigt sehen wollen. Interessanterweise sind dabei gerade die Väter – die selbst die mobilen Medien sehr häufig nutzen – besonders skeptisch, wenn die eigenen Kinder scheinbar unkontrolliert agieren. Die meisten Eltern beklagen ein mangelndes Wissen bezüglich der rasanten Entwicklungen in diesem Bereich und damit schwindende Kontrollmöglichkeiten. Daher entsteht eine gewisse Ohnmacht, welche Regelungen in der Familie gesetzt werden sollen. Der erzieherische Umgang im Zusammenhang mit mobilen Medien wird also häufig als zusätzliches Konfliktfeld zwischen Eltern und Kindern, aber auch zwischen den Erziehungsberechtigten selbst wahrgenommen. Alleinerziehenden fehle zudem der partnerschaftliche Austausch und häufig auch die Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, um erzieherisch tätig werden zu können.

Die Medienerziehung in der Familie, zu diesem Schluss kommt die Studie, sollte so früh wie möglich einsetzen. Geht es zunächst noch um Reizüberflutung bei Kleinkindern, wird spätestens ab dem dritten Lebensjahr immer wichtiger, die Kinder bei ihren Medienerfahrungen zu begleiten und einen Austausch darüber zu pflegen. Neben frühzeitig eingeführten Regeln zur zeitlichen Nutzung gilt es, diese auch flexibel zu handhaben und in einen Diskurs mit den Kindern und Jugendlichen zu überführen. Der Austausch mit anderen Eltern, aber vor allem qualitative Angebote von medienerzieherischen Einrichtungen sind daher besonders wertvoll. Medienerziehung verbindet sich dabei mit grundsätzlicher Erziehungshilfe und Familienberatung und daher sind umso mehr professionelle Strukturen gefordert.

Diskussion © JFF/Marko Junghänel

Diskussion © JFF/Marko Junghänel

In der anschließenden Diskussion zur Studie wurde besonders die Bedeutsamkeit der Unterscheidung zwischen den einzelnen Altersgruppen hervorgehoben. Ebenfalls wurde eingeworfen, es müsse zwischen der Warnung vor „digitaler Demenz“ (Spitzer) und den regressiven Schlussfolgerungen und der Haltung, dass „Jugendliche das schon alles allein lernen und ihren Weg finden werden“ einen Mittelweg geben, der Eltern und Kinder in ihren Bedürfnissen ernst nimmt.
Die Leiterin einer Kindertagesstätte nannte Technik als Chance und nicht als Gefahr. So berichtete sie von guten Erfahrungen, wenn Medien als EINE Bereicherung im fantasiereichen Spiel betrachtet werden und bspw. Apps zusammen mit Brettspielen eingesetzt werden. Dennoch, und das zeigt, dass bei diesen Fragen im Umgang mit den mobilen Medien noch lange keine Einigkeit in der Pädagogik besteht, werden immer wieder Regeln und Grenzen, die den zeitlich uferlosen Konsum beschränken sollen, eingefordert. Eltern sollten Stärke und Klarheit zeigen und vor allem Einigkeit herstellen, hieß es zum Abschluss der Runde.

Abbild Einladungsflyer zur Jahresauftakttagung des Instituts für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (JFF). Am 4. Februar 2016 wurde in München die Studie zum Thema Mobile Medien in der Familie vorgestellt. © JFF

Per Klick vergrößerbar: Einladungsflyer © JFF

In einem der sich anschließenden Workshops gelang es dem Psychologen Jürgen Wolf vom evangelischen Erziehungsberatungszentrum München, seine Erfahrungen aus der Beratung sehr anschaulich zu vermitteln. Er sprach vor allem von Grundbedürfnissen, die (nicht nur) junge Menschen haben. Ausgehend von der Kontinuität der eigenen Identität, die immer wieder Wertschätzung erfahren sollte, braucht es Bindungen, Grenzen, Selbstkontrolle und auf der anderen Seite Autonomie, Spiel, Spaß, Kommunikation und Spontanität. All das, so Wolf, sind Bedürfnisse, die auch bei der Benutzung mobiler Medien vermeintlich befriedigt werden.
Die Rolle der Eltern verdeutlichte er anhand eines Sprach-Laut-Modells, das zeigt, welchem Spagat Erziehungsberechtigte ausgesetzt sind: Halt geben, Aushalten, Halt sagen, Anhalten. Seine Ratschläge in die Runde waren daher disparater Natur. Einerseits plädierte er dafür, nicht in Panik zu verfallen, weil sich die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen auch immer wieder verändern. Ein zu starkes Reglement führe vor allem dazu, dass Kinder und Jugendliche in den „Untergrund“ gingen und sich der elterlichen Kontrolle immer mehr entziehen und dadurch auch das offene Gespräch und damit Vertrauen verloren gingen. Gleichzeitig sah er die Notwendigkeit, auf Tendenzen des übermäßigen Medienkonsums zu achten. Mobile Medien sind wie im speziellen Computerspiele besonders als Zufluchtsort geeignet, wenn sich anderweitig keine Form der Wertschätzung einstellt. Im Speziellen verwies Wolf auf (Missbrauchs)Gefahren von Kennenlern-Plattformen wie bspw. knuddels.de, da die Chats in keinster Weise betreut und Altersangaben nicht überprüft werden.

So kam man zum Ende des Workshops zu der Erkenntnis, dass es im Moment vor allem um die Quantität der Mediennutzung geht. Entscheidend ist, den Kontakt nicht zu verlieren: Eltern zu ihren Kindern, Medienerzieher zu Kindern und Jugendlichen, Eltern untereinander usw. Größte Gefahr ist und bleibt die Isolation und so landet man am Ende mal wieder – ganz medienfrei – bei Beziehungsarbeit.

Weiterführende Links
Kurzfassung der JFF-Studie zum Download
Online-Beratungsangebot für Jugendliche und Eltern der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V.

Über Leopold Grün

Leopold Grün arbeitete ein Jahr als Grundschullehrer in der DDR, absolvierte anschließend ein Studium der Sozial- und Medienpädagogik in München. An der Humboldt-Universität Berlin studierte er Sozial- und Politikwissenschaften und schloss 2001 an der TU Berlin als Diplom-Medienberater ab. Seit 1996 als Medienpädagoge bei der FSF tätig. Ab 2004 arbeitet er gleichzeitig als freier Filmemacher: Der Rote Elvis und Am Ende der Milchstraße sind unter seiner Regie entstanden.

15. Februar 2016 von Leopold Grün
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