Armes Häschen

Eltern gehören verboten. Leider sterben sie nicht aus. Gott sei Dank gibt es Kinder. Die meisten werden, bevor sie selbst zu Erwachsenen und Eltern werden, hoffnungslos ruiniert. Aber, das ist die gute Nachricht, manche kommen durch und bleiben Kind. Ich freue mich, wenn mir mal wieder jemand zuruft „Du, Kindskopf!“ Aber eigentlich wollte ich hier und jetzt optimistisch sein. Meine jüngste Tochter wurde heute eingeschult. Ihr Berufswunsch? Jugendschützerin! „Dann kann ich auch schon vormittags Fernsehen gucken, so wie Du Papa!“ Ich werde ihr noch einmal genau erklären müssen, was ich da bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen treibe. Auch ihre ältere Schwester ist medial noch nicht hinreichend aufgeklärt. Sie hat das Casting für einen TV-Werbespot gewonnen und wirbt demnächst für eine Supermarkt-Kette. Sie will das Honorar in Eis, Schokolade und Comics investieren. Mittlerweile geht die ganze Schule davon aus, dass sie die Hauptrolle in einer Hollywood-Produktion übernimmt. Sie hat jetzt viele neue Freundinnen gewonnen. Vereinzelt musste sie schon Autogramme geben. Ich mache mir große Sorgen um ihre Zukunft. Verheerend fällt schon jetzt die Bilanz unseres Wochenendes aus. Die Kinder durften – ich betone das Wort ausnahmsweise – ausnahmsweise einen Film schauen: „Die Unglaublichen“, ein computeranimierter Film aus dem Hause Pixar (FSK 6). Im Zentrum steht eine schrecklich nette Superheldenfamilie. Der Film dauerte 111 Minuten und er bot ein Action-Feuerwerk sondergleichen. Diese Art von Filmen, phantastische Körperkräfte im Kampf gegen monströse Schurken, weckt motorische Nachahmungswut. Das Superheldenmädchen konnte undurchdringliche Schutzschilde um sich herum erzeugen und der Superheldenjunge konnte irrsinnig schnell laufen, Papa war superstark, Mama superelastisch (!!!). Nach dem Ende des Films begann die Zimmerschlacht. Bilanz: Eine blutige Unterlippe, eine umgestürzte Vase, eine zerbrochene Tasse. Warum sind diese Filme so lang? So laut? So vollgestopft mit Körper- und Weltdeformation? Eltern gehören verboten, ich gehöre weggesperrt. Heute morgen, als alle noch schliefen, joggte ich durch den Park. Plötzlich fiel etwas vom Himmel. Ein Ast? Es war ein junges Kaninchen. Es war abgenagt bis auf die Knochen. Und oben saß ein satter Raubvogel und rülpste. Über die Wiese hoppelten andere Kaninchen, erwachsene Kaninchen. Bemerkten Sie, dass ein junges Kaninchen fehlt? Können Tiere trauern? Bücher mit tierischen Helden sind übrigens gerade wieder sehr angesagt, ich sage nur „Warrior Cats“! Für Kinder gibt es keinen Zweifel, dass Tiere auch Angst vor dem Einschlafen haben. Deshalb nehmen sie sie so oft zu sich ins Bett. Kinder wissen, auf wen sie aufpassen müssen.

Über Torsten Körner

Torsten Körner wurde zweifelsfrei 1965 in Oldenburg geboren. Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft in Berlin an der Freien und an der Technischen Universität (1989-1996). Während des Studiums erste journalistische Arbeiten. Nach Abschluss des Studiums Promotion über ein film- und kulturwissenschaftliches Thema. Seither freier Autor für verschiedene Medien. Diverse Veröffentlichungen, verschiedene Jury-Tätigkeiten. Als Fernsehkritiker meistens in „Funk-Korrespondenz“, „epd medien“ und „Der Tagesspiegel“ unterwegs. Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen.

24. September 2012 von Torsten Körner
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