Melancholie

Ich bin Besitzer einer gutgehenden Melancholie-Boutique. Kindern und Jugendlichen ist der Zutritt grundsätzlich verboten. Ich kontrolliere streng. In zweifelhaften Fällen lasse ich mir den Ausweis zeigen. Immer wieder kommt es vor, dass Schüler im Alter von 16 oder 17 Jahren versuchen, meine Boutique zu betreten. Ein höchst gefährliches Alter, diese Altersgruppe zeigt eine starke Neigung zur Melancholie. Ich sage nur: „Wehret den Anfängen!“ Schließlich bin ich kein Konsumstübchen für verzweifelte Teens, die in die Verzweiflung hineinschnuppern wollen, die ein bisschen Emo-Schick suchen oder schlimmer noch, die wirklich gerade im Begriff sind, in eine Depression abzudriften. In meiner Boutique dürfen nur Erwachsene kaufen, am liebsten wäre es mir, nur Menschen über 21 ließen sich hier blicken, doch dafür fehlt mir die gesetzliche Handhabe. Mein Angebot richtet sich an geübte Melancholiker, Frauen wie Männer, die im Vollbesitz ihrer Genuss- und Kaufkraft sind. Denn, das kann ich Ihnen versichern, billig ist meine Melancholie nicht, keine parfümierte Ware, kein schnell zusammengeschustertes Zeug, auch Importware aus China oder Indien geht hier nicht über den Tisch. Prominente Kunden sind mir eher lästig, aber ausgesprochenes Ladenverbot haben sie nicht. Manchmal überlege ich, ob ich Leute wie Stuckrad-Barre, Henryk Broder, Harald Schmidt, Christian Kracht oder Sybille Berg nicht einfach hinauswerfe, weil sie immer nach den gleichen Zynismus-Produkten verlangen, die ich aber auch nicht führe, nie führen werde und das habe ich ihnen auch schon tausend Mal erklärt. „Nein, bedauere, Zynismus führe ich  nicht“, sage ich dann. Aber weil sie mir manchmal ein hochpreisiges Stück abkaufen, lass ich sie doch immer wieder rein. Einige meiner Lieblingskunden sind Schauspieler, zu ihnen gehören Martina Gedeck oder Matthias Brandt, sie kommen gerne auf einen guten Rotwein oder einen Espresso, den ich ihnen natürlich am liebsten serviere, wenn es draußen so richtig schüttet. Falls draußen die Sonne scheint, kein Problem, ich besitze eine Regenmaschine, die ich günstig aus einer Konkursmasse erwarb. Ein trüber Regenmacher beging Selbstmord, weil die Sender nur noch Sonnenscheinfilme produzieren wollten. Gerne kaufen mir die sensiblen Menschendarsteller auch einen wunden Blick ab, eine müde Geste, ein fein geschliffenes Tristesse-Thermometer oder ein resigniertes Lächeln. Eins meiner wertvollsten Produkte ist ein gehauchtes, ersterbendes, nahezu tonloses, gleichwohl schmerzstarkes „Ach!?“, das aber sicher noch seinen Liebhaber finden wird. Es ist vielseitig einsetzbar, kann beliebig oft abgespielt werden und klingt absolut authentisch. Manchmal – aber das sagen Sie bitte nicht weiter – kommen Tatkraftmenschen wie Peter Kloeppel, Günther Jauch, Katharina Saalfrank oder Peter Hahne bei mir vorbei und kaufen sich etwas Entlastendes, etwas durch und durch Trauergetränktes. „Wenn Sie wüssten“, sagen sie dann, „wie es bei uns im Fernsehen zugeht. Die ziehen die Quoten wie Linien und sind jederzeit verschnupft.“ Dieter Bohlen hat übrigens Hausverbot, er dachte, Melancholie sei eine Sonnenschutzcreme, ich musste ihn wegtragen lassen, er konnte sich gar nicht beruhigen: „Ich scheiß Dich zu mit meinem Geld und singen kannst Du auch nicht, Du Träne!“ krakeelte er. Was für ein hoffnungsloser Fall!

Über Torsten Körner

Torsten Körner wurde zweifelsfrei 1965 in Oldenburg geboren. Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft in Berlin an der Freien und an der Technischen Universität (1989-1996). Während des Studiums erste journalistische Arbeiten. Nach Abschluss des Studiums Promotion über ein film- und kulturwissenschaftliches Thema. Seither freier Autor für verschiedene Medien. Diverse Veröffentlichungen, verschiedene Jury-Tätigkeiten. Als Fernsehkritiker meistens in „Funk-Korrespondenz“, „epd medien“ und „Der Tagesspiegel“ unterwegs. Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen.

12. November 2012 von Torsten Körner
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