Ein Gewaltausbruch als Gesellschaftskritik

Kennen Sie die Situation? Es ist unerträglich heiß, Sie stecken mit dem Auto im Stau, nichts geht voran. Die Kleidung klebt am Rücken, um Sie herum abgasgeschwängerte Luft, Motorenlärm und Hupen, und Sie möchten augenblicklich nicht nur diese lästige Fliege erschlagen, die seit gefühlten Stunden aggressiv um ihren Kopf kreist? So beginnt der Filmklassiker Falling Down – Ein ganz normaler Tag aus dem Jahr 1993.
Die schier unterträgliche Situation wird sinnlich aus der Perspektive des Protagonisten Bill Foster geschildert. Michael Douglas spielt den unsympathischen Durchschnittsmann. Ein Pedant, wie schon sein akkurat Bürstenschnitt verrät, ein notorischer Rechthaber voller Vorurteile, zudem ein Choleriker, wie der Zuschauer bald erfährt. Foster wurde gerade gefeuert, seine Frau hat ihn verlassen, und dann ist es plötzlich nur noch ein ganz kleiner Schritt zum ersten Gewaltausbruch, der in einer unaufhaltsamen Gewaltspirale zu einem Amoklauf wird und geradewegs in die Katastrophe steuert.

Die Prüfgeschichte dieser umstrittenen Filmerzählung des Amoklaufs eines Durchschnittsbürgers ist bewegend. Zunächst wurde von der FSK 1993 eine mehrheitliche Freigabe ab 12 Jahren verfügt. Die dargestellte Gewalt sei in keinem Fall als spekulativ, sondern als dramaturgisch notwendig zu bewerten und der Film in wesentlichen Zügen von Gesellschaftskritik getragen. Interessant an dieser Ersteinschätzung ist, dass sie nicht nur den kritischen Kern der Geschichte erkennt und honoriert, sondern auch ab 12-Jährigen bereits ausreichende Reflexions- und Kritikfähigkeit zutraut. Diese Entscheidung wurde kurze Zeit später durch ein Appelationsverfahren der FSK auf eine Altersfreigabe ab 16 Jahren hochgesetzt, da das Gewalthandeln emotional nachvollziehbar dargestellt würde. Das Drama löste seinerzeit eine öffentliche Debatte aus, in dieser eindringlichen Art waren die Themen Amoklauf und Selbstjustiz bislang noch nicht filmisch verarbeitet worden.

Das kontroverse Potenzial des Dramas von Joel Schumacher hat bis heute nichts an Gültigkeit eingebüßt, wie auch die aktuelle FSF-Prüfgeschichte zeigt. So wurde der Antrag auf Ausstrahlung im Hauptabendprogramm 2016 zunächst mit knapper Mehrheit abgelehnt. Hier heißt es, dass die unter 16-Jährigen noch nicht hinreichend die komplexe Figurenzeichnung entschlüsseln könnten. Die Gewaltreaktionen der überaus ambivalenten Hauptfigur lägen zwischen Allmachtsfantasien, Willkür, Selbstjustiz bis hin zu Notwehr. Der Protagonist wehre sich mit allen Mitteln gegen persönliche und gesellschaftliche Widrigkeiten, die er als Provokation wahrnimmt, was ihn im Empfinden Heranwachsender zu einer zur Identifikation einladenden Figur mache.

Es stellt sich die Frage, ob der Film derartig missverständlich rezipiert werden kann, und ob er – zumindest streckenweise – Verständnis für das Handeln dieses Psychopathen mit Alltagsgesicht nahelegt. Der Berufungsausschuss kam zu einem anderen Ergebnis, in erster Linie, da Bill Foster keine anschlussfähige Identifikationsfigur darstellt. Spannend, dass der Zuschauer ihm dennoch gebannt folgt, und dass der Film trotz seines Alters von mittlerweile 23 Jahren eine Sogwirkung entfaltet, der man sich auch mit heutigen Sehgewohnheiten schwer entziehen kann. Aber selbst wenn das Gewalthandeln stellenweise als in Ansätzen als nachvollziehbar dargestellt wird, so geht damit niemals eine Rechtfertigung einher. Die Gewalt ist in keinem Moment zielführend; vielmehr wird eine absurde Gewaltspirale gezeigt, die in jeder Hinsicht die Geschichte eines Scheiterns erzählt.

Die eindringliche Gewaltstudie zeigt eine durch und durch gewalttätige US-amerikanische Realität, in der Waffen stets zur Verfügung stehen – alle von Foster benutzten Waffen werden ihm zugespielt, nicht eine von ihm selbstständig angeschafft. Gewalt gehört hier wie selbstverständlich zum Alltag, ob es sich um Drive-By-Shootings, um die brutale und willkürliche Festnahme eines friedlichen Demonstranten, oder auch die menschenverachtenden Ansichten eines US-Armeeveteranen handelt. Jugendliche ab 12 Jahren können diese subtilen Botschaften vielleicht nicht vollumfänglich erfassen oder verstehen. Gleichwohl bilden sie einen roten Faden der Erzählung, der sich auch dieser Altersgruppe schon suggestiv und auf einer emotionalen Ebene vermitteln dürften. Ein weiterer zentraler Topos ist das Thema Familie, ein gesellschaftskonstituierendes Konstrukt, das hier durchgängig gescheitert erscheint. Diese grundsätzliche Dysfunktionalität mag ab 12-Jährige bewegen, auch erschüttern. Doch auch hier wird eher Kritikfähigkeit geschult, als dass diese Botschaften eine Entwicklungsbeeinträchtigung befürchten lassen müssen. Denn es ist Forsters Gewaltneigung, die sein persönliches Scheitern herbeigeführt hat, wie der Film unmissverständlich nahelegt.

Eine Szene auf dem Höhepunkt der Eskalation zeigt ein Gespräch von Foster mit einem kleinen Jungen, der nichtsahnend und übereifrig dem Amokläufer die Funktionsweise der Bazooka erklärt. Als Bill Foster ihn fragt, woher er das alles wisse, lautet die Antwort, er habe das aus dem Fernsehen gelernt. Direkter kann die Geschichte eines sinnlosen Amoklaufes ihre Gesellschaftskritik wohl nicht äußern und mit einem satirischen Seitenhieb versehen.

Falling Down – Ein ganz normaler Tag wird heute bei kabel eins um 20.15 Uhr ausgestrahlt.

FSF: freigegeben ab 12 Jahren | Hauptabendprogramm © FSFFSF-Freigabe: Ab 12 Jahren – Hauptabendprogramm. Zur dieser und weiteren ProgrammInfos auf der FSF-Website geht es hier.

Bitte beachten Sie: Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Mehr Informationen zur Programmprüfung erhalten Sie auf unserer Website. Dort veröffentlichen wir jede Woche neue ProgrammInfos zum aktuellen Fernsehpramm. Auch diese Auswahl stellt keine Empfehlung dar, sondern zeigt einen Querschnitt der Programme, die den Prüfausschüssen der FSF von den Mitgliedssendern vorgelegt werden.

Über Christiane Radeke

Studium der AV-Medienwissenschaften an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, arbeitete für Filmfirmen und Festivals. Tätigkeit als Publizistin u.a. für das Kinder- und Jugendfilmzentrum in Deutschland. Ausbildungen zum Creative Producer, zur Synchronbuchautorin und in Creative Writing. Seit einigen Jahren Autorin von Jugendbuchtexten. 2013 erschien ihr Romandebüt Herz Schlag Zeit im Thienemann Verlag.

14. Juni 2017 von Christiane Radeke
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