„Hoffe nicht ohne Zweifel und zweifle nicht ohne Hoffnung“

Zitat Lucius Annaeus Seneca

Frankreich, 2006. Die kleine Familie Hughes genießt in der beschaulichen Kleinstadt Chalons Du Bois ihre Ferien. Alle sind ausgelassen, wo sich das nächste Schwimmbad befindet, scheint ihr größtes Problem zu sein. Nur der Zuschauer ahnt bereits das Drama, welches ihr Leben von Grund auf verändern wird – bereitet ihn der Titel doch schon unweigerlich darauf vor.

Noch aber herrscht fröhliche Stimmung. Die Fußballweltmeisterschaft ist in vollem Gange. Die Menschen drängen sich dicht vor den Fernsehern. Dann: Tor! Für eine Entführung könnte es wohl keinen besseren Zeitpunkt geben – Euphorie macht blind. Im nächsten Augenblick ist der Sohn fort und niemand will etwas gesehen haben.

Dieser Tragödie müssen die Engländer Tony und Emily nun gegenübertreten, noch dazu in einem fremden Land, dessen Sprache sie nicht beherrschen. Erinnerungen an den Fall Madeleine McCann werden wach, die 2007 aus einem Ferienhaus in Portugal spurlos verschwand. Auch wenn The Missing offiziell nicht daran angelehnt ist, macht es die Geschichte doch erschreckend realer.

Es muss schnell gehandelt werden. Oftmals sind die ersten 48 Stunden entscheidend. „Sadly, we find him immediately or not at all“, prophezeit Julien Baptiste, der beauftragte Ermittler. Und tatsächlich, die Polizei findet Ollie nicht. Allerdings auch nicht seine Leiche. Somit bleibt das Kind vermisst, verschollen, ja, aber nicht tot und Ollies  Schicksal ein Mysterium. Um es zu entschlüsseln, muss der Zuschauer aufmerksam den Hinweisen folgen und wird am Ende mit einem fulminanten Finale belohnt, das bei seiner UK-Ausstrahlung 1000 Twitter-Meldungen pro Minute von seinen Zuschauern bekam.

Harry und Jack Williams sind die Schreiber der BBC-Serie und haben sich als Fans von Breaking Bad dazu inspirieren lassen, auch dunkleren Themen einen Raum im Fernsehen zu geben. Die beiden Brüder erzählen The Missing parallel auf zwei Zeitebenen: rückblickend 2006, und in der Jetztzeit, 2014. Dies ist besonders interessant, weil sich die Charaktere im Laufe der Jahre deutlich verändert  haben. Jedes Elternteil ist mit dem Verlust des eigenen Kindes unterschiedlich umgegangen. Emily hat ein neues Leben, mit einem neuen Mann begonnen. Auf den ersten Blick die Vergangenheit ruhen lassen, doch der Verlust nagt bis heute an ihr. Tony hingegen kämpft selbst acht Jahre später noch um Aufklärung und scheut auch vor Selbstjustiz nicht zurück. Vor allem jetzt, da er einen  Hinweis darauf gefunden hat, dass sein Sohn noch leben könnte. Dieser Spur folgend reist er zurück nach Frankreich und ermittelt auf eigene Faust. Hilfe bekommt er dabei von dem mittlerweile pensionierten Kommissar Baptiste, den der Fall auch nie losgelassen hat.

Langsam fördern die acht einstündigen Episoden immer mehr Verstrickungen zu Tage. Dabei fällt es dank der verschiedenen Erzählsträngen schwer, der Lösung eher als gedacht auf die Schliche zu kommen. Ohnehin liegt das Hauptaugenmerk der Geschichte nicht nur auf dem Kriminalfall. Gleichermaßen ist The Missing eine menschliche Studie über Trauer und Verlust. Wie soll man die Verantwortung, das Gefühl ablegen, dass irgendwo das eigene Kind verzweifelt auf einen wartet? Und ist die Antwort auf alle Fragen wirklich ein Segen? Auch Baptiste warnt:
„To lose somebody can destroy a person. But to find them again, when so much has passed… well, sometimes… that can be worse.“

Doch so lange Tony nicht sicher sein kann, dass Ollie tot ist, wird er ihn nicht aufgeben können. Das ist sein Fluch. Gleichzeitig aber auch seine Hoffnung. Eine Hoffnung, die wahrscheinlich nur die Unglücklichen verstehen können, die ein ähnliches Schicksal erleiden mussten.

Die achtteilige Dramaserie The Missing läuft seit dem 2. Oktober 2015 bei Sky Atlantic HD – immer freitags um 21 Uhr.

Freigegeben ab …
Die komplexe Serie folgt einem langsamen und dialoglastigen Erzählstil und ist von einer melancholischen Grundstimmung geprägt. Sie bietet kaum Anknüpfungspunkte für Kinder. Die vorliegenden Episoden enthalten einige kurze Gewaltspitzen, die in die Handlung eingebettet und entsprechend aufgearbeitet sind. Zudem verdeutlichen wenige bedrückende Szenen den Verlust des Kindes und den daraus resultierenden Schmerz der Eltern. In Hinsicht auf die Verarbeitungsfähigkeiten von Kindern und Jugendlichen ab 12 Jahren erschienen diese Szenen und Gewaltspitzen als verkraftbar, weshalb einer Ausstrahlung im Hauptabendprogramm zugestimmt werden kann. Einer Ausstrahlung im Tagesprogramm stehen die genannten Gewaltspitzen aber auch die Thematik der Päderastie entgegen, da diese Kinder unter 12 Jahren nachhaltig ängstigen können.

Zur ausführlichen ProgrammInfo auf der FSF-Website geht es hier.

Sky darf die Serie auch schon vor 20.00 Uhr ausstrahlen (Freigabe ab 12 Jahren), weil er als Pay-TV-Anbieter eine Jugendschutzsperre aktivieren kann, die von den Zuschauern mit der Eingabe einer Jugendschutz-PIN freigeschaltet werden muss. Somit gelten die üblichen Sendezeitbeschränkungen und Schnittauflagen nicht. Weitere Informationen zu Vorschriften und Anforderungen an digitale Vorsperren als Alternative zur Vergabe von Sendezeitbeschränkungen sind im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (§ 5 Abs. 3 Nr. 1; § 9 Abs. 2 JMStV) sowie in der Jugendschutzsatzung der Landesmedienanstalten (§ 2 bis § 5 JSS) zu finden.”

Bitte beachten Sie: Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Mehr Informationen zur Programmprüfung erhalten Sie auf unserer Website. Dort veröffentlichen wir jede Woche neue ProgrammInfos zum aktuellen Fernsehprogramm. Auch diese Auswahl stellt keine Empfehlung dar, sondern zeigt einen Querschnitt der Programme, die den Prüfausschüssen der FSF von den Mitgliedssendern vorgelegt werden.

Über Sophia Bierend

Sophia Bierend – seit Jahren anerkannt filmsüchtig – freut sich, nun ein offizielles Studium gefunden zu haben, das sie bei ihrer Sucht unterstützt. Seit 2014 studiert sie an der Filmuniversität Konrad Wolf das Fach Drehbuch und Dramaturgie. Mehrere ihrer Kurzfilme liefen bereits verteilt über den Globus auf Filmfestivals und sie hofft auf wundervolle Ideen in der Zukunft, um so ihrer Sucht weiter ein Ventil geben zu können.

08. Oktober 2015 von Sophia Bierend
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