Hoffnung und Enttäuschung im Wechselspiel

Zwei Leben. Eine Hoffnung.

Es wird ernst bei Sat.1 – am Dienstag, den 8. März, setzt sich der sonst so beschauliche Sender mit starken Themen auseinander. Mit dem Drama Zwei Leben. Eine Hoffnung. wird zur Primetime der Fokus auf das Thema Organspende gerichtet. Aber keine Angst, es bleibt natürlich unterhaltsam, rührend und auffallend spannend.

Leben und Tod könnten kaum enger geknüpft sein als bei diesem Sachverhalt. So kann das Leben der einen in Verbindung des Todes eines anderen gerettet werden.

Erzählt wird die Geschichte des 17-jährigen Frank (Valentino Fortuzzi), der nun endlich eine neue Leber bekommen soll. Seine Erfahrungen und Stimmungen mitteilend, füttert Frank fast täglich seinen Videoblog. Er kennt die Krankenhausstation wie seine Westentasche. Mit den strahlenden Pflegern, der toughen Ärztin Dr. Hellweg (Annette Frier) und nicht zuletzt mit dem stotternden kleinen Patienten Toni (Daan-Lennard Liebrenz) ist er sehr vertraut. Das ist nicht verwunderlich, denn mit der seltenen Blutgruppe 0 negativ wartet Frank nun schon zwei Jahre auf eine neue Leber. Und mit ihm die getrennt lebenden, mittlerweile kraftlosen Eltern.

Intensiv wird im Film auch auf das Vergabeprozedere eingegangen. Generell ist es so, dass in Deutschland die lebensentscheidende Vergabe von Spenderorganen über die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) koordiniert wird. Sie führt die Warteliste und Vermittlung der Organe von Eurotransplant innerhalb Europas (sieben Länder). Für die eigentliche Transplantation stehen 50 deutsche Transplantationszentren zur Verfügung. Dass es allerdings bei diesem System der Vergabe von Spenderorganen zu Manipulationen und Korruption selbst im sonst angeblich so unbestechlichen Deutschland kommen kann, zeigte der Organspendeskandal in Göttingen und Regensburg 2012.

Ereignen sich Zwischenfälle wie Transportschaden eines Organs oder Abstoßen des Spenderorgans wird in der Verzweiflung um Leben und Tod nicht selten zu illegalen Mitteln gegriffen – dies nicht nur in fiktionalen Produkten. Im Sat.1-Drama wird exemplarisch ein indischer Organhandel thematisiert, leider findet man den illegalen Handel mit Organen nicht nur dort.

Aber hier enden die Probleme nicht, die Zwei leben. Eine Hoffnung. aufgreifen möchte. Es gibt da auch noch die gleichaltrige hübsche Dafina (Barbara Prakopenka), für die sich der jugendliche Blogger immer mehr interessiert. Das Mädchen ist mit ihrer Mutter (Antoneta Ristova) vor sechs Jahren aus dem Kosovo nach Deutschland geflüchtet. Sie wartet nicht nur auf Asyl, sondern auch auf eine neue Leber. Es ist ein Glück, dass Dafina an die couragierte Dr. Hellweg gerät, sonst wäre das Mädchen der Bürokratie Deutschlands zum Opfer gefallen, todkrank hin- oder her. Denn ob ihr trotz der Dringlichkeit ein Organ zustehe und ob eine Weiterversorgung mit Medikamenten im eigenen Herkunftsland – sollte sie nach der Transplantation abgeschoben werden – funktioniere, ist nicht eindeutig klar.

Aus dieser dramatischen Gemengelage heraus, muss am Ende Frank die schwierige Entscheidung treffen, die über Leben und Tod bestimmt.

Die UFA-Fiction-Produktion ist im Auftrag von Sat.1 entstanden. Als Trägerin der Herzen und einer Art Botschafterin für Organspende nimmt Annette Frier die Rolle der unermüdlichen Ärztin sehr präsent ein – doch ohne den anderen Charakteren die Show zu stehlen. Die Aussage des Films wird einem allerdings eher unsanft ins Gesicht geschlagen, was anhand der Wichtigkeit des Themas verziehen wird. Das Sujet Organspende wird in dem Drama in einer Vielzahl seiner Bereiche aufgerollt: die Wartenden, die Ärzte auf Abruf, die Arbeit der Vergabezentrale – deren Koordinierungstätigkeit sehr geschickt und gut eingebunden ist –, Angehörige, die Entscheidungen über den Leichnam eines geliebten Menschen treffen müssen, und, und, und.

Das Thema erscheint gut recherchiert und trotz rührender Momente erstaunlich sachlich. Nichtsdestotrotz sollte einem bewusst sein, dass Zwei Leben. Eine Hoffnung. ein Fernsehfilm ist und bleibt. Man kann mit einem pathetischen Soundtrack, konventioneller Kameraführung und sich übertrumpfender Emotionalität rechnen. Im Gegenzug erhält man einen weiten Einblick ins Thema Organspende und eine große Portion Spannung.

Zwei Leben. Eine Hoffnung. in der FSF-Prüfung

FSF ab 12 Jahren HauptabendprogrammDie dicht inszenierte Atmosphäre des Dramas wird weniger von einer dialogreichen Handlung als von Bildern starker und glaubwürdiger Charaktere getragen, deren Jugendlichkeit durchaus Anknüpfungspunkte für Kinder und Jugendliche bietet. Der hoch emotionale Film erscheint in seiner Intensität für ab 12-Jährige verkraftbar. Die ethische Problematik kann von der Altersgruppe verstanden werden und ist nicht mit sozialethisch desorientierenden Botschaften besetzt, sondern präsentiert mit seinen Aussagen Orientierung. Eine Freigabe für das Tagesprogramm kommt nicht in Betracht, da die OP-Szenen und der Tod eines Kindes ebenso wie die durchgängig emotional stark belastende Stimmung des Films mit z.B. verzweifelten, streitenden Eltern auf jüngere Kinder nachhaltig ängstigend wirken kann.

Zur dieser und weiteren ProgrammInfos auf der FSF-Website geht es hier.

Bitte beachten Sie: Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Mehr Informationen zur Programmprüfung erhalten Sie auf unserer Website. Dort veröffentlichen wir jede Woche neue ProgrammInfos zum aktuellen Fernsehpramm. Auch diese Auswahl stellt keine Empfehlung dar, sondern zeigt einen Querschnitt der Programme, die den Prüfausschüssen der FSF von den Mitgliedssendern vorgelegt werden.

Über Henrike Rau

Henrike Rau studierte Architektur an der Universität Kassel. Danach begann sie ein Studium der Digitalen Medienkultur an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF und arbeitet aktuell an ihrem Master in Medienwissenschaften. Neben Uniprojekten wie Sehsüchte, der Kinderfilmuni oder Kooperationen mit dem Filmmuseum Potsdam haben Praktika beim UFALab und bei der FSF ihre Ausbildung mit Praxis belebt.

07. März 2016 von Henrike Rau
Kategorien: Neues aus der Programmprüfung | Schlagwörter: , , , , , | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. ich kenne diesen Film, sehr sehenswert.

    sehr lehrreich, da sehr viele keine Ahnung haben, was das eigentlich bedeutet, „Spender“ zu sein.

    mir ist das leider auch sehr spät klar geworden, dass spenden wichtig ist. sehr wichtig, denn es rettet Leben.
    auch http://www.meinetransplantation.at/ hat mir viel dabei geholfen, das ganze Thema rund um Transplantationen zu verstehen.

    seit 2 Jahren gehe ich jetzt regelmäßig Blut- und Stammzellen spenden, und besitze einen Organspendeausweiß!

    ich helfe – du auch?

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