Im Dickicht der True-Crime-Formate

True-Crime-Reality Formate schwemmen in nicht unbeträchtlichem Ausmaß ins deutsche Fernsehen und landen damit auch verstärkt in den Prüfausschüssen der FSF. Mittlerweile haben sich narrative und visuelle Stile und Traditionen in diesem Genre herausgebildet, die zugespitzt oder präziser formuliert stereotype und oft auch klischeebeladene Bilder festschreiben. Der psychopathische Täter mit Allmachtsphantasien auf der einen, das willfährige, hilflos ausgelieferte und zumeist weibliche Opfer auf der anderen Seite. Stilprägend ist oft ein anreißerischer Grundton mit nachgestellten Spielszenen die vor allem auf Angst, Grusel, ja auch auf Voyeurismus zielen. Der Nachrichtenwert ist bei den meisten Formaten dieser Art nicht besonders hoch einzuschätzen, da es sich in der Regel um in der Vergangenheit liegende Verbrechen handelt, manchmal Jahrzehnte zurück; um spektakuläre Einzelfälle, um ein möglichst schreckliches Verbrechen.

Bild FSF: Crime/Drama © sh/fsf

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Die meisten Vertreter des Genres stammen aus den USA, mit Titeln wie Verbotene Gedanken – Der Kannibalen-Cop, Killer-Paare – Tödliches Verlangen, Panic 9-1-1, Enthüllt! Jerry Springer deckt auf oder auch, etwas politischer gewichtet: USA Top Secret. Auch deutsche Produktionen finden sich in diesem Genre: Deutschlands größte Kriminalfälle – Dem Verbrechen auf der Spur oder Kriminalfälle Kabel Eins: Und dann gibt es noch Formate, die übernatürliche Erscheinungen vermeintlich für bare Münze nehmen: Das Medium und der Cop oder The Ghost Inside My Child.

In der Kürze zusammengefasst lässt sich sagen, dass es in diesen Sendungen weniger um Fälle von aktueller Bedeutung, um eine sachliche Auseinandersetzung mit Verbrechen oder Aufklärung der Zuschauer geht. Es handelt sich um ein Unterhaltungsformat, dass seine besondere „Würze“ aus dem Realismusgehalt der geschilderten Verbrechen bezieht, oft bebildert durch suggestive Reenactmentszenen. Die jugendschützerische Bewertung befasst sich wegen des Realismusgehalts und der auf den Schockeffekt inszenierten Machart mit dem Aspekt der Ängstigung, wobei in den meisten Fällen auch der anreißerische Charakter und die mitunter als spekulativ wahrgenommene Bildsprache auf dem Prüfstand stehen. Die Entscheidungen werden in der Regel auf der Grenze zwischen Haupt- und Spätabendprogramm getroffen, in Ausnahmen und wenn die Bildebene zurückgenommen ist auch für das Tagesprogramm.

Eine kleine Überraschung liefert die Serie Surviving Evil – Im Angesicht des Bösen. Alles ist hier genretypisch: vom Titel über die grausamen Taten bis zu den überaus gewaltbereiten Tätern und den weiblichen Opfern. Das Realityformat zeigt Frauen, die extreme Zwangs- und Gewaltsituationen überlebt haben. Eine Moderatorin führt durch die Dokumentation und interviewt die reale Person, die ausführlich zu Wort kommt und in der Rückschau von den oftmals bereits Jahre zurückliegenden Gewalterfahrungen berichtet, während in Spielszenen der Leidensweg nacherzählt wird. Diese nachgestellten Szenen entfalten einen erzählerischen Sog, der ganz in die Perspektive des Opfers eindringt, sie sind stark auf den Angsteffekt inszeniert. Auch typische spekulative Stilmittel wie Blutspritzer, die auf der Kameralinse landen, werden eingesetzt.

Und doch ist etwas anders. Die Erzählweise schafft keinen voyeuristischen Kick, oder gleich gar Gewaltfaszination, sondern setzt auf starke Empathie mit den Opfern. In einer Massenvergewaltigungsszene etwa verweilt die Kamera ganz auf dem Gesicht der Frau. Dadurch erzählen die Episoden zwar eindringlich von den erlittenen Qualen, aber gleichzeitig werden durch die stark emotionalisierende Erzählweise die Frauen von jeder Mitschuld freigesprochen und ihre Zwangslage untermauert. Denn immer wieder erfahren die ehemaligen Opfer, dass selbst Angehörige später behaupten, sie wären selbst schuld gewesen, da sie sich die Gewalt gefallen ließen. Die Spielszenen sind demnach dramaturgisch begründet, erscheinen sogar notwendig, um hier ein Gegenstatement zu formulieren. Denn mit dieser sehr eindringlichen Art der Inszenierung werden die Frauen nicht als Opfer stigmatisiert, sondern vor allem ihr Überlebenswillen und ihre bemerkenswerte innere Stärke herausgestellt. Am Ende wird der Zuschauer über Hilfsmöglichkeiten und das Angebot von Opferanwälten aufgeklärt und Opfer von Gewaltverbrechen werden explizit ermutigt, Anklage zu erheben und ein Strafverfahren einzuleiten.

FSF ab 16 Jahren © FSF Es sind Geschichten vom Überleben in jeder Hinsicht, die Stärke der überlebenden Frauen steht im Mittelpunkt. Insofern stellt das Format eine Überraschung im Dickicht von True-Crime-Formaten dar. Die Entscheidung lautet gleichwohl wegen des hohen Potenzials an ängstigenden Inhalten ab 16 Jahren für das Spätabendprogramm.

Heute Abend um 23.05 Uhr Uhr startet die dritte Staffel Surviving Evil – Im Angesicht des Bösen auf sixx.

Zur dieser und weiteren ProgrammInfos auf der FSF-Website geht es hier.

Bitte beachten Sie: Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Mehr Informationen zur Programmprüfung erhalten Sie auf unserer Website. Dort veröffentlichen wir jede Woche neue ProgrammInfos zum aktuellen Fernsehpramm. Auch diese Auswahl stellt keine Empfehlung dar, sondern zeigt einen Querschnitt der Programme, die den Prüfausschüssen der FSF von den Mitgliedssendern vorgelegt werden.

Über Christiane Radeke

Studium der AV-Medienwissenschaften an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, arbeitete für Filmfirmen und Festivals. Tätigkeit als Publizistin u.a. für das Kinder- und Jugendfilmzentrum in Deutschland. Ausbildungen zum Creative Producer, zur Synchronbuchautorin und in Creative Writing. Seit einigen Jahren Autorin von Jugendbuchtexten. 2013 erschien ihr Romandebüt Herz Schlag Zeit im Thienemann Verlag.

14. Juni 2016 von Christiane Radeke
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