Von Kafka und Killern

The Night Of Die Wahrheit einer Nacht

Kafka lässt ein bisschen grüßen. Als Nasir „Naz“ Khan (Riz Ahmed), ein pakistanisch-amerikanischer Collegestudent nach einer exzessiven Nacht erwacht, sieht er sich wie einst Gregor Samsa plötzlich in ein Ungeziefer, einen Aussätzigen, einen Verbrecher verwandelt. Eben noch war der junge Mann brav, regelrecht erstarrt in Vernunft, clean und besonnen, plötzlich muss er sich für einen Killer halten. Er, der niemals Drogen genommen, der kein ausschweifendes Liebesleben vorzuweisen hat, findet sich nun neben einer toten jungen Frau, die unzählige Stichwunden aufweist. Der Zuschauer ist eher geneigt, ihn für unschuldig zu halten, aber sicher kann er sich nicht sein.

Das Unglück dieses Helden ist das Glück des FSF-Prüfers, der zuvor von gestöhnten Dialogen (Sexfilm) und dann von gekreischten Dialogen (Scripted Reality) nahezu um den Verstand gebracht wurde. Am Ende eines langen Tages jedoch vergeht die Zeit mit zwei Episoden der Miniserie The Night Of plötzlich wie im Fluge und das hat auch und gerade etwas mit den sauerstoffreichen Dialogen, mit ihrem Tempo und mit den Bildern zu tun, die durch Rede und Gegenrede, durch Gemurmel und Flüstern, Schreien und Klagen evoziert werden.

Die achtteilige Miniserie The Night Of (HBO) gehört zweifelsohne zu den herausragenden Fernsehstücken des Jahrgangs 2016. Sie basiert auf der englischen Serie Criminal Justice (BBC, 2008-2009) und wurde von Richard Price und Steven Zaillian (auch Regie) geschrieben. Der Schriftsteller Richard Price ist vor allem als Autor von The Color of Money (1986) und Co-Autor der grandiosen Serie The Wire bekannt, ein Drehbuchspezialist für Halb-, Schatten- und Unterwelten, ein Krimispezialist, mit genauer Kenntnis von Polizeiarbeit, mit Blick für Untergeher und Looser, ein Milieukundiger und eigenwilliger Genrespezialist.

Diese Qualitäten finden sich allesamt in The Night Of – Die Wahrheit einer Nacht und fesseln den Zuschauer, der von Anfang an nicht das Gefühl hat, einem Krimi, sondern einem Leben beizuwohnen. Man wird ebenso allmählich wie unwiderruflich in eine Biografie eingesogen: Wir erleben Naz als angepassten, aufstrebenden Studenten, das Kind pakistanischer Einwanderer, die sich durch Fleiß behaupten, die stets etwas geduckt, furchtsam durchs amerikanische Leben huschen, auf der Suche nach dem amerikanischen Traum, der alsbald zum Alptraum wird. Die Serie berichtet auch – und zwar beiläufig organisch, man fühlt sich nicht bevormundet und pädagogisch gewindelt – von rivalisierenden Einwanderungsmilieus, Parallelgesellschaften und stigmatisierenden Sprachpraxen.

Lerne lügen!

Eines Abends wird Naz von einem Kumpel, der ihn zu einer Fete mitnehmen wollte, versetzt. So leiht sich Naz das Taxi seines Vaters, das dieser sich mit zwei anderen Besitzern teilt und fährt los. Weil er nicht weiß, wie man das On-Duty-Schild in den Off-Duty-Modus stellt, bekommt Naz bald ungebetenen Besuch: Fahrgäste. Die ersten „Eindringlinge“ kann er noch abwehren, als aber eine rätselhafte schöne junge Frau zu ihm ins Taxi steigt, ist es um den arglosen Collegestudenten geschehen. Andrea (Sofia Black-D’Elia), die erkennbar aus besseren Verhältnissen stammt, nimmt ihn mit auf eine Reise durch die Nacht seines Lebens. Sie sitzen am Hudson, reden über Gott und die Welt und landen schließlich in Andreas Bett. Alkohol ist im Spiel, auch Drogen, Leichtsinn und Übermut, dann Sex, schließlich der Tod. Naz flieht panisch vom Ort des Geschehens, wird dann aber wegen auffälligen Fahrens angehalten und zum Revier mitgenommen. Als man ihn untersucht, wird ein blutverschmiertes Messer in seiner Jacke gefunden, ein Zeuge identifiziert ihn als Andreas Begleiter und schon sitzt der junge Mann hinter Gittern: Alle Indizien sprechen unerbittlich gegen ihn.

In den ersten beiden Episoden sind es vor allem zwei Männer, die um den jungen Pakistani ringen, sich gegenseitig bekämpfen und jeweils ihre Version der Geschichte durchsetzen wollen. Da ist der erfahrene und desillusionierte Polizist Dennis Box (fabelhaft Bill Camp), mit allen Wassern gewaschen, der Naz zum Geständnis bewegen will. Auf der anderen Seite kommt nun John Turturro als Anwalt John Stone ins Spiel, ein räudiger Straßenköteranwalt, kleine Fische nur an der Leine, ein übles Ekzem an den Füßen, geht stets ohne Strümpfe durch den Tag und kratzt sich die juckende Haut mit einem Essstäbchen herunter.
Man fürchtet zunächst, der Star Turturro könnte die Rolle verjuxen, zu viel gefälligen Mainstream einschleppen, doch die Befürchtungen legen sich bald, das Drama bleibt spannend, grau, polyperspektivisch, düster, realitätssatt und alltagsnah.

Die erste, fast spielfilmlange Folge arbeitet mit einer Vielzahl von kleinen Dialogfetzen, unterbrochener Rede, Dialogen, die nahezu simultan abgespult bzw. miteinander verschränkt werden, kaum Musik, keine klebrigen Sound- und Instantgefühle.
Auch die zweite Folge bleibt dem ungewöhnlichen Sounddesign treu, jetzt – Naz sitzt in verschiedenen Zellen – wird vor allem die Gefängniswelt orchestriert, Türen, Schlüssel, verbale Attacken, Schlägereien, die strukturelle Gewalt des Ortes wird dem Zuschauer um die Ohren geschlagen. Der naive Nasir muss lernen, dass seine „Wahrheit“ nicht interessiert, dass seine Unschuld nur ein Jeton ist in einem skrupellosen Spiel, in dem nicht die Gerechtigkeit siegt, sondern die bessere Geschichte. Lerne lügen, um zu überleben, präsentiere eine Story, die die anderen Stories schlägt: Dann kommst du frei! Das ist die Lektion, die der Anwalt seinem widerstrebenden Schützling eintrichtert.

Ein Meer von Schuld

FSF: freigegeben ab 12 Jahren | Hauptabendprogramm © FSF

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Dieser Krimi bezieht seine Spannung nicht aus drastischen Bildern, nicht aus der Evokation eines abstrusen Serienkiller-Motivs, nicht aus der leichthändig herbeigeschriebenen Grausamkeit eines bestialischen Schlächters (wie so oft etwa in Criminal Minds), hier geht es um das Justizsystem, um den Polizeiapparat an sich. Dabei wird Zuschauern ab 12 Jahren sicher einiges abverlangt, weil mehrere Gewaltfolgenbilder brutal sind und weil die Zustände bedrückend in Szene gesetzt werden. Doch stehen die Bilder begründet im Raum, sie werden nicht als billiger Sensationsanreiz ausgestreut, sie bleiben dramaturgisch gebunden und sollten in diesem vielschichtigen, komplex verwinkelten Kontext auch bewältigt werden können.

Im Gegensatz zur Krimikonfektion (etwa die CSI-Formate) hat man hier das Gefühl, dass der Krimi auch dazu dient, soziale Realität abzubilden. Man erfährt etwas als Zuschauer, so als lese man eine eindringlich recherchierte Reportage über das amerikanische Unrechtswesen. Die Serie, die mitunter an Better Call Saul, Orange is the New Black, The Wire oder The Shield erinnert, kritisiert – ohne vordergründig engagiert zu sein – die herrschenden Zustände im amerikanischen Polizeialptraum, sie weitet sich aber auch zur Parabel über die Existenz des Menschen, der von einem Augenblick auf den anderen in ein Meer von Schuld geworfen wird, ohne Schwimmen zu können.

Natürlich bedauert der Prüfer am Ende eines langen Tages, dass der Tag nicht noch die restlichen Folgen bereithält. So geht es hinaus mit einem fetten Cliffhanger im Bewusstseinsgepäck.

Die acht Episoden der Serie The Night Of – Die Wahrheit einer Nacht werden ab heute immer donnerstags um 21.00 Uhr auf Sky Atlantic HD sowie parallel auf Sky On Demand, Sky Go und Sky Ticket ausgestrahlt.

Zur dieser und weiteren ProgrammInfos auf der FSF-Website geht es hier.

*Der Sender Sky darf alle Episoden der Serie auch schon vor 20.00 Uhr ausstrahlen, weil er als Pay-TV-Anbieter eine Jugendschutzsperre aktivieren kann, die von den Zuschauern mit der Eingabe einer Jugendschutz-PIN freigeschaltet werden muss. Somit gelten die üblichen Sendezeitbeschränkungen und Schnittauflagen nicht. Weitere Informationen zu Vorschriften und Anforderungen an digitale Vorsperren als Alternative zur Vergabe von Sendezeitbeschränkungen sind im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (§ 5 Abs. 3 Nr. 1; § 9 Abs. 2 JMStV) sowie in der Jugendschutzsatzung der Landesmedienanstalten (§ 2 bis § 5 JSS) zu finden.”

Bitte beachten Sie: Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Mehr Informationen zur Programmprüfung erhalten Sie auf unserer Website. Dort veröffentlichen wir jede Woche neue ProgrammInfos zum aktuellen Fernsehpramm. Auch diese Auswahl stellt keine Empfehlung dar, sondern zeigt einen Querschnitt der Programme, die den Prüfausschüssen der FSF von den Mitgliedssendern vorgelegt werden.

Über Torsten Körner

Torsten Körner wurde zweifelsfrei 1965 in Oldenburg geboren. Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft in Berlin an der Freien und an der Technischen Universität (1989-1996). Während des Studiums erste journalistische Arbeiten. Nach Abschluss des Studiums Promotion über ein film- und kulturwissenschaftliches Thema. Seither freier Autor für verschiedene Medien. Diverse Veröffentlichungen, verschiedene Jury-Tätigkeiten. Als Fernsehkritiker meistens in „Funk-Korrespondenz“, „epd medien“ und „Der Tagesspiegel“ unterwegs. Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen.

29. September 2016 von Torsten Körner
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