„Das habe ich so noch nicht gesehen!“

Wenn so ein Satz in einem Seminar über einen Film gesagt wird, der gerade entsteht, dann ist das natürlich eine Überschrift wert. Aber es gab noch einige Sätze, die die derzeitige Dokuklasse von sich gab, die als Artikelüberschrift taugten. „Ich bin sofort drin, meinte z.B. eine Teilnehmerin, nachdem sie das Exposé gelesen hatte.

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Florian Baron ist Autor und Regisseur des Filmprojekts Stress (AT) und er ist Stipendiat der doku.klasse, einem Kooperationsprojekt von doxs! Duisburg, ZDF/3sat, Grimme-Akademie, Deutschlandradio Kultur und der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen. Ziel ist es, mit den Filmemachern zu diskutieren und über Stoffe zu reflektieren, die tatsächlich entstehen und ein Jahr später im Fernsehen als auch auf dem ebenfalls von der FSF unterstützten Festival für Kinder- und Jugenddokumentarfilm doxs! gezeigt werden. In der dokumentarischen Reihe Ab 18! geht es thematisch um Lebenswelten junger Menschen zwischen 18 und 29 – ansonsten sind die Filmemacher frei, aber eine eigene künstlerische Handschrift soll erkennbar sein.

Florian Baron ist dabei, einen Film über Kriegsveteranen in Pittsburgh/USA zu drehen. Als er die Stadt besuchte wurde das Thema schnell präsent, denn in Pittsburgh leben viele junge Leute, die einst in den Irak- oder Afghanistankrieg zogen, um sich so das Studium oder überhaupt das Leben zu finanzieren. Pittsburgh war einmal eine funktionierende Industriestadt, aber das ist lange her. Die meisten kommen aus dem Krieg zurück und sind traumatisiert von dem, was sie dort erlebt haben – viele sind körperlich unversehrt, es sind seelische Wunden, die nicht heilen wollen und manchmal wünschten sich einige von ihnen, körperlich verletzt zu sein.

Filmausschnitt STRESS © Florian Baron

Bild per Klick vergrößerbar: Filmausschnitt STRESS © Florian Baron

Florian Baron beschreibt in seinem Exposé die filmischen Ebenen sehr genau und vor allem auch, wofür sie stehen sollen – das hat auch die Dokuklasse beeindruckt. Zum einen folgt die Kamera den Protagonisten von hinten, ähnlich wie in einem Computerspiel. Aber hier wird nicht Krieg gespielt, sondern wir sehen einen jungen Mann auf seinen Wegen durch den Alltag von Pittsburgh, die für ihn alles andere als normal sind, denn er scheitert oft an den einfachsten Dingen.

Zum anderen setzt der Filmemacher auf Fahrten in Super Slow Motion durch Straßen und vorbei an den Vorgärten der Stadt. Hier sieht man normale Bilder und doch erkennen wir die Klischees, die wir mit diesem Land verbinden. Wenn uns dabei aber ein Kriegsveteran erzählt, wie er einen Bombeneinschlag erlebte und wie sich diese Situation in sein Gehirn, sein Leben eingebrannt hat und immer wieder abgespult wird, bekommen diese Bilder eine ganz neue Dimension und sind Resonanzraum für Empfindungen und zum Nachdenken. Realität und Traumata verbinden sich.

Filmausschnitt STRESS © Florian Baron

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Dennoch entstanden in der Dokuklasse auch viele Fragen, die mit dem Regisseur besprochen werden konnten. Wie wird er mit den Interviews umgehen? Könnten diese nicht eher in Alltagssituationen gedreht werden als in einem sterilen Raum? Sollte man die Videospielästhetik brechen und den Kriegsveteran öfters auch im Umgang mit seiner Umgebung von vorn sehen können, um ihn noch besser zu begreifen. Wie kam es zu der Zusammenarbeit und war es nicht sehr schwer, überhaupt Kriegsveteranen zu finden, die bereit waren, darüber zu sprechen? Oder: Wäre ein Film über deutsche Afghanistan-Soldaten nicht wichtiger?

Filmausschnitt STRESS © Florian Baron

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Florian Baron, der zuvor einige seiner ersten filmischen Arbeiten vorstellte, gab ausführlich Auskunft. Er erzählt von einem parallel entstehenden Kinofilm, in dem insgesamt fünf Protagonisten vertreten sind, u.a. auch eine Frau. Neben der Tatsache, dass das Thema ihm eher zufällig begegnete, empfindet er das Phänomen der jungen Kriegsveteranen in den USA wesentlich präsenter.
Man kann solchen Menschen überall begegnen und die Problematik der Wiedereingliederung in ein normales Leben ist allgegenwärtig. Besonders stark empfindet er jedoch die Verbindung zum mitunter absurd wirkenden amerikanischen Patriotismus, der überall sichtbar wird, ganz anders als in Deutschland.

Beide Seiten, die Dokuklasse und der Regisseur haben von diesem Treffen profitiert. Der konkrete Einblick in einen entstehenden Produktionsprozess, aber auch ein erster Zuschauerblick von jungen Menschen, die letztendlich im thematischen Fokus dieser Senderreihe stehen. Ganz engagiert wurde am Schluss noch über den Titel diskutiert, denn den Mitgliedern der Dokuklasse war Stress zu sehr mit Hektik und Alltäglichkeit verbunden, die sie selbst kennen, aber niemals mit dieser Geschichte in Verbindung bringen würden. Genau diese Reaktion, dieser Kontrast schien dem Filmemacher zu gefallen. Und er erzählte auch noch von einem Moment, der ihn unglaublich verunsicherte: Während eines Interviews gab ihm sein Gesprächspartner zu verstehen, dass er – wie in den USA nicht ganz unüblich – einen Revolver bei sich trägt. Da hatte ihn das wortwörtliche Thema eingeholt: Stress.

STRESS (AT) © Florian Baron

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Über Leopold Grün

Leopold Grün arbeitete ein Jahr als Grundschullehrer in der DDR, absolvierte anschließend ein Studium der Sozial- und Medienpädagogik in München. An der Humboldt-Universität Berlin studierte er Sozial- und Politikwissenschaften und schloss 2001 an der TU Berlin als Diplom-Medienberater ab. Seit 1996 als Medienpädagoge bei der FSF tätig. Ab 2004 arbeitet er gleichzeitig als freier Filmemacher: Der Rote Elvis und Am Ende der Milchstraße sind unter seiner Regie entstanden.

21. Oktober 2016 von Leopold Grün
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