Die schönste Zumutung

Matthew McConaughey, Kevin Spacey, Woody Harrelson, Glenn Close, Hale Berry,  Maggie Smith: Sie denken an Hollywood? Ich denke an Fernsehen.

Immer mehr große Namen des Celluloids haben den Weg in diverse TV-Produktionen gefunden. Und nicht etwa in aufwendig produzierte Filme. Nein, in TV-Serien. Einer früher ausgesprochen verpönten Gattung. Das serielle Drama mit zwölf bis dreizehn Folgen und offenem Ende hat sich nach den Worten Brett Martins, des Autors von “Difficult Men: Behind the Scenes of a Creative Revolution”, zu einer eigenen Kunstgattung gemausert. Mehr noch, zu DER bezeichnenden Kunstgattung für die USA des beginnenden 21. Jahrhunderts. Er vergleicht die Bedeutung der neuen Qualitätsserien mit der Bedeutung, die die Filme von Scorsese, Altman und Coppola für die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts hatten. Das korrespondiert mit der Ansicht Allan Seppinwalls („The Revolution was Televised“), dass Serien in eine Lücke gesprungen seien, die sich im Qualitätsspektrum des Kinos aufgetan habe. Wo es früher Blockbuster, Kunstfilme und eine große Bandbreite dazwischen gegeben hätte, wäre im 21. Jahrhundert genau diese Mitte verschwunden. Und wurde durch das TV-Drama ausgefüllt. TV-Serien haben die Möglichkeit, Geschichten über einen langen Zeitraum zu entwickeln, sie mit vielschichtigen Charakteren anzufüllen und allerlei Experimenten. Bei Serien gibt es kreative Freiräume, die das Kino inzwischen fast eingebüßt hat. Jede Folge ist wie ein kleiner Film. Sie verlangen vom Zuschauer Hingabe. Kein Wunder also, dass immer mehr Namen aus Hollywood in den Abspännen bekannter Serien zu finden sind.

Wenn ich jedoch hierzulande sage, ich schreibe über TV-Serien, gucken die Leute fragend und sagen Sachen wie: Marienhof? Sturm der Liebe? Und dann versuche ich, die Fassung zu bewahren und ruhig zu erklären, dass es seit inzwischen fast zwanzig Jahren eine andere Art von Serie gibt, die mit einer Seifenoper so wenig gemeinsam hat wie Tarantino mit Roland Emmerich. Doch diese TV-Serien findet man in Deutschland nur bedingt im TV, auch wenn einige davon auf deutschen Sendern gelaufen sind und derzeit laufen. Die andere Reaktion, die ich bekomme, ist: ‚Ich gucke kein Fernsehen‘. Und in der Tat laufen Fans US-amerikanischer Qualitätsserien Gefahr, eine schizophrene Einstellung zu entwickeln: Man guckt kein Fernsehen und doch guckt man ständig Fernsehen. Empfehlungen zu und DVDs mit US-amerikanischen Serien werden unter Eingeweihten rumgereicht wie früher kopierte Platten. Während Serien wie The Wire (2002), Deadwood (2004) und, ja, auch Buffy the Vampire Slayer (1997), die Einstellung zum TV in den USA nachhaltig verändert haben, hat man in Deutschland den Eindruck, dass die Zuschauer und auch mancher Kommentator dieses Medium schon fast komplett aufgegeben haben. Fernsehen sei ja keine Kunstform, schreibt Stefan Gärtner beim The European und die „tägliche Fernsehdosis […] ein Sedativum“. „Fernsehen bestätigt, beruhigt, schläfert ein. Dafür ist es da.“ Und Sabine Horst schrieb letztes Jahr in der Zeit, dass sie findet, die neuen US-Serien würden den Zuschauer überfordern. Sie würden ihn terrorisieren, mit ihrer durchgestylten Perfektion und Komplexität. Das bräuchte man nicht, weil man dabei nicht mehr bügeln könne. Das Fernsehpublikum für dumm zu erklären, hat in Deutschland eine lange Tradition. ‚Die wollen ja nichts anderes, als Scripted Reality‘, heißt es häufig.

Das US-amerikanische Fernsehen hat bewiesen, dass genau das nicht stimmt. Man kann dem Zuschauer durchaus Intelligenz unterstellen und damit Erfolg haben. Zugegeben, die Anfänge der Ära der Qualitätsserien sind nicht im klassischen, sondern im Bezahl-Fernsehen begründet. Losgetreten hat diese Entwicklung der Pay-TV-Sender HBO. Dieser musste sich nicht vor Werbekunden rechtfertigen, die vielleicht etwas dagegen gehabt hätten, dass ihre Windelwerbung zwischen zwei Mafia-Morden gesendet wird. Verpflichtet war HBO lediglich dem Zuschauer. Und dort beschloss man eines Tages, dass man dem auch mal was zumuten kann. Die Strategie war denkbar einfach: Man holte talentierte Leute und ließ sie machen. Heraus kam The Sopranos  (1999) und der Rest ist, wie es so schön heißt, Geschichte.

The Sopranos: extraordinary new notes in American television. (c)  Allstar/HBO/Sportsphoto Ltd./Allstar

The Sopranos auf Sky Atlantic HD (c) Allstar/HBO/Sportsphoto Ltd./Allstar

Doch diese Geschichte hätte nicht so hohe Wellen geschlagen, hätte das ‚normale‘ Privatfernsehen in den USA nicht versucht, darauf mit zu reiten. Mit Erfolg. Denn nicht nur der HBO-Rivale Showtime (auch Pay-TV) legte mit Dexter und Californication (2007) ebenfalls hoch-innovative und komplexe Serien vor, die Preise einheimsten.

Auch alles, was in den USA als „network“ und „basic cable“ bezeichnet wird, erhält neuerdings jedes Jahr Nominierungen und auch die eine oder andere Statue. So etwa Fox mit Homeland (2011), AMC mit Mad Men (2007) und Breaking Bad (2008), FX mit The Shield (2002) und Nip/Tuck (2003), ABC mit Lost (2004). Und sogar die Internetanbieter sind inzwischen in die Serienproduktion eingestiegen. Die große Emmy-Überraschung dieses Jahres war House of Cards (2013), eine von Netflix produzierte Serie, die sogar auf die üblichen Zusammenfassungen und Vorschauen verzichtete, weil alle 13 Folgen in einem Rutsch gestreamt wurden.

Viele der Trash-Formate, die im deutschen Fernsehen kommen, sind gewissermaßen importiert. All die Big Brothers und sonstigen Wohngemeinschaften, die Casting-Shows, die nicht ohne Grund einen englischen Genrenamen haben und sogar die meisten Spiel-Shows à la Wer wird Millionär?. Hier ist das deutsche Fernsehen groß: wenn es darum geht, zu imitieren. Immer getreu dem Motto: Besser gut kopiert als schlecht selbst gemacht. In manchen Fällen durchaus legitim, aber gleichzeitig eines der großen Mankos des deutschen Fernsehens. Doch wenn sich hierzulande mal jemand entschließen würde, Qualität zu imitieren, dann hätte ich da wirklich nichts dagegen. Und dann denken vielleicht wieder mehr Leute an Fernsehen, wenn sie an TV denken.

 

Die erste Episode der Politserie House of Cards wurde bereits am 6. November im englischen Original mit deutschen Untertiteln (OMU) auf ProSieben MAXX ausgestrahlt. Seit dem 13. November werden dort jeden Mittwoch ab 20.15 Uhr zwei Episoden der ersten Staffel hintereinander in OMU gezeigt. Die synchronisierte Fassung läuft seit dem 10. November 2013 um 23.15 Uhr auf Sat.1. The Sopranos sind noch bis zum 17. Dezember 2013 auf Sky Atlantic HD zu sehen.

Über Katja Dallmann

Katja Dallmann hat ein Übersetzer-Diplom und einen Bachelor in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft abgeschlossen. Sie ist freie Übersetzerin und Autorin, hat als Online-Redakteurin gearbeitet und verschiedentlich in Print und Online publiziert. Katja ist leidenschaftlicher Serienfan und bloggt sonst unter Serielle Schnittstelle.

11. Dezember 2013 von Katja Dallmann
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