Faszination Film noir

Mit African Queen fing alles an. Vor vielen Jahren saß ich an irgendeinem Nachmittag – vermutlich sonntags – bei meinen Eltern im Wohnzimmer im Sessel und schaute fern. Es lief die Geschichte einer spröden Frau (Katherine Hepburn) und eines bärbeißigen Flusskapitäns (Humphrey Bogart), die in Afrika spielte. Ich war fasziniert und las genauer in der Fernsehzeitschrift über diesen Film nach. Damals gab es noch kein Internet, ich konnte mir also nicht kurz etwas zusammengoogeln, sondern lieh mir in der Bibliothek ein Buch über Katherine Hepburn aus und durchforstete fortan die Fernsehzeitschrift nach Filmen mit ihr, Humphrey Bogart oder von John Huston. Daher war es nur eine Frage der Zeit, bis ich irgendwann auf The Maltese Falcon, Asphalt Jungle und Key Largo stieß, die alle meine Leidenschaften vereinten: eine Kriminalgeschichte, Männer mit Hüten – und diese Düsternis, die ich damals noch nicht benennen konnte. Seither liebe ich den Film noir. Von den einen als Genre, von anderen als Stilrichtung verstanden, übt er eine Faszination auf mich aus, die bis heute nicht nachgelassen hat.

Film noir © Sonja Hartl

Film noir © Sonja Hartl

Obwohl der Begriff noir im Zusammenhang mit Filmen bereits vor dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich in Anlehnung an die Buchreihe Série noire verwendet wurde, ist seine heutige Verwendung von dem französischen Filmkritiker Nino Frank geprägt. Erstmals verwendete er den Begriff Film noir im Zusammenhang mit den (Kriminal-)Filmen Laura (Otto Preminger, 1944), Frau ohne Gewissen (Billy Wilder, 1944), Die Spur des Falken (John Huston, 1941), Das verlorene Wochenende (Billy Wilder, 1945) und Murder, My Sweet (Edward Dmytryk, 1944), um eine dunklere Spielart des Kriminalfilms zu kennzeichnen. In diesen Filmen spielt die Aufklärung des Verbrechens eine geringe Rolle, im Mittelpunkt steht indes eine Psychologisierung des Verbrechens. Außerdem verwenden die Regisseure – überwiegend europäische Exilanten – eine an den deutschen Expressionismus angelehnte Bildsprache, eine mit Rückblenden und Off-Kommentaren neue Erzählweise, eine von Sergej Eisenstein geprägte Montagetechnik und entwickelten Elemente des französischen Poetischen Realismus und Surrealismus weiter. Ihre Stoffe fanden sie in Pulp-Magazinen und in den Hardboiled-Romanen von Raymond Chandler und Dashiell Hammett, dabei wurden ihre Filme auch als Reaktion auf die Verunsicherung der Gesellschaft in der Folge von Wirtschaftskrisen, zweier Weltkriege und der Atombombe gesehen.

In den 1940er-Jahren wurde der Begriff Film noir in den USA nicht verwendet, sondern er wurde dort erst im Zuge von Filmclubs an Colleges ab Ende der 1970er-Jahre populär. Vielmehr waren es europäische Kritiker, die sich mit der Frage beschäftigten, ob der Film noir ein Genre sei (die bis heute nicht entschieden ist), und ihn datierten. Im Allgemeinen wird die klassische Phase des Film noir von 1941 (The Maltese Falcon) bis 1957 (Touch of Evil, Orson Welles) angesetzt, die von Vorläufern, Hommagen und Weiterentwicklungen umrahmt wird. Filme mit Noir-Elementen gibt es also vorher und nachher, aber in dieser klassischen Phase sind die Filme entstanden, die den Stil bis heute bestimmen.

Die Definition eines Film noir ist dabei ebenso umstritten wie die Einordnung des Begriffs. Ein Film noir ist bestimmt durch eine pessimistische Sichtweise, das Scheitern ist unvermeidbar. Viele sind Kriminalfilme, erzählt werden sie oft in subjektiver Erzählhaltung, mit Rückblenden und Voice over, später ist auch ein Hang zur Selbstreflexivität zu bemerken. Sie sind in einer sozialen und politischen Realität verhaftet, die aber nicht notwendigerweise mit der Wirklichkeit übereinstimmen muss. Die Figuren sind oft desillusionierte Antihelden – der hartgesottene Privatdetektiv, die Femme fatale – und der Handlungsort ist häufig urban geprägt. Visuell dominiert eine Low-Key-Beleuchtung, es gibt viele Kontraste und Schattenbilder, oft stark vertikal und horizontal geprägte Bildkompositionen.

Obwohl die ersten Filme des Film noir aus den USA gekommen sind, gibt es ihn auch aus anderen Produktionsländern. Gerade in Großbritannien und Frankreich sind bereits früh Film noir-Streifen entstanden – beispielsweise Brighton Rock (John Boulting, 1947), Der dritte Mann (Carol Reed, 1947) und Rififi (Jules Dassin, 1955). Außerdem lassen sich Noir-Elemente in südamerikanischen, asiatischen oder deutschen Filmen finden, so wird am 20. August dieses Jahres hierzulande der indische Noir-Film Sunrise anlaufen, in dem die Elemente des Film noir zur Erforschung der Seelenlage des Protagonisten verwendet werden. Denn unabhängig ob Genre oder Stilrichtung – der Film noir fasziniert nicht nur mich bis heute.

Über Sonja Hartl

Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Chefredakteurin von Polar Noir.

28. Juli 2015 von Sonja Hartl
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