Stranger Things – Als die Welt noch einfach war

Während dieser Sommer einiges an Enttäuschungen bot, schenkte uns Netflix eine Serie, die am Ende des Jahres mit großer Sicherheit in vielen Rankings weit oben zu finden sein wird: Stranger Things. Die Serie bekam im Vorfeld einiges an Aufmerksamkeit, immerhin bietet sie mit Winona Ryder einen der großen Stars der 90er. Doch Ryder ist nur ein Teil eines Puzzles, das von den Brüdern Matt und Ross Duffer mit großer Kunst zusammengefügt wurde.

Die beiden erzählen eine Geschichte, die uns vertraut erscheint und von Anfang an mitnimmt und nicht mehr loslässt. Wir befinden uns in der Kleinstadt Hawkins, Indiana, im November 1983. Der 12-jährige Will Byers verschwindet spurlos und wir wissen, dass der Grund übernatürlicher Natur ist. Fast zeitgleich taucht ein rätselhaftes Mädchen mit kahl geschorenem Kopf und im zerschlissenen Pyjama auf. Wir ahnen bereits, dass beide Vorfälle zusammenhängen.

In acht Folgen versuchen Freunde, Familie und der Sheriff der Kleinstadt dem unerklärlichen Verschwinden des kleinen Will auf die Spur zu kommen. Dazu gesellen sich verschwörerische Widersacher aus Regierungskreisen, denen ein geheimnisvolles Projekt aus dem Ruder gelaufen ist. Natürlich hat alles mit allem zu tun und es kommt zum großen Finale zwischen Gut und Böse.

Zauberhafte Eleven stiehlt Rider die Show

Stranger Things hätte unter Umständen auch danebengehen können, wäre den Serienmachern beim Casting kein so hervorragender Job gelungen. Winona Ryder gelingt die Darstellung der verzweifelten aber hoffnungsvoll kämpfenden Mutter überzeugend. Auch David Harbour als eigenwilliger Sheriff taugt als Sympathieträger. Die heimlichen Stars der Serie sind jedoch die Kinder, allen voran Millie Bobby Brown als Eleven. Die 12-jährige füllt ihre Rolle zwischen geheimnisvoller Unschuld und beängstigender telekinetischer Kraft so perfekt aus, dass es schwerfällt, sich nicht in sie zu verlieben.

Auf der anderen Seite stehen die Bösewichter, die eindimensional, wortkarg und absolut austauschbar die Verschwörungstheorien der 80er-Jahre verkörpern. Wie bei E.T. oder Feuerkind kommen sie im Anzug daher und sind zu keiner menschlichen Emotion mehr fähig. Sie machen es dem Zuschauer leicht, sich zu entscheiden, auf wessen Seite er stehen möchte.

Detailverliebte Hommage an die 80er

Diese Eindeutigkeit in den Figuren und der simple Plot mag die Frage aufkommen lassen, wie Stranger Things so zu einer der besten Serien in diesem Jahr (wenn nicht sogar der ganzen Dekade) werden konnte. Hier wurde mit großer Liebe zum Detail ein Gesamtkunstwerk erschaffen, das einen von Anfang an in seinen Bann zieht. Die Duffer Brothers, wie sie sich im Vorspann selbst bezeichnen, haben eine Hommage an die 80er-Jahre inszeniert und zwar so perfekt, dass man ihnen diese Illusion sofort abnimmt.

Trotz der immer mal wieder gruseligen Elemente bleibt Stranger Things eine Wohlfühlfläche, vor allem für Nostalgiker. Es wird eifrig bei Spielberg, King und anderen zitiert, ohne dabei einfallslos oder dreist zu wirken. Dazu orientieren sich Charaktere, Setting und Ausstattung so penibel an das Originaljahrzehnt und ihre filmischen Vorbilder, dass die temporäre Realitätsflucht des Zuschauers bedenkenlos gelingt. Selbst die Zigarette darf in der Serie überall geraucht werden und ist noch weit entfernt von ihrer heute verachteten Randexistenz.

Erzählerische Gegenrevolution mit Herz

Zugegeben, all das klingt womöglich noch nicht überzeugend, da durchaus berechtige Zweifel an der Originalität aufkommen mögen. Wo ist das Neue und Überraschende? Sind wir nicht schon viel weiter im anspruchsvollen Erzählen? Haben wir nicht gelernt, dass die Trennung zwischen Gut und Böse nicht so einfach ist, wie uns alte Erzählmuster gerne weismachen wollten?

Ja, aber Stranger Things gelingt eine magische Inszenierung, die nur diese Umsetzung zulässt. Die Show spielt über acht Folgen hinweg eindrucksvoll mit unseren Emotionen und schafft es so, dass wir nach jeder Folge nicht loslassen können von dem, was da in Hawkins, Indiana passiert. Von Anfang an schwebt über allem die Hoffnung auf und das Wissen um ein Happy End, nur um dann feststellen zu müssen, dass wir eventuell an der Nase herumgeführt wurden.

 

 

Über Sebastian Calließ

Nach abgeschlossenem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft, Projekte der politischen Bildung in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt. Es folgte Medienbeobachtung in Berlin, aktuell ist Sebastian Calließ im Online-Marketing-Bereich aktiv und schreibt für das Web-Radio BLN.FM. Er ist ein begeisterter Geschichtenerzähler, Film- und Serienfreund, verliebt in House und Disco und „verliert“ sein Geld in Plattenläden.

21. September 2016 von Sebastian Calließ
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