Und ewig lockt …

Vampire sind bei genauerer Betrachtung im Unsterblichsein nicht besonders gut. Was einem ernsthaft zu denken gibt, was das ewige Leben angeht.

All die übernatürlichen Wesen, die derzeit eine Serie nach der anderen erhalten, sind vor allem eines: schwer um die Ecke zu bringen. Es ist nicht so, dass sie nicht getötet werden können – Kopf ab, Eisenkraut, Pfahl durchs Herz – kennt man alles, ist aber für Otto Normalverbraucher schwer umzusetzen; ergo: Unsterblichkeit. Aus Serienlogik natürlich grandiose Voraussetzungen. Aber Unsterblichkeit ist auch in anderer Hinsicht ein ausgesprochen dankbares Thema, sind doch ewiges Leben und ewige Jugend Dinge, denen die Menschheit scheinbar seit Anbeginn der Zeit hinterher jagt. Mythen und Geschichten über Jungbrunnen, Alchemisten und Zauberei gibt es in Hülle und Fülle und sie finden sich seit jeher in allen Formen der Erzählkunst. Allerdings geht es da meist um die Jagd nach dem Mittel und weniger um die Frage, was man damit macht, wenn man es denn hat. Antworten darauf, was man mit so einem ewigen Leben alles anfangen kann, gibt es auf den Bildschirmen derzeit jedoch genug.

Zumeist ist man entweder seit ewigen Zeiten in irgendeiner Art von Dauerdisput begriffen, auf der Suche nach einer Verflossenen oder deren Doppelgängerin, oder man ist durchgeknallt. Gern auch alles zusammen. Und damit füllt man dann Jahrhundert um Jahrhundert mit Daseinssinn an. Scheint schon mal nicht sehr sinnvoll zu sein, bei näherer Betrachtung. Und was dabei vor allem auf der Strecke zu bleiben scheint, ist jedwede Art von Charakterbildung. Im Gegenteil: Die Ewigkeit offenbart noch die letzte Schwäche. Aufbrausendes Temperament, Hang zum Kontrollfreak, unbändiger Machthunger, schlichte Dummheit oder Neurosen? All das scheint sich im Laufe von Jahrhunderten nicht zu relativieren, mit der ganzen Lebenserfahrung und den Fortschritten in der Psychoanalyse (man hätte ja zu Jung persönlich in Therapie gehen können), sondern es wird offenbar nur schlimmer. Ein geläuterter Vampir ist so selten wie Werwolf mit Silberkettchen. Aber vor allem der menschliche Hang, Dinge hinauszuschieben, offenbart sich mit grausiger Klarheit. Das Instrument, das man immer mal spielen wollte? Die Sprache, die man schon immer mal lernen wollte? Das Fach, das man mal schon immer studieren wollte? Wäre ja alles kein Problem. Zeit hat man ja –  als Unsterblicher. Macht aber keiner. Kaum ein Universalgelehrter oder Musikvirtuose oder Meisterkoch oder wenigstens jemand, der ein paar Sprachen angehäuft hätte. Der einzige, der in dieser Hinsicht wirklich glaubwürdig ist, ist Doctor Who (2005). Ist zwar streng genommen kein Unsterblicher, sondern ein Außerirdischer, aber über 900 Jahre Lebensspanne lassen doch einen Vergleich zu. Der kennt nämlich so ziemlich jede im gesamten Universum verfügbare Technologie, spricht Baby-, Tier- und sonstige Sprachen und hat einen unerschütterlichen Glauben an das Gute in jeder Kreatur, da, wo andere Unsterbliche gern mit einem der Zeit geschuldeten Zynismus ausgestattet werden. Als „sehr alt und sehr gütig“ fasst es eine seiner Begleiterinnen einmal zusammen. Nennt sich auch Lebenserfahrung – würde ich mal sagen. Auf diesen Zustand kann man bei jedem anderen Unsterblichen offenbar lange warten.

Ein interessanter Nebeneffekt dieser Charakterunterentwicklung sind die Liebesgeschichten. Ich fand’s ja schon immer recht erstaunlich, dass sich 150 Jahre alte Männer für 17-jährige Mädchen interessieren. Also wenn das in Echt passieren würde, wüsste ich dafür einen sehr treffenden juristischen Fachausdruck, den ich mir an dieser Stelle verkneife. Wie genau läuft das? Bleiben die Vampire in ihrer Entwicklung einfach da stehen, wo sie verwandelt wurden? Oder geht der klischeehafte Wunsch nach jüngeren Frauen einfach nicht weg und wird, wie alles bei Vampiren, bis zum Exzess getrieben. Höher, schneller, weiter, jünger? Und interessanterweise ist es meistens ein Vampirmännchen und Menschenweibchen, die da zueinanderfinden, nicht anders herum. Das „Ich habe Ozeane der Zeit überquert, nur um dich zu finden.“ von Gary Oldman (Dracula, 1992) war ja noch originell.

Dracula by Bam Stoker (2012), Screenshot

Bam Stoker`s Dracula (2012)

Obwohl: Bloß keinen Druck, wie? Was für eine Erwartungshaltung! Aber generell leuchtet mir von Twilight (2008) über True Blood (2008) bis The Vampire Diaries (2009) keine dieser Mensch-Vampir-Beziehungen wirklich ein. Außer als dramaturgischer Kniff, selbstverständlich. Denn aus der Unvereinbarkeit von ewigem Leben und Sterblichkeit ergibt sich natürlich das epischste Liebesschmachten seit Romeo und Julia. Kein Abgrund der unüberwindbarer wäre, kein Unterschied, der mehr entzweien würde. Vampir-Mensch-Pärchen sind die ultimativen Königskinder. Für die Dramatik muss bei so einer Konstellation schon niemand mehr sorgen, denn es geht buchstäblich immer um Leben und Tod. Allerdings muss man sagen, dass das männliche Vampirvolk ganz schön oberflächlich ist. Sie sagen zwar immer alle, dass es ihnen egal ist, wenn die Frauen altern würden, aber jetzt mal ehrlich: Hat man das schon mal gesehen? Früher oder später – die Gründe mal plausibler und mal weniger – wurde noch jedes Feinsliebchen gewandelt. Passenderweise natürlich im selben Alter. Wie wär’s mal mit ’ner Vampirfrau Anfang 40, die sich einen jüngeren Liebhaber Mitte 20 ‚macht‘? Das einzige Mal, dass ich das Szenario ‚gemeinsam altern’ tatsächlich ausgespielt auf der Leinwand gesehen habe, war im ersten Teil von Highlander (1986). Der hat seiner Frau bis an ihr Lebensende beim Älterwerden zugeschaut, blieb ihr treu und hat sie dann würdevoll beerdigt. Nehmt euch ein Beispiel, Blutsauger! Und überhaupt: sucht euch ein Hobby oder geht in Therapie! Vampire schneiden in Sachen sinnvoller Langlebigkeit wirklich schlecht ab. Und wenn ich mir das alles so angucke, dann ist es wohl besser, dass wir diesen Jungbrunnen oder den Stein der Weisen nie gefunden haben.

Über Katja Dallmann

Katja Dallmann hat ein Übersetzer-Diplom und einen Bachelor in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft abgeschlossen. Sie ist freie Übersetzerin und Autorin, hat als Online-Redakteurin gearbeitet und verschiedentlich in Print und Online publiziert. Katja ist leidenschaftlicher Serienfan und bloggt sonst unter Serielle Schnittstelle.

02. Januar 2014 von Katja Dallmann
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