Doch nur zur Weihnachtszeit

Bald versammeln wir uns wieder neben geschmückten Bäumen, essen Kekse und trinken Wein, der ein oder andere singt vielleicht ein Lied, wir packen Geschenke aus, freuen uns auf Familie, Freunde und Verwandtschaft. Ich mag Weihnachten. Ich mag die leicht rührselige Stimmung, die Ruhe und das Gefühl, für einen kurzen Moment aus dem ganzen Alltag heraus zu sein. Und manchmal denke ich mir, wie schön es doch wäre, wenn man dieses Erlebnis noch einmal im Jahr hätte. Aber sofort erinnere ich mich dann an eine Geschichte, die den Ernstfall nachstellt: In Heinrich Bölls Nicht nur zur Weihnachtszeit feiert eine Familie jeden Abend Weihnachten. Nicht einmal zwei Jahre hält sie durch, sondern nach und nach gehen die Familienmitglieder daran zugrunde.

Angefangen hat alles Weihnachten 1947. Es war das erste Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg, an dem die Weihnachtstraditionen der Familie des Erzählers wieder aufgenommen wurden: Es gibt einen Weihnachtsbaum, geschmückt mit Zwergen, die auf Glöckchen hämmern, Süßigkeiten und einem Engel an der Spitze, der durch einen verborgenen Mechanismus gelegentlich Frieden flüstert. Als dieser Baum abgeschmückt werden soll, beginnt Tante Milla zu schreien und hört nicht mehr auf, bis der Baum wiederhergestellt ist. Psychiater wissen keinen Rat, also beschließt ihr Ehemann, dass fortan das ganze Jahr Weihnachten ist – mitsamt einer unter dem Baum versammelten Familie. Die Folgen sind fatal, die Familienmitglieder entwickeln eine Spekulatius-Psychose, wandern nach Afrika aus, suchen sich eine Affäre, wenden sich dem Kommunismus zu oder gehen – wie das schwarze Schaf der Familie – gar ins Kloster. Nur Tante Milla und ein Nachbar, der als Pastor engagiert wurde, unterhalten sich noch köstlich inmitten der Wachsfiguren, die die realen Familienmitglieder ersetzt haben.

Erstmals wurde Heinrich Bölls Nicht nur zur Weihnachtszeit bei einem Treffen der Gruppe 47 auf Schloss Berlepsch vorgelesen, noch im selben Monat – November 1952 – wurde sie von Alfred Andersch herausgegeben, außerdem entstand eine Hörspielfassung. Die zeitlichen Bezüge sind offensichtlich: Heinrich Böll zeigt mit feinen satirischen Spitzen die Folgen auf, die das Festhalten des Großbürgertums an alten Traditionen haben wird. Denn Tante Milla war immer gesund, bis sie während der Kriegsjahre, die die großbürgerliche Familie mehr oder weniger unbeschadet überstanden hat, auf ihren Tannenbaum, die auf Glöckchen hämmernden Zwerge und den friedensrufenden Engel verzichten musste. Nach dem Krieg ist sie nicht bereit, darauf zu verzichten, vielmehr äußert sich ihre Angst durch starres Festhalten an Bewährtem. Dadurch entlarvt diese Satire die Scheinheiligkeit einer Gesellschaft, die sich den neuen Realitäten nicht anpassen will – und die Folgen, die dieser Kulturkonservatismus haben wird.

Dadurch hat Nicht nur zur Weihnachtszeit in der heutigen Zeit weder ihre Unterhaltsamkeit noch ihre Wirkung verloren. Die Geschichte funktioniert als Mahnung, dass nicht alles unendlich zu wiederholen ist und man nicht zwanghaft an allem festhalten soll. Denn ein Mensch – und eine Gesellschaft – die jede Veränderung ablehnt, erstarrt irgendwann in sinnlosen Ritualen und geht zugrunde. Deshalb genießen wir doch an Weihnachten einfach nur den Moment.

Über Sonja Hartl

Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Chefredakteurin von Polar Noir.

20. Dezember 2014 von Sonja Hartl
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