In der Hoffnung, einen brauchbaren Weg zu finden

 

Hoffnung  © FSFIn diesem Jahr riss der gefühlt schon ewig bestehende graue Himmel über Berlin eine Woche vor Ostern erstmalig auf. Frühlingswärme lag über der Stadt und: „Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!“. Um die Mittagszeit füllten sich Parkanlagen und Brachen, erste leichte Kleidung war zu sehen und von noch kümmerlichem Wiesengrün übertrug sich eine geradezu beschwingte Stimmung, die sogar noch im U-Bahn-Zug nachzuwirken schien. Sicher saß hinter irgendwelchen Fenstern auch manch Famulus Wagner, der mit all dem Treiben nichts anzufangen wusste, doch für den Moment dominierte das von der Natur vermittelte „Hoffnungsglück“. Goethes Doktor Faust konnte die Wirkung der Sonne im Gegensatz zu seinem Schüler durchaus genießen. Er schöpfte daraus Trost und Hoffnung für den Weg, den er meinte, gehen zu müssen. Doch sein Hoffen täuschte ihn nie darüber hinweg, wie anstrengend und ungewiss es ist, nach dem zu fragen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“.

Vor gut 50 Jahren, im Dezember 1965, ließ die oberste Parteiführung in der DDR zwölf DEFA-Spielfilme verbieten. Dieses traurige Jubiläum wurde Anlass, die betroffenen Filme in rekonstruierter Fassung gegenüber der heutigen Öffentlichkeit neuerlich zur Diskussion zu stellen. Ich durfte dabei zahlreiche Veranstaltungen moderieren und erlebte so ausgesprochen interessante Reaktionen. Ältere Menschen im Osten bekamen leicht einen verklärten Blick, weil von der Leinwand her immer wieder Jugenderinnerungen, aber auch verschlissene Hoffnungen wachgerufen wurden. Die entsprechende Generation im Westen Deutschlands reagierte eher mit einer gewissen Ratlosigkeit. Jüngere Zuschauer bemerkten unisono, dass hier unterschwellig wichtige subjektiv orientierte Fragen in einer bemerkenswerten künstlerischen Verdichtung angesprochen werden, die sie im verallgemeinerten Sinne beim eigenen Heranwachsen ebenfalls beschäftigen. Niemand konnte allerdings auf Anhieb verstehen, warum die Filme einst verboten wurden. Vordergründig scheint es doch immer darum zu gehen, die sozialistische Gesellschaft zu verbessern, und nie darum, sie als Vision infrage zu stellen. Tatsächlich ist es so, dass die Funktionäre seinerzeit die Darstellung einer vollendeten Utopie verlangten. Die Auseinandersetzung mit einem mühevollen Weg zu einem zwar erhofften, doch nie mit aller Gewissheit vorhersehbaren Ziel erschien ihnen suspekt. Später hatte sich das geändert. Nur fünf Jahre nach dem beschämenden Verbotsverfahren waren nahezu alle nun entstandenen DEFA-Gegenwartsfilme von der Suche nach dem richtigen Weg geprägt. „Die Hoffnung, mit Filmkunst auch auf gesellschaftliche Verhältnisse einwirken zu können“, so eine leitende Dramaturgin im Rückblick nach 1990, war bestimmend für die Arbeit des Studios. Nur wollten jetzt nur noch relativ wenige Zuschauer etwas von der Inszenierung steiniger Wege zu einer überstrapazierten gesellschaftlichen Beglückungsutopie wissen.

Jan Josef Liefers gehört heute zu jenen Akteuren, die im deutschen Fernsehen unentbehrlich scheinen. Er ist als Kind in der Welt des Theaters aufgewachsen, doch den entscheidenden Impuls, selbst Schauspieler werden zu wollen, erhielt er nach eigenen Worten im Dresdener „Rundkino“ angesichts des sowjetischen Films Leuchte, mein Stern, leuchte von Aleksandr Mitta. Dieses Melodram aus dem Jahr 1969 erscheint im Rückblick wie ein frühes Wetterleuchten der späteren GlasnostZeit. 1920, mitten im Bürgerkrieg nach der Russischen Revolution, zieht Iskremas, ein junger Theaterenthusiast, mit einem Karren durch die Dörfer, um dem Volk die Kunst Shakespeares nahezubringen. Viel Erfolg hat er damit nicht. Angesichts der harten Alltagsherausforderungen suchen die Menschen lieber bei den „Wackelbildern“ eines Wanderkinos Trost und Ablenkung. Iskremas lässt sich nicht entmutigen. Ihn interessieren nicht die Ideologien der roten Kommissare, der weißen Offiziere und schon gar nicht die der als grün bezeichneten gewöhnlichen Banditen. Er glaubt, dass er mit seinen Angeboten reflektierendes Handeln befördern kann, was nicht zuletzt den Kriegswahnsinn in Frage stellen würde. Am Ende des Films findet der junge Held eher zufällig den Tod. So traurig der Zuschauer dadurch auch gestimmt wird, dieses Finale ist nicht nur dramaturgisch konsequent. Das Leinwandsterben bildet den letzten Mosaikstein für einen ausgesprochen intensiven Hoffnungsimpuls mit Blick auf jene, die mit feuchten Taschentüchern im Publikum sitzen. Iskremas, gespielt von Oleg Tabakov, überzeugt mit Lebensfreude und Leidenschaft, er bleibt seinen Idealen treu und er zeigt, wie jemand Kraft aus sich und für sich finden kann. Eine wie auch immer gewandete Götzenanbetung bleibt eine Täuschung, sie macht unfrei und traurig.

Wie traurig das enden kann, zeigt auf bedrückende Weise die gerade mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Swetlana Alexijewitsch in ihrem Buch Secondhand-Zeit. Sie hat nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Menschen befragt, die ihre ganze Identität aus dem System abgeleitet hatten und die nun vor einer großen Leere standen. Es sind Menschen, die den Tod nächster Verwandter im Gulag verkraften mussten, die selbst in den Lagern saßen, die Hunger und Krieg in den schlimmsten Verwerfungen erlebt haben und die dennoch all ihre Hoffnungen an ein Gesellschaftsmodell gebunden hatten, das Erlösung in irgendeiner fernen Zukunft versprach. Es sind Geschichten wie die von dem Tataren Timerjan Sinatow, die den Leser erschüttern. Als junger Mann gehörte Sinatow zu jenen, die am Tag des Überfalls der Hitlertruppen die Grenzfestung Brest verteidigten. Er war einer der wenigen Überlebenden und er definierte seinen ganzen weiteren Daseinssinn allein aus dem hier erworbenen Heldenstatus. Als nach 1991 der einstige Mythos nichts mehr zählte, stürzte er sich als alter Mann vor einen Zug. Eine zigfach gebrochene Persönlichkeit hatte das von außen definierte Korsett verloren. Anders als die Kunstfigur Iskremas gab es für ihn keinen subjektiv verorteten Hoffnungsstrang, der autarkes Handeln motivieren konnte. Er fand Lebenskraft nur aus von anderen oktroyierten Ideen.
Goethes Faust lässt sich sogar mit dem Teufel ein, um das da draußen zu durchschauen. Er irrt und er lädt Schuld auf sich, doch er geht seinen eigenen Weg. Das gibt ihm Kraft und Einsicht, und es vermittelt Hoffnung in noch so aussichtslos erscheinenden Situationen.
In meinem Dorf waren die Einwohner am letzten Wochenende zum Frühjahrsputz aufgerufen. Für viele ist das eine schöne Gelegenheit, nach langer Wintereinsamkeit endlich wieder einmal mit den Nachbarn zu sprechen. Anekdoten werden erzählt und Geschichten aus der Jugendzeit. Schnell kommt bei manchen dann ein Unterton hervor, wie schön es doch bei der LPG gewesen sei. „Ja, wenn der Honecker uns jeden Monat 100 Westmark gegeben hätte, dann hätten wir ihn nicht abgewählt.“ So einfach kann das mit der Hoffnung sein. Glücklicherweise ist es am Ende aber immer viel komplizierter.

Die Kolumne von Klaus-Dieter Felsmann erschien in der 76. Ausgabe der tv diskurs: Motivation Hoffnung. Die Bedeutung der Medien für unser Weltbild und steht auch als PDF-Download zur Verfügung. Weitere Artikel und Podcasts aus der Fachzeitschrift tv diskurs – Verantwortung in audiovisuellen Medien finden Sie auf der FSF-Website.

Über Klaus-Dieter Felsmann

Studium der Germanistik und Geschichte. Klaus-Dieter Felsmann ist freier Publizist, Medienberater und Moderator sowie Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

27. Mai 2016 von Klaus-Dieter Felsmann
Kategorien: Mediengeschichten | Schlagwörter: , , | Schreiben Sie einen Kommentar

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