Max und Moritz und wir bösen Jungs

Einige Dörfer von meinem Schreibtisch entfernt hat sich im letzten Jahrzehnt mit dem „Theater am Rand“ eine ausgesprochen kreative Kulturinsel etabliert. Einer der Protagonisten dieses auf privater Initiative basierenden Kleinods an der Oder ist der Schauspieler Thomas Rühmann. Die deutschen Fernsehzuschauer kennen ihn als Chefarzt Dr. Heilmann von der „Sachsenklinik“ in der MDR-Fernsehserie In aller Freundschaft. Für mich ist es ein Phänomen, wie der Mann die Balance zwischen seinen beiden Tätigkeitsfeldern findet. Nach jedem Theaterbesuch reizt es mich daher, mir mindestens eine Folge der Serie anzusehen. Ich bewundere dabei jeweils die Wandlungsfähigkeit des Mimen und ich staune gleichzeitig, mit welcher Anhäufung von aufgehübschten Banalitäten hierzulande Fernsehprogramm unter die Leute gebracht werden kann. Ich nehme es zur Kenntnis, eine Sinnkrise verursacht solcherlei Beobachtung bei mir aber nicht. Gerade im Serienbereich kenne ich eine Fülle von Alternativen, die mehr bieten als sozialverträglich verpackten Kitsch aus der Nachbarschaft. Nur deutsche Angebote sind leider nicht dabei.
Welche lebensphilosophischen Dimensionen erreichen Produktionen, die vergleichbar im Krankenhausmilieu angesiedelt sind, wie Dr. House, Monday Mornings oder Private Practice? Hier redet man nicht nur über Leben und Tod, sondern es geht wirklich um eine künstlerische Zuspitzung existenzieller Fragen. Die Figuren sind in ihrem Verhalten ambivalent, sie verstoßen gegen Regeln und vereinen in sich sowohl das Gute als auch das Böse. Hier finde ich mich mit meinen eigenen Lebenswidersprüchen wieder. Und noch besser: nicht nur mit den tatsächlich erlebten, sondern auch mit den gedachten, unterdrückten oder verpassten.

In Breaking Bad wird ein krebskranker Chemielehrer zum Produzenten erstklassiger Drogen, um sowohl seine Behandlung finanzieren zu können, als auch nach seinem absehbaren Ende die Familie finanziell abzusichern. Wie weit ist das von dem entfernt, was gemeinhin unter Political Correctness verstanden wird! Ein Guter wird zum Tabubrecher, indem er Böses tut, um in der Konsequenz ein Guter sein zu können. Dieses respektlose Aufbrechen eingefahrener Denkmuster ist es wohl zuerst, was hier so fasziniert. In solcherlei Serien werden ohne scheinheilig daherkommende Auflösungen Konfliktfelder verhandelt, zu denen ich immer wieder für mich selbst eine Haltung finden musste und muss.

Ich war noch ein ganz kleiner Junge, da saß ich im Kindergarten vor einem Milchtopf, dessen Inhalt immer dicker und gelber wurde und dabei zunehmend furchtbar roch. Die Aufsicht führende „Tante“ bestand in aus ihrer Sicht guter Absicht darauf, dass ich meine Milchration austrank, bevor ich – wie die anderen Kinder – im Garten spielen durfte. Lange habe ich mich verweigert, was nebenbei die Konsistenz des Getränks nur noch unerträglicher machte, dann habe ich kapituliert. Doch so schnell der Inhalt der Tasse in meinem Magen war, so schnell kam er zurück. Nun war das Geschrei erst recht groß und ich, der Übeltäter, wurde als böser Junge zur Abschreckung gegenüber jeglicher Renitenz in die Ecke gestellt. Seither habe ich nie wieder Milch getrunken, was meine Mutter lange Zeit aufgeregt hat und mir auch ihrerseits immer wieder den Titel eines „bösen Jungen“ einbrachte. Ich fühlte mich aber gut, auch wenn ich keine Milch trank. Wie viel Spaß hat es gemacht, Kirschen frisch vom Baum zu pflücken, doch hinterher hieß es: „Die bösen Jungs waren wieder in den Bäumen!“

Max und Moritz und die bösen Jungs, Felsmann-Kolumne Foto: ©2014 : Bajstock.com

Max und Moritz und die bösen Jungs, Felsmann-Kolumne, Foto: ©2014 : Bajstock.com

Die „bösen Jungs“ haben auch mit dem Fußball gelegentlich eine Scheibe eingeschossen. Die „bösen Jungs“ waren es, die durch Astlöcher in der Bretterwand der Umkleidekabine im Strandbad die Mädchen beobachteten, und die „bösen Jungs“ haben Nachbars Mops vor den Schlitten gespannt und ihn fast zu Tode gehetzt. So viele Dinge haben Spaß gemacht – und sie endeten immer damit, dass die Erwachsenenwelt sie mit dem Attribut „böse“ versehen hat.
Mein Vater kleidete seine sonntäglichen pädagogischen Ermahnungen gern in poetische Zitate. „Denn wer böse Streiche macht, gibt nicht auf den Lehrer acht“, war einer seiner liebsten Orientierungshinweise. Irgendwann hoffte er die Wirkung seiner Worte verstärken zu können, indem er mir die Quelle seines Spruchs in Gänze zu lesen gab, Wilhelm Buschs Max und Moritz. Doch wie es mit Literatur so ist: Was man aus ihr entnimmt, kommt auf die Perspektive des Betrachters an. Max und Moritz wurden für mich zu Identifikationsfiguren, deren Streiche ich ausgesprochen lustig und nachvollziehbar fand. Entsprechend konnte ich das Ende natürlich nicht als mahnendes Zeichen lesen, sondern im Gegenteil, ich fand es höchst ungerecht. Waren etwa die Witwe Bolte, der Schneider Böck, Lehrer Lämpel oder Onkel Fritz Leuchttürme des Guten, die es deshalb nicht verdient hätten, geärgert zu werden? Wie fühlt es sich im Vergleich zu den kleinen Scherzen aber in einem heißen Ofen an, wenn man dort in einem Brotteig steckt? Vor allem habe ich mich darüber empört, dass Menschen, die Kinder zu Entenfutter schroten, als brav und gut bezeichnet werden. Mein Vater hatte mir mit der Lektürevorgabe durchaus etwas zugetraut. Aus einer Negativzeichnung sollte ich etwas Positives ableiten. Dass es sich hier um schwarzen Humor handelt, der die Streiche der Buben als unmittelbare Reaktion auf das Bemühen der Gesellschaft zeigt, Kinder zu störungsfreiem Wohlverhalten zu erziehen, ohne sich dabei selbst zu hinterfragen, das hat er nicht gemerkt. Und ich leider auch erst als erwachsener Mann.

Möglicherweise erschüttert die folgende Offenbarung, dass in meinem fünften Schuljahr nicht nur die Mädchen der Klasse Poesiealben hatten, einige Koordinaten der Genderforschung. Doch sei es drum, ich hatte so ein Büchlein und ausgerechnet die mich stets peinigende Mathematiklehrerin schrieb da den Goethe-Langweiler hinein: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“ Nun schien für mich alles klar, beim Begriffspaar Gut und Böse konnte es offenbar keinerlei nachvollziehbare Zuordnungen geben. Einige Erfahrungen später, bei denen der „böse Junge“ unpünktlich nach Hause gekommen ist, mit einem fiktiven Omawunschzettel Zigaretten gekauft hatte oder statt zum fakultativen Nachmittagsunterricht zu gehen, lieber bemüht war, sein Taschengeld als Hilfskraft an einem Kettenkarussell aufzubessern, brachte ein Theaterbesuch unerwartete Erkenntnis. Shakespeares Hamlet meinte von der Bühne herab: „An sich ist nichts entweder gut oder böse, sondern das Denken erst macht es dazu.“ Ein schöner Satz. Doch wie schwierig es auch zu Lebzeiten des Dramatikers
war, damit umzugehen, zeigt allein der Umstand, dass Shakespeare dies den Dänen-Prinzen hinter der Maske des gespielten Wahnsinns sagen lässt. Da, wo eigentlich etwas ausgehandelt werden müsste, prallen damals wie heute oft Glaubenssätze rechthaberisch aufeinander oder man flüchtet in beruhigend wirkende, aber heuchlerische Harmonisierung, wie aktuell In aller Freundschaft wöchentlich vorgeführt. Chemielehrer Walter White oder Dr. House stellen die Verhältnisse dagegen ebenso in Frage wie Hamlet – und so bieten sie uns Projektionsflächen, um unser moralisches Selbstverständnis notwendigerweise stets neu auszuhandeln.

Über Klaus-Dieter Felsmann

Studium der Germanistik und Geschichte. Klaus-Dieter Felsmann ist freier Publizist, Medienberater und Moderator sowie Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

20. Mai 2014 von Klaus-Dieter Felsmann
Kategorien: Mediengeschichten | Schlagwörter: , | Schreiben Sie einen Kommentar

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