Humor

Über Humor zu schreiben, ist kein Spaß, denn nach seiner heutigen Bedeutung handelt es sich um einen schillernden Begriff. „Humor“ meint zunächst einmal eine geistige Haltung, die Gelassenheit und Heiterkeit voraussetzt und so den Umgang auch mit ernsten Dingen erleichtert. Wer sich humorvoll gibt, nimmt sich selbst nicht so wichtig, wechselt Perspektiven und spielt mit Bedeutungen. Dieses Leichte ist aber gleichzeitig schwer umzusetzen: Humor lässt sich nicht einfach so praktizieren, Humor setzt Humorkompetenz voraus.

Dazu gehört erstens, dass als humorvoll gedachte Aussagen oder Handlungen überhaupt als solche von den Adressaten erkannt werden. Wenn jemand einen Witz macht, aber niemand merkt, dass das Gesagte witzig gemeint ist, gehört dies zu den größten kommunikativen Peinlichkeiten. Kaum weniger peinlich ist es, wenn zweitens die Pointe nicht verstanden oder der Witz nicht als lustig empfunden wird. Drittens bedingt Humorkompetenz auch ein Gefühl für oder ein Wissen über situative Angemessenheit: In welcher sozialen Situation und bei welchem Publikum ist es – bezogen auf welche Themen und Humorformen – möglich, von ernsthafter Kommunikation in einen „Spaßmodus“ zu wechseln?
Falls alle Beteiligten über ausreichende Humorkompetenz verfügen und bereit sind, sie in einer bestimmten Situation einzusetzen, kann Humor viele Funktionen erfüllen. Mithilfe von Humor lassen sich beispielsweise schwierige Gesprächssituationen überbrücken oder neue Einsichten gewinnen. Humor kann beim Kennenlernen nützlich sein, der offensiven Selbstdarstellung dienen oder einfach nur dem Zweck, sich selbst und anderen Vergnügen zu bereiten. Aber Humor kann auch Mittel politischer Kritik sein, denn ausgelacht zu werden, ist für Mächtige in bestimmten Situationen gefährlicher, als kritisiert zu werden. Humor kann ein Hilfsmittel sein, um gesellschaftliche Normen infrage zu stellen, sie etwa durch Umkehrung der Lächerlichkeit preiszugeben: Lacht kaputt, was euch kaputt macht.

Wie wichtig Humor genommen wird, lässt sich daran ersehen, dass er sogar als Indiz für vermutete nationalkulturelle Differenz dienen kann. Zum Briten gehört der viel zitierte britische Humor, der – anders als in Deutschland – in nahezu allen Situationen und bei nahezu allen Themen eingesetzt werden kann. Krankheiten oder Tod, Religionen oder andere Weltanschauungen sind britischem Humor selbstverständliches Ausgangsmaterial, während es in Deutschland immer noch für bestimmte Personengruppen humorfreie Bereiche gibt – „darf man denn darüber Witze machen?“ Die britische Antwort wäre in jedem Fall natürlich: „Ja.“ Es kommt nur auf das „Wie“ an. Das impliziert, dass Humor zu demonstrieren eine intellektuelle Leistung darstellt, die von sprachlicher Kompetenz zeugt und auf die Individualität des Sprechers verweist. Der Satz: Lieber einen guten Freund verlieren als eine gute Pointe, ist natürlich in England formuliert worden. Eine vergleichbare Wertschätzung von Humor ist in Deutschland seltener anzutreffen, stattdessen wird das, was lustig ist, oft als belanglos eingeschätzt – wie auch bis heute davon gesprochen wird, dass ein Medienangebot „nur“ Unterhaltung bezweckt.
Dabei könnte schon ein Blick auf etymologische Zusammenhänge helfen: Das Wort „Witz“ ist mit „Wissen“ verwandt, nachvollziehbar anhand von „gewitzt“ – wer gewitzt ist, weiß etwas. Und wer einen Witz verstehen will, muss etwas wissen und sein Wissen anwenden können. Vor allem, wenn es um verbale Komik geht, müssen oft viele Aufgaben bewältigt werden, ehe etwas lustig wird. Hat ein verwendetes Wort mehrere Bedeutungen? Welche davon spielen hier eine Rolle? Gibt es versteckte Anspielungen, etwa auf Personen, Ereignisse oder Phänomene aus Politik, Geschichte, Kultur? Was von dem Gesagten ist eigentliche, was uneigentliche Rede? Was ist ironisch gemeint, verweist also eher auf das Gegenteil? Wer auch nur an einer dieser Hürden scheitert, scheitert insgesamt.
Hinzu kommt, dass selbst die Sprecherposition oft nicht eindeutig ist – Humor ermöglicht die Distanzierung von sich selbst, Ironie die Selbstironie. Nichts von dem Gesagten muss wichtig sein, aber alles kann wichtig sein. Die Gebrauchsanweisung ist häufig versteckt, im Außersprachlichen – Mimik und Gestik, Körpersprache und Gesichtsausdruck können Hinweise geben. Manchmal auch die Kleidung, wenn man beispielsweise an den Clown im Zirkus denkt. Geräusche, bei medialen Inszenierungen ebenso Musik taugen als Indizien zur Interpretation von verbaler Komik. Aber außersprachliche Ausdrucksformen können auch eigenständige Humorvarianten repräsentieren – von körperbezogenen Varianten wie Slapstick bis hin zu musikalischer Satire, wie sie etwa Spike Jones and the City Slickers praktizierten – inklusive Pistolenschüssen, Trillerpfeifen oder platzenden Kaugummiblasen.

Humor ist oft als Denkform beschrieben worden, die sich der Realität und der Alltagslogik verweigert. Sie rüttelt an deren Gitterstäben und versucht auszubrechen, wenigstens für einen Augenblick, wenigstens an einem bestimmten Punkt. Humor führt auf leichte Weise vor, dass Dinge nicht unbedingt so sein müssen, wie sie uns vorkommen, und es mehr als einen Weg gibt, sie zu sehen. Aus all dem ergibt sich, dass „Humor“ für den Jugendmedienschutz ein schwieriges Thema ist. Er lebt von Grenzüberschreitungen, von denen einige auch für den Jugendmedienschutz relevant sind. Aber was davon wird von Kindern und Jugendlichen tatsächlich verstanden? Ironie etwa ist im Durchschnitt Kindern unter 10 Jahren kaum bekannt. Nicht im Wortsinn zutreffende Aussagen sind für sie in der Regel Lüge oder Irrtum. Ganz individuell wird es schließlich beim Weltwissen, auf das Humor oft zurückgreift. Was bleibt von einem Witz übrig, der nicht verstanden worden ist? Die Problemlage ähnelt der bei Fernsehwerbung für Sextoys: Bei zurückhaltender Gestaltung dürfte den meisten (kleineren) Kindern verborgen bleiben, was Erwachsene mit diesem merkwürdigen Spielzeug anstellen – wie für sie auch vieles, was Erwachsene lustig finden, einfach nur doof ist.

Dieser Beitrag ist in der aktuellen tv diskurs 2/2016  Motivation Hoffnung. Die Bedeutung der Medien für unser Weltbild erschienen und steht auf unserer Website als Download zur Verfügung.

Über Gerd Hallenberger

Dr. phil. habil. Gerd Hallenberger forscht als freiberuflicher Medienwissenschaftler über Fernsehunterhaltung, allgemeine Medienentwicklung und Populärkultur. Er lehrt an verschiedenen Universitäten und ist Mitglied des Kuratoriums der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

15. Juni 2016 von Gerd Hallenberger
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