Zombie

Der Zombie ist eine krass antizivilisatorische Figur. Schon Karl Marx beschrieb den Zombie als entseeltes Industrieproletariat und zugleich als seelenlosen Fabrikherrn. Im Zombie, so Marx, begegneten sich Ausbeuter und Ausgebeutete und blickten einander in den stumpfen Abgrund ihrer Existenz. Der Zombie ist der schmerzlose Schmerz, das Fleisch ohne Bewusstsein. Bereits Karl Marx sah gerne Zombie-Filme und er plädierte stets dafür, dem Menschen sein Ebenbild ungeschnitten zuzumuten. Auf dem Totenbett soll Marx ziemlich sauer gewesen sein, dass er die Verfilmung von Robert Kirkmans Comic „The Walking Dead“ nicht mehr miterleben würde. Schnee von gestern! Vermutlich hat der Genuss von Zombie-Filmen für mehr Seelenheil der westlichen Welt gesorgt als alle psychoanalytischen Anstrengungen. Hass und Selbsthass machen sich im Zombie-Film den Garaus. Der Zombie, den wir mit Blicken töten, ist immer ein Teil von uns, jene stumpfen, erstorbenen und mitleidlosen Teile unserer Existenz, die wir am liebsten abspalten würden. Im Zombie verdichtet sich die regierende Fühllosigkeit und Mitleidlosigkeit unserer Gesellschaft. Deshalb sind „The Walking Dead“ eigentlich Kuschelfilme im Angesicht der heraufziehenden Apokalypse, die sehr viel stiller, schleichender, grausamer, effizienter und subtiler Einzug halten wird, als wir denken. Töte deinen Zombie heißt so viel wie „Liebe deinen Nächsten!“, weshalb auch Jesus sicherlich keine Schnittauflagen gegen „The Walking Dead“ verhängt hätte, allerdings, das muss man einfach mal so feststellen, Jesus konnte bislang nicht zur Mitarbeit bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (Kenner nennen sie nur FSF) bewegt werden und es wäre jetzt total unfair, Jesus zum Gewährsmann meines Gedankenganges zu machen. Meine Kinder sind übrigens seit frühesten Tagen mit Zombie-Filmen aufgewachsen und haben viel gelernt. Sie wissen jetzt, dass sie ihrer Klassenlehrerin nicht den Schädel spalten dürfen, obwohl die total streng ist und immer so viele Hausaufgaben aufgibt. Und sie können Englisch, sie können die originale Fassung von „Night of the Living Dead“ komplett auswendig. Ich bedauere Kinder, die ohne Zombie-Film-Ausbildung und Zombie-Film-affine Eltern durch‘s Leben gehen müssen, ihnen fehlt der realistische Blick auf die Welt und nicht selten enden sie als Pädagogen, Tankstellenbesitzer, Proselytenmacher und Pastoren (Pastoren steht hier nur wegen des dreifachen „Ps“). Wie sangen schon die von mir verehrten „Cranberries“ so richtig: „What‘s in your head? Zombie, Zombie, hey, hey, hey!“ Das ist der Appell an uns alle: In den Kopf des Anderen schauen, Empathie, compassion. Geh hin und spalte Schädel und es wird dich nicht reuen!

Über Torsten Körner

Torsten Körner wurde zweifelsfrei 1965 in Oldenburg geboren. Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft in Berlin an der Freien und an der Technischen Universität (1989-1996). Während des Studiums erste journalistische Arbeiten. Nach Abschluss des Studiums Promotion über ein film- und kulturwissenschaftliches Thema. Seither freier Autor für verschiedene Medien. Diverse Veröffentlichungen, verschiedene Jury-Tätigkeiten. Als Fernsehkritiker meistens in „Funk-Korrespondenz“, „epd medien“ und „Der Tagesspiegel“ unterwegs. Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen.

15. November 2012 von Torsten Körner
Kategorien: The Walking Dead | Schlagwörter: , | 2 Kommentare

2 Kommentare

  1. Werter FSF-Prüfer,

    ich kann dank ihrem Beitrag nun besser verstehen, warum einige Folgen der TWD-Serie zensiert werden, wohingegen andere nicht mit Schnittauflagen versehen werden.
    Sie recherchieren ausführlich, sodass selbstverständlich Karl Marx (* 5. Mai 1818 – † 14. März 1883) auch vor der Existenz des Stummfilms (erste Vorführung 1.11.1895) bereits einen Zombiefilm (einer der ersten ca. 1920 gezeigt) sehen konnte. Dieser unglaubliche Mensch muss auch eine Zeitmaschine haben, mit der er ins Jahr 2003 gereist ist um sich den ersten Comic von TWD zu besorgen.

    Der Vergleich mit Jesus ist schlicht geschmacklos, weshalb ich hierauf nicht eingehe.

    Wie ich dem Text zu Ihrer Person entnehme sind sie studiert. Sie hätten sich die Zeit für eine Recherche zu den Dingen, über die sie Schreiben, ruhig nehmen können.

    Ps.: Ich hoffe der Sarkasmus der ersten Absätze wird nicht verkannt. Bei den hier aufgeführten Fakten schreibe ich diese Note lieber dazu …

  2. Jesus war definitv PRO Zombie. Zum einen hat er sich selber einen gemacht („Lazarus, komm heraus!“), zum anderen ist er selber auferstanden, da eine Dornenkrone einfach nicht so effektiv wie eine spontane Schädelspaltung ist.

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