Und was schauen Sie, Frau Weigelt?

 

Da man sich bekanntlich schwer selbst interviewen kann, wird heute eine Onlineredakteurin der FSF unsere Social-Media-Redakteurin interviewen. Acht Fragen an Luise Weigelt, seit 2012 zuständig für das Blog, den Facebook-Auftritt, die Twitter-Nachrichten sowie den YouTube-Kanal der FSF.

Luise_InterviewDu hast beruflich täglich mit Fernsehsendungen bei der FSF zu tun – wie oft schaltest du da noch privat deinen Fernseher an?

Ich schaue unter der Woche fast täglich privat Fernsehen und Privatfernsehen. Ich zähle wahrscheinlich eher zur neuen Generation Fernsehkonsument: In meinen vier Wänden steht keine große, dunkle Röhre, sondern lediglich ein Laptop, auf dem ich über DVB-T fernsehe, im Netz Serien streame und DVDs abspiele. Formate, die mich interessieren, die ich aber zum Ausstrahlungszeitpunkt nicht ansehen kann, zeichne  ich über einen Onlinerecorder auf.

Wann und in welchen Situationen schaltest du den Fernseher an und was schaust du regelmäßig?

Nach getaner Arbeit, zumeist am Abend schalte ich ein. Es hat sich zu eine Art Ritual entwickelt, dass ich mein Abendessen auf dem Sofa vor dem Fernseher konsumiere. Ich schaue keine Sendung wirklich regelmäßig – zumindest nicht privat, außer die Tagesschau und den Tatort. Das sieht bei Serien schon anders aus – davon kann ich nicht genug bekommen – die richtig großartigen laufen nur leider viel zu selten im Free-TV oder auf ungünstigen Sendeplätzen.

Im Moment arbeiten wir an einer Trendstudie zu Berlin Tag & Nacht und anderen Reality-Formaten, deshalb vermischt sich gerade mein gänzlich privater mit dem beruflich motivierten Fernsehkonsum. Für Vorrecherche und Nachbereitung der Studie sichte ich zur Zeit fast täglich Folgen von Berlin Tag & NachtX-Diaries und Köln 50677.
Privat ist fernsehen für mich an Entspannung gekoppelt, ich schalte gerade unter der Woche nicht ein, um mir Wissen anzueignen, sondern um mich unterhalten zu lassen und abzuschalten. Und dieser Effekt tritt bei mir schlagartig mit „Trash“-Formaten ein. Wenn der Tag besonders kopflastig war, hilft mir persönlich mein Sofa und Formate wie Die Geissens oder Wild Girls zu schauen. Das sind Sendungen, bei denen ich phantastisch abschalten kann. Kochsendungen haben einen ähnlichen Effekt: Wenn Gordon Ramsay hyperaktiv in einer durchgestylten Küche locker-flockig drei Pfannen auf einmal schwingt, dann entspannen sich meine Gehirnzellen. Ein Relikt aus meiner Kindheit ist das Schauen von Dokumentationen. Neben dem Sandmann war das der einzige Fernsehkonsum, der mir gewährt wurde. Wenn die Kamera über Ozeane gleitet, über die Berge von Neuseeland oder durch Städte in Indien schweift, dann bin ich gefesselt und entspannt zugleich.

Drückst du den „On-Knopf“, weil du ein bestimmtes Programm sehen willst oder zappst du dich durch die Kanäle, bis du etwas Passendes findest? Und wann betätigst du den „Off-Schalter“?

Selten schalte ich gezielt ein. Meist bleibe ich beim Durchzappen irgendwo kleben. Und manchmal finde ich aber auch alles banal, schalte von einem Sender zum nächsten und wenn dann auch mein Sammelsurium an aufgezeichneten Sendungen nichts hergeben mag, schalte ich irgendwann aus, weil mir diese Art des Zeitvertreibs dann doch recht sinnlos erscheint.

Bis auf sonntags, da gibt es feste Regeln – die schon fast etwas Zwanghaftes haben. Es wird so gekocht, dass pünktlich 20.00 Uhr das Essen auf dem Schoß steht, die Tagesschau läuft und ich das Besteck in der Hand halte. Nach der Tagesschau folgt der nahtlose Übergang zum Tatort. Ein Ritual, auf das ich nicht verzichten möchte. Es ist entspannend, sich nicht entscheiden zu müssen, sondern ohne Werbeunterbrechung einer wöchentlichen Routine zu folgen.

Wie verbringst du deine Zeit vor dem Fernseher? Bist du eine aufmerksame Zuschauerin oder erledigst du nebenbei noch ein wenig Social-Media-Kommunikation oder bügelst deine Wäsche?

Mal so, mal so. Da mein Laptop Arbeitsplatz und Fernseher in einem ist, ist es schwierig, nebenbei an diesem zu arbeiten. Das Handy ist dann mein Second Screen. Mails abrufen, den FSF-Facebookaccount kontrollieren und Blogkommentare freigeben – funktioniert auch bei Hintergrundflimmern. Da ich nicht wirklich multitaskingfähig bin, muss allerdings der Ton aus sein – ich kann noch nicht einmal eine schlichte Mail lesen, wenn Hintergrundgeräusche mich ablenken. Bügelwäsche hab ich nicht.

Du wirst sicherlich durch die Arbeit bei der FSF auf bestimmte Programme aufmerksam. Verfolgst du diese dann auch in deiner Freizeit oder besorgst dir gar die DVDs?

Ich recherchiere ständig nach neuen Formaten und stoße auch durch unsere Programmprüfungen immer wieder auf neues Material für Serienbesprechungen im Blog. Privat habe ich u.a. Boardwalk Empire durch die FSF für mich entdeckt, ebenso The Bridge – America, Lilyhammer, Breaking Bad, HannibalAngefüttert durch einzelne Folgen besorge ich mir die kompletten Staffeln.

Filme schaue ich kaum noch, dazu sind viele der neuen Serien einfach zu gut und ich mag den Spannungsaufbau sowie die Vielschichtigkeit der Charaktere, die Serien abzubilden vermögen.

Gibt es Formate oder Programme, die sich deiner Meinung nach im Fernsehprogramm zu wenig oder gar nicht wiederfinden? Wie kompensierst du diese „Lücken“?

Dem deutschen Fernsehen fehlt meiner Meinung nach einfach der Mut zu guten Serien, für die auch mal richtig Geld in die Hand genommen wird. Ich meine nicht importierte Ware wie Homeland, Breaking Bad, Girls, Mad Men und Lilyhammer – die ich alle verschlungen habe, obwohl auf teils schlechten Sendeplätze ausgestrahlt –, sondern Eigenproduktionen.

Innovationen auf dem Seriensektor kommen nach wie vor aus Amerika. Letzter Geniestreich: House of Cards – ein faszinierendes Projekt von Leuten wie Beau Willimon und David Fincher – ist inzwischen für neun Emmys nominiert. Die Serie wurde in den USA ausschließlich über Netflix angeboten. Das Internetportal bot keine Einzelfolgen, sondern die komplette Staffel zum Start der Serie im Februar und hat Binge-Viewer wie mich (ich musste schon lächeln, als ich las, dass es sogar eine neue Bezeichnung für Serienjunkies ohne Lust auf Ausschaltknopf gibt) damit natürlich sofort am Haken. Kein Warten auf die nächste Folge – Serienglück am Stück.

Bei welchem Format/welchem Film hattest du das letzte Mal das Gefühl wirklich gut unterhalten zu werden? Was war dein letztes gutes Fernseherlebnis?

Da fällt mir spontan nichts ein.

Wann schaltest du den Fernseher ab?

Wenn die Augenlider schwer werden.

Das Interview führte Sandra Marquardt.

Über Sandra Marquardt

Sandra Marquardt hat 2010 ihr Magisterstudium in Filmwissenschaft und Publizistisk- und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin abgeschlossen. Seit 2011 arbeitet sie als Onlineredakteurin bei der FSF.

05. September 2013 von Sandra Marquardt
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