Archiv für Kolumne

Stufen des Anstoßes

Im Oderbruchdörfchen Altlangsow befindet sich ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes Kleinod. 1832 war dort nach Plänen Karl Friedrich Schinkels ein Schul- und Bethaus errichtet worden. Im einstigen Klassenzimmer gibt es heute eine Gästewohnung und der Betsaal wurde zu einer Galerie. Die Vernissagen zu den monatlich wechselnden Ausstellungen erfreuen sich großer Beliebtheit. Einmal natürlich wegen der Kunst, die ein weltläufiges Gefühl in die Provinz bringt. Zum anderen trifft man hier bei Blechkuchen und Wein immer jemanden, den man schon lange wieder einmal sprechen wollte. Der Weg in das Haus führt über zwei in vielen Jahrzehnten durch Kirchgänger, Schulkinder und Galeriebesucher ausgetretene Steinstufen. Kommt gelegentlich ein Rollstuhlfahrer zu den Veranstaltungen, finden sich schnell helfende Hände, ihn über die Schwelle zu bringen. Kürzlich war das aber anders. Weiterlesen

26. Oktober 2016 von Klaus-Dieter Felsmann
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In der Hoffnung, einen brauchbaren Weg zu finden

In diesem Jahr riss der gefühlt schon ewig bestehende graue Himmel über Berlin eine Woche vor Ostern erstmalig auf. Frühlingswärme lag über der Stadt und: „Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!“. Um die Mittagszeit füllten sich Parkanlagen und Brachen, erste leichte Kleidung war zu sehen und von noch kümmerlichem Wiesengrün übertrug sich eine geradezu beschwingte Stimmung, die sogar noch im U-Bahn-Zug nachzuwirken schien. Sicher saß hinter irgendwelchen Fenstern auch manch Famulus Wagner, der mit all dem Treiben nichts anzufangen wusste, doch für den Moment dominierte das von der Natur vermittelte „Hoffnungsglück“. Weiterlesen

27. Mai 2016 von Klaus-Dieter Felsmann
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Balance im Zauber der Algorithmen

Zum Ende der Ferienzeit gehört es für mich zu den ritualisierten Abläufen, den notwendigen Jahresvorrat an Olivenöl zu bestellen. Ich rufe dann bei meinem Händler in Ligurien an und bin unmittelbar in einem netten Gespräch mit einer Frau, die nicht nur über den aktuellen Jahrgang des Öls mit mir plaudert. Da packt mich der Übermut und ich will gleich anschließend eine Vertragsangelegenheit mit meinem Stromanbieter klären. Noch hatte ich den italienischen Akzent im Ohr, da forderte mich eine Automatenstimme auf, mittels Taste „eins“ oder „zwei“ zwischen Alt- und Neukunde zu wählen. Ich folgte dem Befehl, um dann angewiesen zu werden, zur Identifikation meine elfstellige Vertragsnummer einzugeben. Leider habe ich mich bei einer der vielen Zahlen vertippt … Kolumne von Klaus-Dieter Felsmann. Weiterlesen

29. Februar 2016 von Klaus-Dieter Felsmann
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Toleranz und Intoleranz

… vom Gemüseacker aus gesehen.

Die Dokumentation Die Kinder von Golzow, von Winfried und Barbara Junge gehört zu den herausgehobenen Werken deutscher Filmgeschichte. Was 1961 mit dem Porträt von Schülern einer 1. Klasse begann, entwickelte sich bis zum Jahr 2007 zu einem Langzeitprojekt über die Lebenswege der Protagonisten. Subjektiv gebrochen entfaltet sich eine einmalige zeitgeschichtliche Chronik, die vielfach zitiert und gelobt wurde und wird.
Golzow ist ein recht großes Dorf im Oderbruch. Einst gab es hier eine nahezu menschenleere Sumpflandschaft. In unzähligen Flussarmen mäanderte die Oder durch das 15 Kilometer breite und 60 Kilometer lange Gebiet. Am letzten Sonnabend im Februar hatte ich einen Kurs an der Volkshochschule in der Kreisstadt des Oderbruchs gebucht. Nach zwei Theoriestunden konnten wir nach Herzenslust auf der Obstplantage eines nahe gelegenen Ökoagrarbetriebs üben Weiterlesen

11. Mai 2015 von Klaus-Dieter Felsmann
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Max und Moritz und wir bösen Jungs

Ich war noch ein ganz kleiner Junge, da saß ich im Kindergarten vor einem Milchtopf, dessen Inhalt immer dicker und gelber wurde und dabei zunehmend furchtbar roch. Die Aufsicht führende „Tante“ bestand in aus ihrer Sicht guter Absicht darauf, dass ich meine Milchration austrank, bevor ich – wie die anderen Kinder – im Garten spielen durfte. Lange habe ich mich verweigert, was nebenbei die Konsistenz des Getränks nur noch unerträglicher machte, dann habe ich kapituliert. Doch so schnell der Inhalt der Tasse in meinem Magen war, so schnell kam er zurück. Nun war das Geschrei erst recht groß und ich, der Übeltäter, wurde als böser Junge zur Abschreckung gegenüber jeglicher Renitenz in die Ecke gestellt. Seither habe ich nie wieder Milch getrunken, was meine Mutter lange Zeit aufgeregt hat und mir auch ihrerseits immer wieder den Titel eines „bösen Jungen“ einbrachte. Weiterlesen

20. Mai 2014 von Klaus-Dieter Felsmann
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