Ärgernisse und Enttäuschungen – Das Filmfest München 2017

Seit einigen Jahren fahre ich nun schon zum Filmfest München – insbesondere aus drei Gründen: Erstens ist es für mich die erste Möglichkeit, die Filme zu sehen, die bereits in Cannes und Sundance liefen. Zweitens gibt es in der Sektion zum Neuen Deutschen Kino immer einiges Interessantes zu entdecken. Und drittens ist es ein guter Treffpunkt für Kolleginnen und Kollegen, da man sich in München ohnehin über den Weg läuft, denn die Pressevorführungen finden in zwei nebeneinanderliegenden Kinos statt und sind über einen Innenhof miteinander verbunden. Doch in diesem Jahr war alles anders.

Sehr kurzfristig wurde in diesem Jahr bekannt, dass die Pressevorführungen an einem anderen Ort stattfinden. Weitaus ärgerlicher aber war, dass ihre Anzahl deutlich reduziert wurde. Dadurch war man sehr viel mehr unterwegs, es gab keinen Treffpunkt und vor allem wurde es schwierig, die Filme zu sehen. Bei den internationalen Filmen gab es zum Beispiel lediglich zu sieben Beiträgen überhaupt eine Pressevorführung. Aber keine zu Loveless, der in Cannes für einiges Aufsehen gesorgt hat. Oder auch zu Lady Macbeth, meinem Festivalfavoriten.

In diesem fantastischen Film beweist William Oldroyd, welches Potenzial in dem vermeintlich auserzählten angelsächsischen Kostümdrama noch steckt. Hier wird die Enge dieses Lebens, werden die Demütigungen, die Frauen erlitten, und der Wahnsinn eindrucksvoll deutlich.

Unter der Reduktion litten auch die deutschen Filme, bei denen die Pressevorführungen oft parallel stattfanden, so dass es noch nicht einmal theoretisch möglich gewesen wäre, alle Filme dieser Reihe in Pressevorführungen zu sehen. Deshalb kann ich auch kaum sagen, ob die Filme in der Sektion des Neuen Deutschen Kinos in diesem Jahr so gut waren wie in den vorherigen. Ich habe allein mit Der lange Sommer der Theorie und Blind und hässlich zwei Filme nicht gesehen, die einige Kolleginnen und Kollegen sehr gut besprochen haben. Mein persönlicher Favorit in dieser Reihe ist Detour von Nina Vukovic, eine Mischung aus Thriller und Familiendrama, in dem eine Frau eine impulsive Entscheidung trifft und sich eine Autobahnraststätte zur Schicksalsstätte entwickelt.

Mit dem Förderpreis Neues Deutsches Kino für die beste Regie und beste Produktion wurde indes der Film Sommerhäuser ausgezeichnet, in dem sich ein vielschichtiges Panorama aus Zeitgeschichte und familiären Konflikten im Jahrhundertsommer 1976 entwickelt.

Äußerst überraschend finde ich indes die Entscheidung, den Film LOMO – Language of many others für das beste Drehbuch auszuzeichnen. Der Film erzählt von einem Heranwachsenden, der den titelgebenden Blog führt, ein Sexvideo veröffentlicht und dann zunehmend die Kontrolle über sein Leben seinen Usern überlässt. Hier gibt es einige Ideen, die sich aber nicht zu einem Ganzen zusammenfügen. Hinzu kommt, dass es in diesem Film eine Szene gibt, in der sich der Junge nachts in das Haus und Zimmer des Mädchens schleicht, das zuvor in seinem Sexvideo zu sehen war. Es soll eine romantische Versöhnungsgeste sein, tatsächlich aber hat sie ihn weder eingeladen noch weiß sie von seinem Besuch. Vielmehr ist sie bereits zu Bett gegangen. Es sind solche Szenen in Filmen (und Serien), die dazu beitragen, dass bei Dates, bei Umwerbungen und in Beziehungen übergriffiges Verhalten als romantisch angesehen wird. Dabei sollte es doch spätestens im Jahr 2017 weitaus mehr um Zustimmung und Einvernehmlichkeit gehen.

Aber Jury-Entscheidungen lassen sich oftmals nicht nachvollziehen und so möchte ich am Ende gerne noch zwei Filme empfehlen: Der italienische A Ciambra verbindet in seiner Erzählung über einen Roma-Jungen in Italien Sozialrealismus und Poesie auf bestechende Weise.

Und mit City of Ghosts gibt der Dokumentarfilmer Matthew Heinemann intensive Einblicke in die Gruppe Raqqa Is Being Slaughtered Silenty, in der Bürgerjournalisten unter Lebensgefahr über die syrische Stadt und die Verbrechen des IS berichten.

A Ciambra hat bereits einen deutschen Verleih gefunden – und es bleibt zu hoffen, dass City of Ghosts auch noch hierzulande im Kino oder wenigstens auf DVD zu sehen sein wird.

Über Sonja Hartl

Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Chefredakteurin von Polar Noir.

05. Juli 2017 von Sonja Hartl
Kategorien: Filmfestivals | Schreiben Sie einen Kommentar

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