Blicke auf die Welt aus jungen Augen – Die Sektion 14plus bei der 67. Berlinale

Berlinale 2017 | Teil 2

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Anspruchsvolle Filme, die sich vornehmlich an ein jugendliches Publikum richten, sind nicht leicht zu finden. In der Phase zwischen beginnender Pubertät und dem Erwachsensein locken YouTube, Netflix und Co mit einem grenzenlosen Quell unkomplizierter Ablenkungsmöglichkeiten. Zwischen Let’s Plays, Schminktippvideos oder den neuesten Kultserien findet sich für sogenannte Jugendfilme, also Spiel- oder Dokumentarfilme mit jugendlichen Hauptfiguren, die den gleichaltrigen Zuschauern tatsächliche Identifikationsmöglichkeiten anbieten, so gut wie kein Platz. Und wer den Weg ins nächstgelegene Kino wagt, wird feststellen, dass auch dort Themen, die im Leben von Jugendlichen eine große Rolle spielen, eher nachrangig behandelt werden. Filme, die vom körperlichen und emotionalen Erwachsenwerden handeln oder die ernsthaft etwas über die Freundschaft und Liebe von 13- bis 18-Jährigen erzählen? Fehlanzeige! Zumindest muss man sie mit der cineastischen Lupe suchen.

Auch wenn in den Harry Potter-Filmen, der Tribute von Panem-Reihe oder in Horrorfilmen wie It Follows Entwicklungsfragen von Jugendlichen durchaus – wenn auch nur am Rande – verhandelt werden, so dominieren doch stets die vordergründigen Schauwerte und Spezialeffekte. Das ist in vielen Fällen gut gemacht, hat aber mit dem Genre Jugendfilm wenig zu tun. Beeindruckende Filme für Jugendliche wie Submarine (2010) oder Respire (2015) bleiben im Kino eher die Ausnahme oder werden ausschließlich auf DVD veröffentlicht.

Regisseur Dash Shaw von "My Entire High School Sinking into the Sea" © FSF

Regisseur Dash Shaw von „My Entire High School Sinking into the Sea“ © FSF

Da freut man sich besonders, wenn ein großes A-Festival wie die Berlinale sich dem jugendlichen Publikum öffnet und mit der Sektion Generation ein eigenes Forum für Kinder- und Jugendfilme veranstaltet – und das nun schon seit 40 Jahren. Eine besondere Aufwertung erhielt die Sektion 2004 mit der Einführung eines eigenständigen Wettbewerbs für die Untersektion 14plus. Damit wurden zum einen die Wahrnehmung beim jugendlichen Publikum, aber auch die Vermarktungschancen gestärkt, denn immer noch sind Filmemacher zunächst skeptisch, wenn sie in das Generation-Programm eingeladen werden. Doch spätestens wenn ihr Film im mit 1000 Plätzen restlos ausverkauften Haus der Kulturen der Welt oder in Berlins Vorzeigekino Zoo Palast Premiere feiert und sie mit dem jungen Publikum anschließend über den Film diskutieren können, gratulieren sie sich zu ihrer Entscheidung.

Berlinale 2017 – Filme der Sektion Generation 14plus

Der Regisseur Michael Winterbottom, dessen Filme schon im Wettbewerb der Berlinale liefen, eröffnete die Sektion 14plus mit seinem Konzertfilm On the Road, in dem er die Band Wolf Alice bei ihrer Tournee durch Großbritannien unkommentiert begleitet. Um der etwas eintönigen Realität des Tourlebens mehr Leben und Gefühl einzuhauchen, ergänzt er seine dokumentarische Beobachtung durch zwei fiktionale Charaktere, die sich ineinander verlieben, was wiederum für einige Verwirrung beim Publikum sorgte. Insgesamt eher ein Film für Fans der düster-euphorischen Klänge der Indieband.

Im Zentrum der 17 gezeigten Filme standen dagegen Werke, die thematisch und formal viel stärker mit der Erfahrungswelt von Jugendlichen verbunden sind, mit Figuren, die sich vielleicht sogar in ähnlichen Lebenssituationen befinden. In diesem Jahr war die Auseinandersetzung mit der eigenen Zukunft, die Berufswahl bzw. der Einstieg in die Arbeitswelt ein Schwerpunkt vieler Filme.
Ben Niao erzählt z.B. die Geschichte von Lynn, die sich mit dem Verkauf geklauter Handys über Wasser hält, sich aber ihrer abwesenden Mutter zuliebe an der Polizeiakademie bewerben möchte. Aus der Perspektive der 16-Jährigen erzählt der Film mit hoher stilistischer Qualität und mit sorgfältig konstruierten Auslassungen von Isolation und Perspektivlosigkeit in einer chinesischen Kleinstadt.

SOLDADO / Trailer 1 from gema films on Vimeo.

Gleich zwei Dokumentarfilme stellen das Thema Berufsfindung sogar ins Zentrum ihrer Handlung. Mit nüchterner Präzision wird in Soldado ein junger argentinischer Rekrut auf seinem Weg durch die militärische Ausbildung beobachtet. Interessant ist hier das Spannungsfeld des streng definierten Systems der Militärschule und dem verletzlichen Charakter des jugendlichen Protagonisten. Genauso respektvoll nähert sich Almost Heaven der 17-jährigen Ying Ling, die in einem der größten Bestattungsinstitute Chinas eine Ausbildung beginnt. Weit weg von zu Hause muss sie lernen, Leichen zu waschen und Abschiedszeremonien vorzubereiten. Das sensible Portrait zeigt in intimen Momenten sowohl ihre persönlichen Skrupel als auch die ironische Distanz, die sie sich zwangsläufig aneignen muss.

Das Sektionsprogramm 14plus wartet jedes Jahr auch mit zahlreichen Filmen aus nicht westlichen Kulturen auf, die vertraute Jugendthemen wie Selbstfindung und Pubertätskonflikte durch eine deutliche Schilderung der gesellschaftlichen Realität ihres Landes ergänzen. Shkola nomer 3 lässt 13 Jugendliche in einer im Ukraine-Konflikt zerstörten und wiedererrichteten Schule in einem Industriegebiet an der russisch-ukrainischen Grenze über ihre Erlebnisse sprechen. Den Krieg erwähnen sie nur beiläufig, wenn es um ihre erste Liebe, Hoffnungen und Ängste geht und trotzdem bildet er ein Zentrum. Doch die emotionale Welt der jungen Menschen bleibt stets deutlich sichtbar, wodurch die Zuschauer besonders stark involviert werden. Die internationale Jury zeichnete die Doku als besten Film aus und war besonders beeindruckt von dem Vertrauensverhältnis, das die Regisseure, die Kamerafrau und die Protagonisten untereinander aufbauen konnten.

Die Mitglieder der Jugendjury wählten dagegen den Film mit dem moralisch unbequemsten Thema zu ihrem Favoriten und vergaben den Hauptpreis an die britische Produktion Butterfly Kisses. Voller Respekt blickt Regisseur Rafael Kapelinski darin auf drei junge Männer, die in einer Sozialbausiedlung im Süden Londons leben, abhängen, kiffen, Billard spielen und mit nicht vorhandenen Liebschaften prahlen. Mit Besorgnis beobachten wir, wie der 15-jährige Jake sich für die 9-jährige Schwester einer gleichaltrigen Nachbarin interessiert und sich zunehmend innerhalb seines Freundeskreises isoliert. Aus dem Opfer der Verhältnisse wird ein potenzieller Täter und nicht nur der Protagonist, sondern auch die Zuschauer haben keine Ahnung, wie Jake den Kampf gegen sein tabuisiertes sexuelles Verlangen gewinnen soll. Gedreht in kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern beeindruckt Butterfly Kisses, weil er keine Erklärungen liefern will und weder jemanden in Schutz nimmt noch anklagt.

Aber auch für unterhaltsam ausgefallene Arbeiten findet sich in der Sektion 14plus zum Glück immer ein Platz. Mit My Entire High School Sinking into the Sea gab es einen vor visuellem Einfallsreichtum übersprudelnden Animationsfilm des US-Comiczeichners Dash Shaw im Programm. Der Film beginnt als eine High-School-Teeniedramödie und endet als Blockbuster-Katastrophenfilm-Satire. Die eigentliche Geschichte wird überlagert von der unendlich künstlerischen Kreativität der unterschiedlichsten Animationsstile – ein Mix aus bunten Zeichnungen, Malereien, Papierschnitten und Collagen. „Für mich war das so eine Drogenversion von den Simpsons“, fasst Jonas – ein Schüler einer 9. Klasse, mit der wir den Film anschauten – sein Seherlebnis zusammen. Verstört habe ihn der laute, expressive, ständig die ästhetischen Grenzen austestende Film aber nicht: „Ich wundere mich über gar nichts mehr“. Vanessa konnte nachvollziehen, dass der Film zu Beginn eine Warnung an Epileptiker ausspricht: „Obwohl man sich an die Dynamik gewöhnt, haben sie den Hinweis nicht umsonst gemacht“. „Es gab natürlich Szenen, die verstörend waren, aber der Film war so abgedreht, dass mich das nicht gestört hat“, beschreibt Luca ihren persönlichen „Kino-LSD-Trip“. Und dann sagt sie abschließend etwas, dass man in jeglicher Hinsicht unterschreiben möchte: „Auf der Berlinale schaut man eben nie Filme, die man alle Tage sieht!“

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Und hier geht es zum ersten Teil unseres diesjährigen Berlinale-Zweiteilers mit dem Titel Was bleibt von Leopold Grün.

Über Christian Kitter

Christian Kitter ist gelernter Erzieher und studierte Erziehungswissenschaften an der Freien Universität Berlin mit den Schwerpunkten Medien- und Kleinkindpädagogik. Seit 1996 arbeitet er als Medienpädagoge bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen e.V. (FSF).Darüber hinaus ist er Betreiber und Redakteur des Internetportals kinokompendium.de.

28. Februar 2017 von Christian Kitter
Kategorien: Filmfestivals | Schlagwörter: , , | Schreiben Sie einen Kommentar

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