Ein Jahr in Filmen

In gut einer Woche geht es wieder los, mein Filmfestivaljahr 2017.

Vom Februar bis November dauert es für mich – und es besteht aus regelmäßig wiederkehrenden Konstanten sowie einigen variablen Wunschterminen.

Während manche Kollegen schon im Januar beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken oder dem International Film Festival Rotterdam weilen, ist mein Auftakt in jedem Jahr die Berlinale im Februar. Es ist das wichtigste Filmfestival in Deutschland und gehört zu den wichtigsten Filmfestivals der Welt. Das Programm für dieses Jahr steht schon weitgehend fest – und verspricht ein Wiedersehen mit bekannten Berlinale-Namen wie Călin Peter Netzer, der 2013 mit Mutter & Sohn den Goldenen Bären gewann, und Sebastián Lelio, dessen Gloria ebenfalls 2013 lief und mich sehr begeisterte. Aber nicht nur der Wettbewerb ist bei der Berlinale interessant, sondern in der Panorama-Sektion ist aktuelles Arthouse-Kino zu sehen, Perspektive Deutsches Kino zeigt Werke des deutschen Filmnachwuchses, hinzu kommen Kinder- und Jugendfilme, eine Hommage an den Science-Fiction-Film und vieles mehr.

Im Mai verschlägt es dann einige Kolleginnen und Kollegen nach Südfrankreich, genauer gesagt nach Cannes zu dem wohl berühmtesten Filmfestival der Welt. Erstmals fanden die Internationalen Filmfestspiele von Cannes im Jahr 1946 statt, seit 1955 wird dort die Goldene Palme verliehen. In der Welt der Filmfestivals sind hier die meisten Stars zu sehen und im Wettbewerb laufen an zwölf Tagen Filme von zumeist bekannten Regisseuren. Auch medial bekommt Cannes die größte Aufmerksamkeit, obwohl Kritiker des Festivals sagen, dass es sich mittlerweile mehr an der behaupteten Bedeutung berausche als sie weiterhin zu untermauern.

Ende Juni geht es dann mit einem Pflichttermin von mir weiter: Das Filmfest München ist ein fester Termin in meinem Kalender, da es zum einen eine gute Gelegenheit ist, die ersten Cannes-Filme nachzuholen, außerdem hat sich das zehntägige Filmfestival, das 1983 zum ersten Mal stattfand, in den vergangenen Jahren dank der Sektion Neues Deutsches Kino auch hinsichtlich des deutschen Films einen guten Namen gemacht. Das Filmfest München überschneidet sich an einigen Tagen oft mit dem Internationalen Filmfestival Karlovy Vary, das Anfang Juli in Karlsbad beginnt.
Gegründet 1946 ist es eines der ältesten Filmfestivals der Welt. Seit 2005 gibt es dort neben dem Preis für den internationalen Wettbewerb den East of the West Award, der ausschließlich Produktionen aus Osteuropa vorbehalten ist.

Im August wird es dann warm, sehr warm – in Locarno in der italienischen Schweiz. Zu dem Internationalen Filmfestival von Locarno schmückt sich die gesamte Stadt im Leopardenlook, angelehnt an den Hauptpreis der Filmschau, dem Goldenen Leopard.

Es ist ein Festival, ebenfalls 1946 gegründet, das die oft sehr künstlerischen Filme mit Mainstream kombiniert – und es ist schon ein Erlebnis, ein Film auf der Piazza Grande zu sehen, unter freiem Himmel, mitten in der Stadt.

Weiter geht es dann mit dem Mostra Internazionale del Cinema, den Filmfestspielen von Venedig. Das 1932 ins Leben gerufene und somit älteste Filmfestival der Welt gehört mit der Berlinale und Cannes zu den bedeutendsten internationalen Filmfestspielen – und seit einigen Jahren drängt sich der Eindruck auf, dass immer mehr Filmemacher ihre Filme lieber in Venedig als in Cannes zeigen. Der Goldene Löwe wird meist Ende August oder Anfang September verliehen.

Im Spätsommer lohnt sich zudem auch ein Abstecher nach San Sebastián. Das Filmfestival im Baskenland ist herrlich am Meer gelegen und inmitten von eher lautem Publikum lassen sich dort insbesondere latein- und südamerikanische Kinofilme sehen. Außerdem ist San Sebastián eines der „Nachspielfestivals“ von Venedig und Cannes, zu denen auch das Filmfest Hamburg im Oktober gehört. Hier finden sich viele Filme, die bereits auf anderen Festivals liefen, neben europäischen und asiatischen Produktionen.

Auf meiner Filmfestival-Bucketlist stehen drei Festivals: das Midsummer Night Festival in Finnland – im Juni unter freiem Himmel – und von dem man sagt, man könne dort mit Martin Scorsese am Lagerfeuer sitzen, das Toronto International Film Festival im September, das sich in den vergangenen Jahren als der Ort erwiesen hat, an dem die Überraschungshits der Filmpreissaison laufen – wie aktuell Moonlight –, und die Tallin Black Nights, die im November in Estland veranstaltet werden. Es ist das einzige A-Festival – also ein Festival mit einem internationalen Wettbewerb – in Nordeuropa und verliehen wird dort der Goldene Wolf.

Für mich aber endete die Festivalsaison bisher immer mit den Nordischen Filmtagen in Lübeck, dem größten Festival für nordeuropäischen Film. Es findet jedes Jahr Anfang November statt – und ist ein sogenanntes „Publikumsfestival“. Es gibt für die Presse also nur wenig spezielle Vorstellungen, sondern man sitzt mit dem Publikum im Kinosaal. Denn eines darf man bei aller Internationalität der Filmbranche nicht vergessen: Auch hier zuhause, quasi vor der Haustür lässt es sich an interessanten Filmfestivals teilnehmen. Sei es der bereits erwähnte Max Ophüls Preis, die Genrenale in Berlin, die sich explizit dem Genrefilm widmet, das Trickfilmfestival in Stuttgart, das Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern, das Internationale Filmfest Emden-Norderney, das japanische Filmfestival Nippon Connection in Frankfurt, das Internationale Filmfest Oldenburg, die Internationalen Hofer Filmtage oder das Internationale Frauenfilmfest in Dortmund/Köln.

Über Sonja Hartl

Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Chefredakteurin von Polar Noir.

31. Januar 2017 von Sonja Hartl
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