Entdeckungen auf den Nordischen Filmtagen in Lübeck

Aufmerksamkeit erhalten bei Festivals die großen Namen, aber gute Festivals sind immer auch ein Ort der Entdeckungen. Und vor vier Jahren habe ich bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck die Hoffnung gehabt, eine Regisseurin „entdeckt“ zu haben. Damals lief dort der Film I Am Yours von der der norwegischen Regisseurin Iram Haq, in dem sie die Geschichte einer 29-jährigen Schauspielerin erzählt. Sie ist geschieden, Mutter eines Sohnes, aber kaum fähig, sich auf Beziehungen einzulassen, ständig im Konflikt mit ihrer pakistanischen Familie.  Sie driftet durch ihr Leben – und in dem Film erzeugt Iram Haq eine Unmittelbarkeit, eine Nähe zu der Hauptfigur, die mich nicht mehr losgelassen hat.

Leider hat der Film dann keinen regulären Kinostart bekommen, war aber immerhin auf Festivals und im Rahmen der „Nordlichter“-Filmreihe zu sehen, die durch deutsche Kinos mit skandinavischen Filmen tourt. Dennoch ist I Am Yours eines der vielen Beispiele für skandinavische Filme, die keinen bundesweiten Verleiher bekommen, weil sie weder in die Kategorie „schwarzhumorige Komödie“ noch „verschneites Drama“ passen oder von einem wirklich berühmten Regisseur gedreht wurden.

Aber ein guter Film macht noch keine Entdeckung – und so war ich nun sehr erfreut, dass Iram Haqs neuer Film nicht nur mit Pandora Film bereits einen deutschen Verleih hat, sondern nach der Deutschlandpremiere beim Filmfest Hamburg auch bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck zu sehen war. What Will People Say? erzählt eine Geschichte, die recht bekannt klingt: Die in Norwegen aufgewachsene 16-jährige Nisha (Maria Mozhdah) wird von ihren aus Pakistan eingewanderten Eltern in deren Heimat geschickt, nachdem sie vermeintlich der Familie „Schande“ gebracht und sich mit einem Jungen eingelassen hat.

Iram Haq verweigert sich aber in ihrem Film Klischees und Vorurteilen, stattdessen konzentriert sie sich auf die Dynamiken innerhalb familiärer Beziehungen und vor allem auf die Emotionen, die damit einhergehen. Deshalb gelingt es ihr in ihrem autobiografisch geprägten Film, sowohl die Gefühlswelt der Tochter als auch ihres Vaters erfahrbar zu machen. Überwiegend mit einer Handkamera gedreht, ist sie sehr nah an den Figuren, vollzieht ihre Bewegungen und Erstarrungen mit, erspürt Veränderungen und Entwicklungen. Deshalb vollzieht man mit Nisha beim Sehen den schmerzhaften Prozess, in dem sie erkennen muss, dass sie fortan keine gute Wahl mehr hat, dass sie in einem Dilemma steckt, das sie nicht mehr loswerden wird für den Rest ihres Lebens: Sie muss entweder andere oder sich selbst unglücklich machen.
Ich hätte mich sehr gefreut, wenn dieser Film dieses Jahr in Lübeck den Hauptpreis bekommen hätte – zumal I Am Yours ihn sich noch mit Michael Noers Nordvest geteilt hat. Aber der Hauptpreis ging in diesem Jahr an den Debütfilm Der Charmeur von Milad Alami. Iram Haq erhielt hingegen eine lobende Erwähnung und den Publikumspreis.

The Charmer © Jason Alami

The Charmer © Jason Alami

Eine neuerliche Entdeckung aus diesem Jahr könnte Rodja Sekersö sein, deren Langfilmdebüt Beyond Dreams die Filmtage in diesem Jahr eröffnete. Auch sie erzählt von einer jungen Frau, die in Schweden ihren Platz im Leben finden muss. Ohnehin ist auch dieses Jahr wieder auffällig, wie viele Filme bei den Nordischen Filmtagen von jungen Menschen erzählen, die auf der Suche nach sich selbst sind.
Dazu gehört in gewisser Weise auch mein zweites Highlight in diesem Jahr, Thelma von Joachim Trier. In einer Mischung aus Horrorfilm und Familiendrama erzählt er von Thelma, die sich in Oslo in eine Mitstudentin verliebt – und findet hier fantastische Bilder sowie einen wunderbar radikalen Schluss. Thelma erhielt in Lübeck den Baltischen Filmpreis, wird für Norwegen ins Oscar-Rennen gehen – und auch hierzulande einen Kinostart bekommen.

Thelma © Motlys

Thelma © Motlys

Aber noch eine Entdeckung des vorigen Jahres hat sich in diesem Jahr bestätigt: Wie so viele Filmfestivals entwickeln sich auch die Nordischen Filmtage immer mehr zum Eventfestival. Serien wurden mittlerweile ins Programm aufgenommen, es werden Filme in einem „Fulldome“ und einem Alstadtbad gezeigt. Jedes Jahr wird ein neuer Rekord bei den Zuschauerzahlen vermeldet, jedes Jahr steigt die Anzahl der gezeigten Filme – waren es 2014 noch 172, sind es in diesem Jahr 195 Filme. Und nächstes Jahr soll das Festival aus Anlass des 60. Geburtstags der Filmtage dann gar einen Tag länger gehen. Das verspricht weitere Rekordmeldungen – zumindest in Zahlen.

Über Sonja Hartl

Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Chefredakteurin von Polar Noir.

13. November 2017 von Sonja Hartl
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