Keine Angst vorm (Dokumentar-) Film

Mit Fuocoammare gewinnt in diesem Jahr erstmals ein Dokumentarfilm den Goldenen Bären der Berliner Filmfestspiele

Wie von vielen erwartet, hat am letzten Sonntag der italienische Wettbewerbsbeitrag Fuocoammare (dt.: Feuer auf See) den Goldenen Bären als bester Film gewonnen. Erwartet deshalb, weil es ein Film zur wohl brennendsten Thematik der Gegenwart darstellt: der Flüchtlingsproblematik – und die Berlinale das Image, ein politisches Filmfestival zu sein, seit langem pflegt. Das klingt danach, dass dieser Film vor allem thematisches Betroffenheitskino darstellt, aber dem ist nicht so.

Fuocoammare hat es in mehrfacher Hinsicht geschafft, mir dieses Thema noch einmal vor Augen zu führen, zu zeigen, worum es geht, jenseits der angeblich großen Entscheidungen, die es in der Flüchtlingsfrage zu treffen gilt. Das Beste was ein Film tun kann, ist die Sache herunter zu brechen, en détail eine Geschichte zu erzählen, Raum zum Nachdenken zu schaffen, zu schockieren, ohne eine Sensation zu provozieren. All das erreicht Gianfranco Rossi, denn Fuocoammare ist vor allem auch eins: ein guter Film. Das Dokumentarische lässt er irgendwann vergessen, obwohl er nie vorgibt, etwas anderes zu sein. So klug wie er gebaut ist, wird das Genre unwichtig. Es war sicherlich nicht besonders mutig, diesen Film im Wettbewerb der Berlinale zu zeigen, ihn mit dem höchsten Preis zu dotieren letztendlich schon.

Worum geht es? Es ist die Geschichte des 12-jährigen Samuele, der auf einer kleinen Insel im Mittelmeer lebt, einer Insel, die das Ziel unzähliger Flüchtlinge ist. Lampedusa gehört zu Italien und liegt doch viel näher an Afrika. Kein Wunder also, dass seit vielen Jahren die Flüchtlingsboote dort versuchen anzulanden. Vor Lampedusa gab es das große Schiffsunglück mit Hunderten von Toten im Oktober 2013. Diese Nachricht könnten noch einige in Erinnerung haben, aber damals galt die Flüchtlingsproblematik für die Mehrheit der Mitteleuropäer noch als Problem der ans Mittelmeer grenzenden Länder. Mehr Unterstützung bei der Bewältigung und Verhinderung einer solchen Katastrophe wurde damals gefordert, europäische Geschlossenheit – passiert ist nicht viel.

Eines aber schon: die Aufrüstung des militärischen Apparats der europäischen Küstenwache Frontex hat dazu geführt, dass es kaum noch Berührungspunkte zwischen den Insulanern und den Flüchtlingen gibt. Landeten in den Jahren zuvor noch viele Flüchtlinge am Strand und waren auf die Hilfe der Bewohner angewiesen, so werden sie heute, wenn sie noch am Leben sind, registriert, untersucht und dann auf dem italienischen Festland verteilt.

Auch deshalb folgen wir so eindringlich dem alltäglichen Leben des 12-Jährigen, der über die Insel streift, eine Schleuder baut, keine Lust auf Schule hat, genüsslich Nudeln schlürft und langsam lernt, wie man sich auf einem Boot verhalten muss, um Fischer werden zu können. Wir lernen den einheimischen Arzt Dr. Pietro Bartolo kennen, der ganz unpathetisch davon erzählt, dass er trotz vieler traumatischer Eindrücke von all den überfüllten Booten mit vielen Leichen nicht davon abweicht, die ankommenden Flüchtlinge zu untersuchen. Irgendwann sagt er so nebenbei diesen Satz, der aufgeschrieben so banal klingt, aber in diesem Film nachwirkt: „Wenn wir Menschen sind, müssen wir helfen.“

Und dann folgt der Film wieder dem Kind und irgendwann sitzt der Junge mit seinen Problemen bei eben diesem Arzt, der in dem Moment für uns den einzigen Berührungspunkt beider Welten darstellt. Der kleine Samuele erklärt Dr. Bartolo gestenreich, dass er nicht richtig sehen kann, dass ihm manchmal der Atem wegbleibt und es entspinnt sich ein Dialog, dem zuzuschauen für mich eine wahre Freude war (und in der Premiere zu Szenenapplaus führte).

Aber exakt nach diesem Moment, in dem ich sehr gern alles vergessen will und kann, präsentiert mir Gianfranco Rosis Film ebenso unaufgeregt die von ihm gemachten Bilder auf See. Die Blicke der Afrikaner, ihre dehydrierten Körper, die Unmöglichkeit irgendetwas sagen zu können und ich weiß jetzt wieder, ja, hier sind über 400.000 Flüchtlinge angekommen, mindestens 15.000 haben diese Überfahrt nicht überlebt. Aber ich fühle mich nicht genötigt. Er zeigt mir das, was ich sehen muss, führt mich an diese Bilder heran, aber wirft mich nicht hinein, was nur innerliche Abkehr auslösen würde. Es stimmt, was einige Kritiker sagen: hier wird den afrikanischen Flüchtlingen nicht wirklich eine Stimme gegeben und dennoch ergibt sich keine Anonymität des Schreckens, kein Voyeurismus und kein Triumph des erworbenen Bildes. Und am Ende sind wir wieder bei Samuele, der an der Meerespromenade steht und mit Armen und Geräuschen Maschinengewehrsalven nachahmt und es bleibt dieser Titel Foucoammare, Feuer auf dem Meer.

Der Goldene Bär für diesen Film war eine sehr klare Entscheidung der Jury, aber die Frage ist gestattet, ob die anderen Filme überhaupt eine Chance hatten. Es sind Bilder in diesem Film zu sehen, die in ihrer Intensität und Wucht konkurrenzlos bleiben, die von keinem noch so gutem Regisseur oder Kameramann des fiktionalen Kinos kreiert werden können. Und dass eine – wie subjektiv auch immer – abgebildete Realität häufig stärkeres Kino hervorbringen kann als die Fiktion, ist jetzt auch nicht neu.

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Über Leopold Grün

Leopold Grün arbeitete ein Jahr als Grundschullehrer in der DDR, absolvierte anschließend ein Studium der Sozial- und Medienpädagogik in München. An der Humboldt-Universität Berlin studierte er Sozial- und Politikwissenschaften und schloss 2001 an der TU Berlin als Diplom-Medienberater ab. Seit 1996 als Medienpädagoge bei der FSF tätig. Ab 2004 arbeitet er gleichzeitig als freier Filmemacher: Der Rote Elvis und Am Ende der Milchstraße sind unter seiner Regie entstanden.

26. Februar 2016 von Leopold Grün
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