Die Macht der Bilder

Unter dem Titel Mächtige Bilder, ohnmächtige Ethik? Der verantwortbare Umgang mit Filmen und Fotografien widmete sich medien impuls am 7. Dezember der Thematik der „Bildethik“.

Moderatorin Shanli Anwar im Gespräch mit dem Fotojournalisten Hosam Katan, medien impuls: "Mächtige Bilder, ohnmächtige Ethik? Der verantwortbare Umgang mit Filmen und Fotografien" am 7.12.2017 in der Bertelsmann Repräsentanz Berlin. © sh/fsf

Moderatorin Shanli Anwar im Gespräch mit dem Fotojournalisten Hosam Katan © sh/fsf

Hosam Katan, der erste Gast im Gespräch mit Moderatorin Shanli Anwar, fotografiert seit seinem 18. Lebensjahr das Leben der Menschen im Krieg in Aleppo. Auf seiner Webseite ordnet er seine Bilder in zwei unterschiedliche Rubriken: „Daily Life“ und „Moments“. Alltag, der Versuch, unter den Bedingungen des Krieges möglichst „normal“ weiterzuleben, und Momente unvorstellbaren Grauens. Katan fotografiert für ein Publikum im Westen, und er weiß, dass die Menschen hierzulande sich dem Leid und dem Schmerz nur in kleinen Dosen aussetzen wollen. Im Gespräch mit Anwar äußerte er sogar Verständnis dafür, betonte aber zugleich, dass durch die Öffentlichkeit, die die Kriegsfotografien schaffen, eventuell noch schlimmere Verbrechen verhindert werden können.

Prof. Dr. Klaus Sachs-Hombach, medien impuls: "Mächtige Bilder, ohnmächtige Ethik? Der verantwortbare Umgang mit Filmen und Fotografien" am 7.12.2017 in der Bertelsmann Repräsentanz Berlin. © sh/fsf

Prof. Dr. Klaus Sachs-Hombach © sh/fsf

Prof. Dr. Klaus Sachs-Hombach, der sich selbst als Ikonoklasten (Bilderstürmer) vorstellte, analysierte das manipulative Potenzial der Bilder. Bilder bieten ihre Inhalte vermeintlich uncodiert dar, sie scheinen einfach das zu zeigen, was man, wäre man vor Ort gewesen, gesehen hätte. Der Eindruck von Unmittelbarkeit bedingt eine Engführung von Wahrnehmung und emotionaler Reaktion und verringert so die Distanz des Rezipienten zum Aussagegehalt des Bildes. Dieser erschöpft sich jedoch nicht darin, Wirklichkeit zu zeigen, sondern bedient sich visueller Codes um den Blick des Betrachters zu lenken. Bilder wirken, auch und gerade dann, wenn man ihre Konstruktionsmechanismen nicht durchschaut.

Prof. Dr. Christian Schicha, medien impuls: "Mächtige Bilder, ohnmächtige Ethik? Der verantwortbare Umgang mit Filmen und Fotografien" am 7.12.2017 in der Bertelsmann Repräsentanz Berlin. © sh/fsf

Prof. Dr. Christian Schicha © sh/fsf

Prof. Dr. Christian Schicha bewertet das emotionalisierende Potenzial der Bilder ebenfalls in erster Linie als Risiko. Mit der Präsentation zahlreicher Beispiele lenkte er den Blick auf die Möglichkeiten, Bilder zu manipulieren, entweder durch Bildbearbeitung oder durch Fälschung des Kontextes (wobei er betonte, dass nicht jede Bearbeitung als Fälschung zu bewerten sei). Das Foto des dreijährigen Aylan Kurdi, der auf der Flucht über das Mittelmeer starb und dessen Leichnam am Strand von Bodrum angeschwemmt wurde, zog sich durch die Diskussionen der Tagung. Sein Bild wurde zum Symbol für das Unmenschliche der Flüchtlingspolitik, führte europaweit zu einem verstärkten Interesse am Krieg in Syrien und ließ die Spendenbereitschaft zeitweilig in die Höhe schnellen. Der Presserat bezeichnete das Foto als „Dokument der Zeitgeschichte“ und bewertete die zahlreichen Beschwerden dagegen als unberechtigt.

Dass man die Gesichter von Opfern nicht zeigen darf, schien auf der Tagung Konsens zu sein, ebenso wie die Annahme, dass jedes Foto, das einen Verstoß gegen die Menschenwürde dokumentiert, dazu tendiert, diesen zu intensivieren; durch das bloße Zeigen gleichsam erneut zu begehen. Es wurde zwar eingeräumt, dass solche schwer zu ertragenden Bilder auch eine aufrüttelnde, aufklärerische und anklagende Kraft inne wohnt, dass nicht die Opfer, sondern die Täter sich durch solche Bilder beschämt fühlen sollten – letztlich wurde dies aber als nicht ausschlaggebend betrachtet angesichts der Gefahr, durch das Zeigen voyeuristische Impulse zu bedienen oder am Ende gar noch zu einer Abstumpfung beizutragen.

Moderatorin Shanli Anwar im Gespräch mit Joachim Herrmann (l.), Prof. Dr. Katharina Lobinger und Dr. Arnd Pollmann (r.), medien impuls: "Mächtige Bilder, ohnmächtige Ethik? Der verantwortbare Umgang mit Filmen und Fotografien" am 7.12.2017 in der Bertelsmann Repräsentanz Berlin. © sh/fsf

Moderatorin Shanli Anwar im Gespräch mit Joachim Herrmann (l.), Prof. Dr. Katharina Lobinger und Dr. Arnd Pollmann (r.) © sh/fsf

Auf dem Podium diskutierten der Philosoph Dr. Arnd Pollmann, die Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Dr. Katharina Lobinger und der Fotojournalist Joachim Herrmann mit  Shanli Anwar. Während Pollmann und Lobinger die Veröffentlichung von Fotos wie das des toten Aylan Kurdi eher kritisch sahen, vertrat Herrmann die Ansicht „je mehr ein Bild eine emotionale Reaktion erzeugt, desto mehr muss man es zeigen.“ Einem abstrakten Krieg ein Gesicht zu geben sei immens wichtig, denn Menschen würden einen abstrakten Krieg für akzeptabel halten. Eine Stimme aus dem Publikum erinnerte daran, dass Menschen aus Krisengebieten oft wollen, dass ihr Leid veröffentlicht wird – damit sich etwas ändert.

* * * Aller Bilder © sh/fsf – per Klick vergrößerbar * * *

Dieser medien impuls ist in Kooperation mit der DGPuK-Fachgruppe „Visuelle Kommunikation“ entstanden, deren Fachgruppentreffen zeigen I andeuten I verstecken – Visuelle Kommunikation zwischen Ethik und Provokation am 8. und 9. Dezember in Berlin stattfand. Das Programm sowie weitere Informationen zu den Vortragenden ist auf der FSF-Website abrufbar, eine Bilderstrecke gibt es bei Facebook.

Und hier können Sie sich die Videomitschnitte zur Tagung ansehen:

Über Christina Heinen

Christina Heinen studierte Soziologie und absolvierte ihr Volontariat an der Journalistenschule der Evangelischen Medienakademie in Berlin. Sie arbeitete als Freie Journalistin mit den Schwerpunkten Medienthemen, Film- und Fernsehkritik und ist seit 2004 hauptamtliche Prüferin bei der FSF.

13. Dezember 2017 von Christina Heinen
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