„Ja, es ist wieder Zeit für so ein Video“

Kurz vor der Europawahl im Mai 2019 wurde der YouTuber Rezo mit dem Video Die Zerstörung der CDU plötzlich auch außerhalb seiner Follower-Gemeinde wahrgenommen. Binnen eines Jahres avancierte er quasi zu einer Instanz der jugendaffinen Medien- und Gesellschaftskritik und gehört seither zum Debatteninventar Deutschlands. Das Video sorgte nicht nur im politischen Raum für Furore und Verwirrung, es erntete auch viel Zustimmung, den Nannen Preis 2020 in der Kategorie Bestes Web-Projekt sowie eine Nominierung bei den Grimme Online Awards. Vom „Rezo-Effekt“ war die Rede, über 17 Millionen Klicks verbucht der knapp 55-minütige Clip bis dato (Stand Juni 2020).

Nun ist Rezo wieder da. Diesmal mit der Zerstörung der Presse. Auch dieses Video erreichte bereits über 2,7 Millionen Viewer und löste mittlere Erregungswellen in der deutschen Medienlandschaft aus. „Ja, es ist wieder Zeit für so ein Video.“ Mit diesen Worten, die auch schon das erste „Zerstörungsvideo“ einleiteten, legt der blauschopfige Künstler, Influencer und Informatiker los. Diesmal knöpft er sich die Presse vor und macht das Thema mit einem interessanten Spin auf, indem er einen Zusammenhang zwischen dem Vertrauensverlust gegenüber der Presse einerseits und der Argumentationsweise von „Verschwörungsgläubigen“ andererseits aufzeigt. Ins Visier seiner vehement und trotzdem ungemein lässig vorgetragenen Kritik gerät dabei nicht nur die Boulevardpresse, deren Kerngeschäft seit jeher das halbgare Raunen und Vermuten ist, sondern auch die reichweitenstarke Qualitätspresse von Frankfurter Allgemeine und Welt bis Focus.

Rezo argumentiert faktenreich und quellentransparent über den Zusammenhang von journalistischer Arbeit und Ethik, über Qualitätsstandards, die im Getriebensein durch technologische und marktbedingte Realitäten zunehmend ausgehöhlt werden. Was Rezo aber offensichtlich schwer bewegt, ist der Umstand, dass auch die Presse nicht vor „Techniken von Verschwörungsideologen“ zurückschrecke, womit sie ihr Vertrauenskapital verspiele. Zudem verhielten sich einige Zeitungshäuser so menschenfeindlich, dass sie gar nicht so unschuldig daran sind, „wenn sie und ihre Angestellten in der Bevölkerung verachtet werden“, so Rezo. Er bringt hierfür viele Belege, leider nicht nur aus Revolverblättern. Und er verweist darauf, dass dieses kritikwürdige Verhalten „grundsätzlich auf die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung“ zurückfalle. Eine Einschätzung, die auch Arno Frank im Spiegel hervorhob: „Eine vierte Gewalt, die sich selbst und ihre Leserschaft nicht ernst nimmt, wird die fünfte Kolonne des Wahnsinns nicht aufhalten können. Im schlimmsten Fall wird sie mit eigenen Lügen und tendenziöser Berichterstattung den Irren sogar die Schneise schlagen, durch die diese marschieren könnten.“

Rezo ja lol ey bei YouTube: Die Zerstörung der Presse vom 31.05.2020

Bashing oder cooler Idealismus?

Ja, auch über dieses Video ist mittlerweile viel geschrieben worden. Viel Jubel, aber auch Kritik. Im Video konkret benannte Protagonisten großer Pressehäuser (z.B. Julian Reichelt von Bild) twitterten verschnupft. Andere Medienhäuser, wie die Berliner Zeitung, denen Rezo Vorhaltungen machte, sie hätten zahlreiche Falschbehauptungen zu ihm publiziert, reagierten mit Fakten und Präzisierungen. So analysierte sie Rezos Vorwürfe gegenüber der Berliner Zeitung und stieß auf etliche Defizite. Auch das ist lesenswert und gehört zur Debatte um Rezo. Es zeigt auch, dass pauschale Urteile nicht weiterführen. Vieles wird bei Rezo in einen Topf geworfen. Differenzierung? Da ginge noch mehr. Das ändert nichts an dem Umstand, dass wir es mit einer Erosion des Vertrauens hinsichtlich des zeitgenössischen Journalismus zu tun haben, der aufgrund einer bedingungslosen Marktorientierung oft auch destruktive Züge annimmt, was viel zu oft in einer Missachtung ethischer Standards mündet. Und leider klingt sogar dieser Befund schon wieder wie ein Allgemeinplatz.
Wie auch immer – diesen Missständen setzt Rezo seine Kritik entgegen. Arno Frank sprach bei spiegel.de von einer latenten Liebeserklärung an den Journalismus. Ja, es ist ein cooler Idealismus, der bei Rezo aufscheint. Er offenbart allerdings auch ein empathisches Menschenbild, das in den letzten Jahren und nicht nur im Journalismus zunehmend unter die Räder gekommen ist. Klicks, Auflagen, Einschaltquoten – das ist die Währung im zeitgenössischen Journalismus. Rezo hält dagegen und appelliert an die Verantwortung von reichweitenstarken Medien.

Das Video ist im besten Sinne eine Art Crashkurs in Sachen Medienbildung und maßgeschneidert für junge Zuschauergruppen. Wenn Rezo beispielsweise den Pressekodex zitiert und über Konjunktive, Opferschutz und Faktencheks reflektiert, erreicht er mehr, als manch medienpädagogische Erläuterung. Sein Fazit und Appell an alle: „Denkt rational, checkt Quellen, belohnt die, die ihre Arbeit gut machen und verurteilt die, die ihrer Verantwortung nicht gerecht werden und ihre Macht missbrauchen. Peace. Ich bin raus.“

 

Links und Quellen u.a.:

Alle Links wurden zuletzt abgerufen am 08. Juni 2020

Über Uwe Breitenborn

Dr. Uwe Breitenborn, hauptamtlicher Prüfer der FSF, Publizist, Dozent und Autor, zahlreiche Veröffentlichungen zur Mediengeschichte, Musiksoziologie, Sozial- und Kulturwissenschaft. Von 2014-2019 Vertretung der Professur Onlinejournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Zuvor u.a. Arbeit an der Martin-Luther-Universität Halle und beim DRA Babelsberg.

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