Realität und ihre Darstellung in den Medien

Wenn ein TV-unerfahrener Zuschauer zufällig auf eine Folge von Die Schulermittler oder Familien im Brennpunkt stößt, wird er sich vielleicht wundern, dass hier anders geredet wird, als man das normalerweise bei Fernsehserien gewohnt ist. Aber er wird vermutlich sofort bemerken, dass er sich in einer Unterhaltungssendung befindet. Auch wenn Scripted-Reality-Formate Elemente verwenden, die wir aus dem Dokumentarfilm kennen, so haben sie doch auch unverkennbar viele typische Merkmale, die in das Genre einer Daily Soap passen. Wie in vielen anderen Bereichen der Fernsehunterhaltung haben wir es auch hier mit einer Mischform zu tun. Dialoge und Figuren sind näher an der Realität durchschnittlicher Menschen als die immer wieder überarbeiteten Dialoge von Fernsehserien oder Spielfilmen mit professionellen Schauspielern. Aber die Dramaturgie, die gnadenlose Fokussierung auf die Auseinandersetzung sowie der sehr stabile positive Ausgang, in dem anscheinend unüberwindbare Konfliktkonstellationen in letzter Minute doch eine überraschende glückliche Lösung finden, erinnern instinktiv sehr viel eher an Daily Soaps als an seriöse Dokumentationen.

Dass Spielfilme und Serien möglichst realitätsnah wirken wollen und zuweilen Elemente verwenden, die man aus Dokumentarfilmen kennt, ist nichts Neues. Konkrete Zeit- und Ortsangaben (z. B. „Samstag, der 8. Oktober 2011, 17.00 Uhr, Sitzungsraum des Landeskriminalamtes Wiesbaden“) erwecken den Eindruck, als würde man nicht einen erfundenen Krimi, sondern ein an der Realität orientiertes Protokoll lesen. Auch die subjektive Kamera („Wackelkamera“) hat schon in manchem Horrorfilm dem Zuschauer den Eindruck vermittelt, er würde direkt auf den Serienmörder zusteuern. Es ist das Wesen der Fiktion, dass sie uns – zumindest für kurze Zeit – die Illusion vermitteln will, wahr zu sein. Bei der Scripted Reality gelingt das mehr oder weniger gut. Wenn man ihr allerdings vorwirft, es handele sich bei ihr um „Pseudodoku“, um „Lügenfernsehen“, das „niedersten Voyeurismus“ bediene, dann ist das eine sprachliche Übertreibung, die in der Sache nicht weiterhilft. Kein Format, das als Scripted Reality gilt, behauptet von sich, eine Dokumentation zu sein. Natürlich ist es richtig, dass die Information im Abspann – „Alles frei erfunden“ – von vielen Zuschauern nicht wahrgenommen wird. Aber bei allen anderen fiktionalen Programmen haben wir genau dieses Problem auch und müssen uns darauf verlassen, dass der Zuschauer den Abspann wahrnimmt. Den Begriff „Lügenfernsehen“ hat man dafür jedoch bisher nicht verwendet.

Während die einen befürchten, vor allem jugendliche Zuschauer könnten etwas für Realität halten, was in Wirklichkeit gespielt ist, beklagen die anderen, die Glaubwürdigkeit des Fernsehens würde derart leiden, dass die Zuschauer nicht mehr glaubten, was dort gezeigt wird. Die Dokumentarfilmerin Dominique Klughammer weist auf eine Untersuchung hin, nach der es den Zuschauern egal sei, ob das Fernsehen Realität vortäusche (vgl. epd medien, 39/2012, S. 6 – 10). Das mag sein, ist aber vermutlich nicht das Ergebnis von Scripted Reality. Denn es ist schließlich nicht so, dass dem als Dokumentation daherkommenden „Lügenfernsehen“ die seriöse Abbildung von Realität in der Berichterstattung oder in Dokumentarfilmen ent gegenstünde.

Auch in der Berichterstattung kann die Wirklichkeit auf den Kopf gestellt werden. So musste Elmar Theveßen, der stellvertretende Chefredakteur des ZDF, einräumen, dass in den Beiträgen des ZDF die Reaktionen der arabischen Welt auf das Mohammed-Video sehr viel gefährlicher dargestellt worden waren, als es der Wirklichkeit entsprach. Jede Form von Wirklichkeitsvermittlung in den Medien ist den üblichen menschlichen subjektiven Absichten und Meinungen sowie Fehlinformationen unterworfen. Deshalb ist alles, was wir pädagogisch unternehmen können, um eine kritische Distanz zu der medial dargestellten Wirklichkeit herzustellen, sinnvoll. Gerade in einer Zeit, in der im Internet scheinbar reale Beiträge über politisch relevante Ereignisse berichten, die niemand von uns verifizieren kann, ist es wichtig zu fragen, ob Darstellungen plausibel sind und durch andere unabhängige Informationen bestätigt werden.

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Über Joachim von Gottberg

Prof. Joachim von Gottberg ist Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF). Nach seinem Studium der Germanistik und Theologie (Lehramt) baute er in Hannover die Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen auf und beschäftigte sich neben Suchtprävention und Jugendkriminalität mit der Wirkung von Medien. Ab 1985 war er als Ländervertreter bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) tätig, bis er 1994 die Geschäftsführung der FSF übernahm. Er ist Chefredakteur der Fachzeitschrift tv diskurs. Seit 2006 ist Joachim von Gottberg Honorarprofessor für das Fach Medienethik/ Medienpädagogik an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF in Potsdam-Babelsberg.

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1 Kommentar zu “Realität und ihre Darstellung in den Medien

  1. Es ist schön oder eben nicht das unsere öffentlich rechtlichen Medien, welche uns frei Nachrichten präsentieren sollten, diese verfälschen. Nur halten grade die scripted reality Sendungen unzählige Menschen für die Abbildung der Wahrheit, Dauerwerbesendungen werden mit einer eindeutigen, dauerhaften Einblendung gekennzeichnet, vielleicht sollte man scripted reality Formate mit dem dauerhaften Hinweis Fiktion versehen. Schließlich schützen wir ständig die Minderheiten und Schwachen in unserer Gesellschaft, nur das hier unmengen von Menschen sich unschlüssig sind was sie da sehen und viele halten es für Realität. Siehe Mieten und Kaufen auf Vox oder die von Ihnen genannten Sendungen.