Mährischer Wein, Malimo-Dessous und die Kompetenzen eines FSF-Prüfers

An das Programm des Kinderfilmfestivals 1988 im tschechischen Gottwaldov erinnere ich mich nur noch rudimentär. Unvergessen ist dagegen die damalige „Fahrt ins Blaue“, zu der die Gastgeber an einem lauen Maienabend die ausländischen Experten des anspruchsvollen Films für junge Zuschauer eingeladen hatten. Per Bus ging es quer durch die böhmische Landschaft zu einem dörflichen Kulturzentrum.
Dort gab es ein üppiges Bauernbüfett und reichlich mährischen Landwein. Höhepunkt des Abends war der Auftritt eines folkloristischen Tanzensembles, das zunächst alles zeigte, was an regionaler Fröhlichkeit zu bieten war und schließlich die staunenden Zuschauer in den Tanzreigen einbezog. Zwei Jahre später war ich wieder bei diesem Festival. Die Stadt, die einst durch die dort gegründeten Schuhfabriken des Tomáš Bat’a berühmt geworden war, hieß nun wieder Zlín. In die Bar des Festivalhotels „Moskva“, wo sich vormals eine bulgarische Combo bemüht hatte, die Gäste mit saisonalen Schlagerhits zu unterhalten, war die neue Zeit mit einer Stripteaseshow eingezogen. Ich hatte das vage Gefühl, dass ich einige der dortigen Tänzerinnen schon einmal in mährischen Trachtenkostümen gesehen hatte. In solcher Verkleidung, so stellte ich zu meiner Überraschung fest, waren mir die Schönheiten wesentlich sinnlicher in Erinnerung als in der nunmehr vorgeführten Nacktheit. Wenn zu diesem Eindruck auch der Landwein seinen Teil beigetragen haben mag, es blieb die Erkenntnis: Erst der innere Film im Kopf macht aus sexuell ausgerichteten Angeboten ein erotisches Ereignis.

Ebenfalls 1990, kurz nach der Maueröffnung, hatten Freunde in der Schweiz unsere Familie zu einem Urlaubsbesuch eingeladen. Zentrum der Exkursion war Zürich. Dort wollte ich unbedingt in die Spiegelgasse gehen, wo Georg Büchner zuletzt gelebt und wo nebenan Lenin die russische Oktoberrevolution ausgebrütet hatte. Die Kinder und den Rest der Gesellschaft zog es alternativ auf den Zürichberg, um sich dort ins Gras zu legen und Schweizer Schokolade zu essen, so wie der Legende nach einst auch Lenins Gattin Nadeschda Krupskaja. Die Gelegenheit des Alleinseins nutzte ich, um nach der Hinwendung zu den Schwergewichten europäischer Kulturgeschichte nebenher ein Pornokino kennenzulernen.
Sexkino Roland im Langstrassenquartier in Zürich

Der bleibende sinnliche Eindruck dieses Besuchs ging danach allein von der Architektur des umfunktionierten vormaligen Lichtspieltheaters aus. Im Hauptfilm waren zwei Damen zu erleben, die es als Gefängnisaufseherinnen ihren angeketteten schweren Jungs besorgten bzw. es sich besorgen ließen. Hier wurde meine Neugier schnell von Langeweile abgelöst. Als unerträglich blieb der Gestank in Erinnerung, der – ausgehend von unzähligen Publikumsergüssen – in den Stofftapeten des einstigen Tempels cineastischer Vergnügung hängen geblieben war.

Hatte ich etwa gedacht, ich würde an diesem Ort etwas von der ausufernden und schließlich zerstörerischen Leidenschaft, von der unbändigen Lust und der ästhetischen Zuspitzung erleben, die ich wenige Jahre zuvor in Bernardo Bertoluccis Der letzte Tango in Paris wahrnehmen konnte? 1984 war am Boulevard Unter den Linden in Ostberlin das Französische Kulturzentrum eröffnet worden. Als man hier Bertoluccis Film zeigte, bildeten sich Abend für Abend Schlangen auf der sonst eher unbelebten Prachtmeile. Bis zum Aeroflot-Büro im Seitenflügel der Sowjetischen Botschaft standen die philosophierenden Schachspieler aus dem „Lindencorso“ neben Kulturfunktionären, die Protagonisten des Dokumentarfilmstudios neben ihren Kritikern und die Dichter und Maler des Prenzlauer Bergs neben den Geschäftemachern der alternativen Modeszene. Alle wollten den Kultfilm mit Marlon Brando und Maria Schneider sehen und alle begriffen die sexuelle Obsession als Versuch, einer erstarrten Gesellschaft wie der ihren zu entkommen, genauso, wie sie unter dem Scheitern desselben litten. Der Film wurde zu einem zentralen Gesprächsthema und er setzte Maßstäbe, was man von erotischem Kino erwarten kann. Als ähnlich eindrücklich erwies sich seinerzeit für Filminteressierte das vierstündige Epos Narziss & Psyche des Ungarn Gábor Bódy. Hier widersetzt sich die unwiderstehlich schöne Patricia Adriani als Psyche Lónyay der konventionell vorgeschriebenen weiblichen Rolle, was ein freizügiges und selbstbestimmtes sexuelles Ausleben aller Wünsche einschließt.

Ganz andere Ausdrucksformen erotischer Sehnsüchte lernte ich zehn Jahre später nach meinem Umzug in die brandenburgische Provinz kennen. Hier kam unmittelbare Freude auf, wenn es zum 50. Geburtstag ein lebendiges Geschenk gab, das sich angesichts der Kaffeetafel auszog. Und man erzählte beim Dorffest unter Einfluss von reichlich Kümmerling von den einstigen Schlüpferpartys der jungen LPG-Mitarbeiter, wobei es darum gegangen war, dass irgendwann die Malimo-Dessous der anwesenden Damen an der Wohnzimmerleuchte hingen. Filme im Kopf bilden sich halt sehr unterschiedlich.

So in der Thematik vorgebildet, wurde ich Jugendschutzprüfer bei den für das Bewegtbild zuständigen Gremien. Hier galt es nun, nach Gesetzesvorgaben zu beurteilen, welches erotische Filmangebot jungen Menschen wann und in welcher Form zuzumuten ist. Damit werden Orientierungspunkte gesetzt. Gleichzeitig – und das scheint mir besonders wichtig – wird ein öffentlicher Diskurs in noch immer nicht selbstverständlicher Form zu einer sehr zentralen Lebensfrage angestoßen. Reitferien in Schweden hieß mehr als zweideutig ein Film, der zeitweise die Jugendschutzgremien heftig umtrieb. Hier geht es um keinerlei Konflikte, sondern allein um diverse Kopulationsgelegenheiten auf einem Bauernhof. Zu dieser filmischen Vorlage gab es an einem heißen Septembertag 2001 bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) eine Prüferfortbildung. Dicht gedrängt saßen am Berliner Lützowplatz Mitarbeiter der Sender, Jugendschützer und Vertreter der Landesmedienanstalten beisammen und schauten sich das Werk an. Die anschließende Bewertung fiel kontrovers aus. Schließlich wurde der Film in gekürzter Form mehrheitlich als geeignet für das Nachtprogramm befunden. Der eigentlich nachhaltige Impuls ging aber auch hier vom geführten Disput aus, der angesichts zunehmend offener technischer Rahmenbedingungen und geprägt durch unterschiedliche Lebenserfahrungen und entsprechender Maßstäbe zu einem Ausgleich zwischen den Polen der uneingeschränkten Freigabe des Films und dessen Verbot geführt wurde. Noch immer nachdenklich stimmt mich der Hinweis einer Kollegin auf die bedrohlichen Aggressionen, die von Gesellschaften ausgehen, die öffentlichen erotischen Darbietungen mit Zensur begegnen. Fünf Tage nach der Fortbildung steuerten solcherart Reglementierte Passagierflugzeuge in die Zwillingstürme von New York.

Über Klaus-Dieter Felsmann

Studium der Germanistik und Geschichte. Klaus-Dieter Felsmann ist freier Publizist, Medienberater und Moderator sowie Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

04. September 2014 von Klaus-Dieter Felsmann
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