Die Wiederentdeckung der Langsamkeit, oder: Was machen die Schlümpfe in New York City?

Neulich hatte ich mir einen fiesen Grippevirus eingefangen. So einen, bei dem man völlig erledigt auf der Couch liegt und alle Kraft aufwenden muss, um zumindest noch die Fernbedienung des Fernsehers betätigen zu können. Man weiß dabei nicht, ob das ungute Gefühl in der Magengegend nicht auch ein bisschen vom Nachmittagsprogramm der Privaten verursacht wird. Und dann passierte es: Kurz vor der Kapitulation brachte ich doch noch die Energie auf, einen zweistelligen Kanal einzustellen. Einen Kinder-Spartensender, den man sonst nur alibimäßig guckt, wenn der kleine Cousin zu Besuch ist. „Lalalalalalalala …“ sang es mir da entgegen und sofort war es wieder da: Dieses Gefühl von früher ‒ eine Mischung aus Geborgenheit, Abenteuerlust, Nostalgie und der Gewissheit, dass nach 20 Minuten alles gut enden wird.

Mit etwas mehr (zeitlichem) Abstand als mir lieb ist, glaube ich, dass mir vor allem die Langsamkeit behagte, mit der die kleinen blauen Schlümpfe ihren Alltag verrichteten. Da benötigte der Gärtnerschlumpf schon mal eine halbe Folge, um ein Blumenbeet zu gießen oder der Bäckerschlumpf, um eine Torte zu zaubern (ok, dafür brauche ich länger …).

Aber egal: Die Schlümpfe hatten ja Zeit ‒ zumindest, wenn sie nicht mal wieder irgendjemanden vor Gargamel retten mussten. Mit Erwachsenenproblemen, wie dem Begleichen von Rechnungen oder Krach mit den Nachbarn (abgesehen von Gargamel), mussten sie sich so gut wie nie auseinandersetzen.

© 1981 Warner Bros.
Die Schlümpfe © 1981 Warner Bros.

Bekräftigt wurde diese wunderbare Entschleunigung, von deren geringem Realitätsgehalt wir schon als Kinder ahnten, durch eine (klein)kindgerechte Produktion: lange Szenen, keine schnellen Schnitte, bunte Farben, niedliche, klar gezeichnete Figuren, mit denen man sich direkt identifizieren konnte und immer mal wieder eine Wiederholung. Auch der böse, aber etwas dämliche Gargamel und seine Katze Azraël waren nie wirklich bedrohlich.

Auch inhaltlich waren die Geschichten überschaubar angelegt: Schönes Wetter, die Schlümpfe singen und gehen jeweils ihrer Lieblingsbeschäftigung nach. Dann gerät (mindestens) ein beliebiger Schlumpf in Gefahr. Papa Schlumpf braut einen Zaubertrank, und alles wird wieder gut.

Irgendwie war die Welt in Schlumpfhausen noch in Ordnung. Umso erstaunlicher, als 2011 plötzlich unsere kleinen blauen Freunde (fast ein bisschen zu perfekt animiert) auf der (Realfilm-)Kinoleinwand erschienen. Ausgerechnet in New York City ‒ Manhattan ‒, so ziemlich dem exakten Gegenpol von Schlumpfhausen. Zwar kann der Central Park größenmäßig wohl durchaus mit dem verwunschenen Wald mithalten, doch bedürfte dessen Pflege wohl ein ganzes Bataillon von Gärtnerschlümpfen. Und Pilze werden in Manhattan wenn nicht zum Verzehr, wohl im Wesentlichen zu bewusstseinsverändernden Zwecken genutzt. Sicher nicht, um darin zu wohnen. Umgekehrt kommt Schlumpfhausen meines Wissens auch im 21. Jahrhundert vollständig ohne Burger-Restaurants und Internetcafés aus. Auch Leuchtreklamen sucht man dort vergeblich. Selbst im Hinblick auf die Kleidung hält man es in Schlumpfhausen eher schlicht. Wenn die 5th Avenue mit den neuesten Kreationen der In-Designer aufwartet, trägt man in Schlumpfhausen schlichtes Weiß. Immer. Das entschleunigt schon den morgendlichen Badgang ‒ wobei man sich fragen darf: Wozu? Um ‒ wie im Fall von Beautyschlumpf  ‒ noch länger in den Spiegel schauen zu können? Oder, um ‒ wie Hefty ‒ noch länger Gewichte stemmen zu können? Oder, um ‒ wie Jokey ‒ noch zwölf explodierende Päckchen mehr verschenken zu können?

Der Ansatz im Schlumpfdorf ist freilich ein anderer als in New York City. Und sosehr Manhattan die Kultur des Andersseins zelebriert ‒ von nackten Cowboys über transsexuelle Asiaten bis hin zu kleinwüchsigen Artisten ‒ die Schlümpfe fallen dort trotzdem auf.

Deshalb stellen ihnen die Macher des Blockbusters von 2011 menschlichen Beistand zur Seite, der medial mit New York City ähnlich verwachsen scheint, wie auf der weiblichen Seite Sarah Jessica Parkers Alter Ego Carrie Bradshaw: Neil Patrick Harris, der ansonsten (wenn auch nur beruflich) eher als frauenverschleißender Macho aus How I Met Your Mother bekannt ist und zur Comic- und Zeichentrick-Schlumpfzeit als Doogie Howser, M.D. über die Bildschirme flimmerte.

Es ist unwahrscheinlich, dass man das Schlumpfhausen von damals prominent auf der medialen Landkarte fände, hätte Peyo die Blaulinge im 21. Jahrhundert erfunden. Vielleicht ist die Kinoversion (übrigens wenig verwunderlich  in 3-D) auch der Versuch, die ‒ aus heutiger Sicht ‒ etwas antiquierten Sehgewohnheiten der frühen 1970er-Jahre den gegenwärtigen Gewohnheiten anzupassen. (Im zweiten Teil, der eigentlich schon der dritte Schlümpfe-Kinofilm ist, kehren Papa Schlumpf und Co. übrigens zu ihren europäischen Wurzeln zurück und bereisen Paris.)

Die Geschichte bleibt die Gleiche: Die Schlümpfe jagen Gargamel, der das Rezept für den Schlumpfsaft gestohlen hat, ergo laufen sie vor ihm davon. Diesmal eben mit Unterstützung von („Neil“) Patrick Winslow und seiner hochschwangeren und dadurch hormonell etwas beeinträchtigten Frau Grace.

Vermutlich ist beides ‒ Orts- und Besetzungswahl ‒ ein genialer Schachzug. Denn die Schlumpffans von einst sind längst erwachsen geworden. Und wie ich ‒ auf der Grippe-Couch ‒ sind auch sie sich des hektischen Alltags bewusst, während sie sich eine Auszeit in Schlumpfhausen gönnen. Hoffentlich dauert es noch lange bis zur nächsten Grippe. Doch wenn es soweit ist, gucke ich mal wieder in Schlumpfhausen vorbei.

Über Cornelia Klein

Dr. Cornelia Klein studierte Diplom-Pädagogik mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik und promovierte über die mediale Vorbildkompetenz. Sie arbeitet als Lektorin und Redakteurin bei einem pädagogischen Fachverlag.

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *