Ich bin nicht mehr dabei

In jedem Jahr Anfang Februar stand in meinem Kalender als unverrückbarer Termin: Berlinale. Zunächst war ich dort als Vertreter von Verleihfirmen, danach viele Jahre lang als Filmpublizist. Ich hatte mich auf die Kinder- und Jugendsektion Generation konzentriert und darüber regelmäßig im Filmdienst, in der Kinder- und Jugendfilm-Korrespondenz und für tv-diskurs geschrieben. Ich erinnere mich noch an die innere Spannung und die freudige Erwartung, die sich immer vor Beginn der Filmfestspiele bei mir eingestellt hat.

BerlinaleNun bin ich nicht mehr dabei. 2014 habe ich meine Aufträge zurückgegeben und mich nicht mehr akkreditiert. Diese Entscheidung hat sich in den letzten beiden Jahren zunehmend herausgebildet und nun stehe ich da und schaue in viele fragende Augen.

Die Antwort auf das Warum ist gar nicht so leicht zu formulieren. Das Festival brummt, die Kinos sind voll und es gibt mehr denn je Filmangebote aus aller Welt. Alles erscheint geradezu perfekt. Die große Publikumsresonanz ist zu einem entscheidenden Markenzeichen des Festivals geworden. Die Berlinale wird dafür gelobt und sie lobt sich selbst gern deswegen. Und wenn erst einmal Maßstäbe gesetzt sind, dann stellt sich auch der Druck ein, sie Jahrgang für Jahrgang übertreffen zu wollen und wohl auch zu müssen. Wenn aus einem ursprünglich als Initialzündung für eine gewisse Breitenwirkung gedachten Kulturereignis zunehmend selbst ein Großevent wird, dann hat das letztendlich aber auch erhebliche Konsequenzen für all jene, die in der einen oder anderen Form darin involviert sind.

Als 2004 die Reihe 14plus in die damals noch Kinderfilmfest genannte Sektion eingefügt wurde, umfasste das zusätzliche Wettbewerbsprogramm acht Spielfilme. Heute hält das Angebot für Jugendliche genau doppelt so viele Filme bereit. Wer am Programm für das junge Publikum insgesamt interessiert war, der ging seinerzeit in den Zoopalast und musste hier nur zwischen einzelnen Kinos wechseln. Mit wachsender Film und Zuschauerzahl wanderte der Veranstaltungsort für die Reihe 14plus in das Kino Babylon in Berlin Mitte. Die Kinderfilmreihe blieb am Bahnhof Zoo. Der bis dahin durchaus verwöhnte Fachbesucher sah sich plötzlich einem erheblichen Zeit- und Logistikproblem gegenüber. Mit dem Umzug der Sektion in das Haus der Kulturen der Welt (HKW) entspannte sich die Situation wieder, um inzwischen neuerlich zur Herausforderung zu werden, weil nun der wiedereröffnete Zoopalast als zweiter Premierenort zum HdKW hinzugekommen ist.

Der große Publikumszulauf  hatte darüber hinaus zur Folge, dass selbst eine Presseakkreditierung nicht selbstverständlich einen Platz im Kino sichert. Bei den Eröffnungs- und Abschlussveranstaltungen von Generation reicht das Erscheinen am Counter weit vor dem Frühstück noch nicht, um sicher eine entsprechende Karte zu bekommen. Wer mehrfach erleben musste, dass er mit seiner teuer erworbenen Akkreditierung bei stark gefragten Filmen immer wieder den Tagesbesuchern den Vorrang lassen muss, der beginnt zu zweifeln, ob er hier eigentlich erwünscht ist.

Noch vor fünf Jahren gab es nach den Filmen intensive Gespräche zwischen den Filmemachern und dem interessierten Publikum in einem separaten Raum. Auch wenn es dort meist sehr eng war, das Gespräch hatte ein gewisses Gewicht. Heute ist eine solche Intensität ob des Andrangs nicht mehr herzustellen. Als Alternative gibt es stattdessen im Auditorium oberflächliche Befragungen der Filmteams, wobei überwiegend Wichtigtuer und Selbstdarsteller ein Podium finden.
Natürlich kann man das komplexe Programmangebot individuell entflechten, wenn man vor dem Festival zu den Pressevorführungen geht. Doch auf der einen Seite geht so der unmittelbare Publikumskontakt verloren und auf der anderen Seite dehnt sich dadurch die Beschäftigung mit der Berlinale auf drei Wochen und mehr aus.
Selbst wenn man sich das leisten möchte und kann, eröffnet sich ein weiterer entscheidender Konflikt. Je voller die Programmreihen werden, desto größer ist die Gefahr, dass man neben den Jahr für Jahr zu entdeckenden cineastischen Perlen mit filmischem Durchschnitt konfrontiert wird. Wovor man einst von kritischen Auswahlkommissionen bewahrt worden ist, dass muss heute vielfach als Wachstumsbaustein herhalten. Selbst wenn es gelingt, innerhalb der Angebotsflut den Kopf oben zu behalten, ist noch nicht gesagt, dass sich damit ein komplexes Bild über den aktuellen Stand des internationalen Kinder- und Jugendfilms formulieren lässt. Zunehmend finden sich Filme, die die Zielgruppe oftmals in ganz besonderer Weise ansprechen könnten, in anderen Sektionen des Festivals. Also heißt es, man muss sich auch dort umsehen.

Die Berlinale ist traditionell nicht nur eine große Filmschau, sie ist auch ein einzigartiges Branchentreffen mit weitreichender Ausstrahlung. Bestimmte Gespräche sind nur hier möglich und dafür müssen wiederum Räume geschaffen werden. Auch wenn der Schlaf auf ein Minimum reduziert wird, musste nicht nur ich hier immer mehr Abstriche machen, weil inzwischen das Selbstmanagement angesichts der Film- und Publikumsflut zu viel Aufmerksamkeit absorbiert. Den ursprünglich gesetzten Ansprüchen – nämlich über den weltweiten Trend im Kinder- und Jugendfilm verlässlich reflektieren zu können – die ich mit einer gewissen Kraftanstrengung einst erfüllen konnte, lässt sich immer weniger gerecht werden. So blieb für mich am Ende der Filmfestspiele von Jahr zu Jahr mehr ein Gefühl von Stress und Unzufriedenheit, statt der ursprünglich gewohnten Inspiration und Anregung.
Die Filmfestspiele werden sich weiter als Großevent entwickeln. Das entspricht dem Trend der Zeit, der in jeder Hinsicht allein den zahlenmäßigen Zuwachs als Erfolgsmaßstab akzeptiert.

Ich bewundere jeden, der aus der Angebotsflut Orientierung herausfiltern kann. Ich bewundere vor allem die Mitarbeiter des Festivals, die die Großveranstaltung mit ihren ständigen Erweiterungen in Gang halten. Ich selbst brauche jedoch zunächst Distanz, um über neue Strategien im Umgang mit den veränderten Angebotsformen nachdenken zu können.

Über Klaus-Dieter Felsmann

Studium der Germanistik und Geschichte. Klaus-Dieter Felsmann ist freier Publizist, Medienberater und Moderator sowie Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

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