Bots

Der Begriff „Bot“ ist eine Verkürzung von „Robot“. Er stammt vom tschechischen Künstler Josef Čapek, dessen Bruder Karel ihn erstmals 1920 im Theaterstück R.U.R. – Rossums Universal Robots verwendet hat. Varianten des Wortes im slawischen Sprachraum bedeuten „Arbeit“ oder „Zwangsarbeit“. In Karel Čapeks Drama sind Roboter künstliche Menschen, die der Menschheit eigentlich die Arbeit abnehmen sollen, sie letztendlich aber vernichten. Begriffliche Ausdifferenzierung sorgte später dafür, dass wir heute zwischen Androiden (Robotern, die äußerlich Menschen exakt gleichen), humanoiden Robotern (menschenähnlich) und anderen unterscheiden. In allen medialen Erscheinungsformen des Genres „Science-Fiction“ sind Roboter zu einem zentralen Motiv geworden, geradezu zu einem Symbol für die Ambivalenz technischen Fortschritts: Einerseits können Roboter Menschen Arbeit abnehmen, ihr Leben verbessern, andererseits aber auch zur tödlichen Bedrohung werden. Beides liegt nahe beieinander, wie im Film 2001 – Odyssee im Weltraum (GB/USA 1968) schon im Namen des Supercomputers HAL 9000 angedeutet – in jedem Buchstaben ist HAL nur einen Schritt von IBM entfernt.

Beim digitalen Bot bleibt diese Ambivalenz erhalten. Grundsätzlich ist ein Bot erst einmal eine Hilfe, die Menschen stupide Arbeiten in der digitalen Welt abnimmt. Webcrawler etwa sind eine frühe Form von Bots – sie durchkämmen das Internet mit der Aufgabe, Webseiten zu indexieren. Hilfreich für Gamer können FarmBots sein, die einfache Spielroutinen wiederholen und ohne Eigenleistung etwa zu mehr Ressourcen oder höherem Status verhelfen. Solche FarmBots sind zwar nicht gefährlich, aber nicht erlaubt – mit ihnen betrügt ein Spieler, indem er sich unberechtigt Vorteile verschafft.

© phonlamaiphoto - Fotolia.com

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Bots sind Programme, die – einmal gestartet – autonom agieren. In vielen Fällen kann dabei trotzdem der Eindruck entstehen, man hätte es nicht mit Software, sondern mit einem Menschen zu tun. Wer bei einer Servicehotline die Worte: „Hallo, wie kann ich Ihnen helfen?“ hört, spricht mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem Chatbot. Unter diesem Begriff werden textbasierte Dialogsysteme verstanden, sowohl bei geschriebenen wie gesprochenen Texten, bei Texteingabe über Tastatur oder über Mikrofon. Oft, aber nicht immer, werden Chatbots mit einem „Gesicht“ versehen, einer grafischen Repräsentation, einem Avatar, der heute in der Regel animiert wird.

Wer schon lange mit Computern zu tun hat, erinnert sich vielleicht noch an einen der ältesten und bekanntesten digitalen Helfer: Karl Klammer, die animierte Büroklammer von Microsoft Office. Sie galt zwar als ausgesprochen nervig, hat heute aber Kultstatus. Die bekanntesten neuen Chatbots kommen jedoch ohne Gesicht aus. Bei Microsoft ist Karl Klammers komplexe und mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Nachfolgerin die sprachgesteuerte Assistentin Cortana, die ihren Namen den für Microsoft entwickelten Halo-Spielen verdankt. Diese Chatbots haben zwar kein Gesicht, aber eine Stimme, über die gleichfalls Informationen darüber vermittelt werden können, wer dieses virtuelle „Ich“ sein soll, das mir helfen will. Stimmen wie Namen stellen vor allem eines klar: Zu helfen, das ist offenbar immer noch vor allem eine Aufgabe für Frauen – was Cortana bei Microsoft, das ist Siri bei Apple und Alexa bei Amazon. Einzig Google bietet bei dem „Assistenten“ in der englischsprachigen Version seit Kurzem auch eine männliche Stimme als Option an.

Bei Chatbots weiß man in aller Regel, woran man ist, nicht aber bei Social Bots. Selbst wenn ihnen Namen, Gesicht und Stimme gegeben worden ist, bezwecken Chatbots nicht, für reale Menschen gehalten zu werden, außerdem ist ihre Funktion offensichtlich. Mit Social Bots dagegen sollen in sozialen Medien gezielt menschliche User getäuscht werden – mit werblichen Zielen oder zur Meinungsmanipulation. Die simple Variante eines Social Bots macht nichts anderes, als nach bestimmten Stichworten zu suchen und dann vorformulierte Posts abzusetzen. Die dazugehörenden Accounts unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht von anderen, sind aber noch relativ leicht als Fake zu erkennen. Wenn ich beispielsweise bei Twitter auf einen Account stoße, der erst ein Jahr existiert, aber schon 100.000 Tweets abgesetzt hat, bin ich höchstwahrscheinlich einem Bot begegnet. Andere Indikatoren sind etwa die zeitlichen Abstände zwischen Posts oder die Reaktionszeit bei Antworten. Solche einfachen Bots kann jede bzw. jeder erwerben und programmieren, mittlerweile gibt es jedoch auch weitaus komplexere Modelle, die menschliches Userverhalten nachahmen und nicht mehr so einfach enttarnt werden können, trotz nützlicher Onlinetools wie BotOrNot.

Zu einem gesellschaftlichen Problem werden massenhaft eingesetzte Social Bots, wenn sie die politische Meinungsbildung beeinflussen sollen: Vertreten wirklich 100 Menschen diese Meinung? Oder stammen die Kommentare nur von zwei Menschen, aber 98 Bots? Sie ermöglichen die Herstellung eines virtuellen Meinungsbildes, das leicht zu völlig falschen Vorstellungen führen kann – vielleicht spricht hier doch gar nicht das ganze Volk, sondern bloß ein Volker? Bots können außerdem dazu verwendet werden, über Hashtags Thementrends in die Welt zu setzen, Diskussionen in eine bestimmte Richtung zu lenken oder durch Hate-Posts zu unterminieren.

Eine von Digitalmedien geprägte Gesellschaft ist für solche Manipulationsversuche natürlich besonders anfällig, aber im Prinzip sind sie nicht neu. Im Paris des frühen 19. Jahrhunderts konnten beispielsweise Theater Vorklatscher kaufen, sogenannte Claqueure, deren Applaus einem Stück zum Erfolg verhelfen sollte. Seit Mitte der 1980er‑Jahre, also auch schon vor dem Internet, ist der Begriff „Astroturfing“ geläufig – gemeint ist damit das Vortäuschen einer Basis- oder „Graswurzelbewegung“ durch eine Lobbygruppe, obwohl es sich tatsächlich um eine zentral gesteuerte und bezahlte Aktion handelt, also um „Kunstrasen“. Was sich dagegen unternehmen lässt, darüber haben ganz andere Bots schon 1980 gesungen: „Aufstehn“!

Über Gerd Hallenberger

Dr. phil. habil. Gerd Hallenberger forscht als freiberuflicher Medienwissenschaftler über Fernsehunterhaltung, allgemeine Medienentwicklung und Populärkultur. Er lehrt an verschiedenen Universitäten und ist Mitglied des Kuratoriums der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

21. März 2018 von Gerd Hallenberger
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