Schwarzwaldklinik vs. Breaking Bad

Dass sich seit „Der Alte“ und der „Schwarzwaldklinik“ so ziemlich alles verändert hat, ist tatsächlich bis in die Fiction-Entscheider-Abteilungen der deutschen Sender durchgedrungen. Schön also, dass der „Fiction Summit“ am 23.8. in Köln genau das zum Thema hatte, fiktionales Erzählen als Serie im Fernsehen nämlich. Weil den meisten Konsumenten zu dem Thema dennoch außer „KDD“, „Im Angesicht des Verbrechens“, „Klimawechsel“, „Ijon Tichy“ und dem „Tatortreiniger“ nicht besonders viel innovatives Deutsches einfällt, hatten Sky Deutschland, die Produktionsfirma MMC und die Beratungsagentur HMR International ein paar europäische hot shots zum Workshop eingeladen (nachdem die angekündigten amerikanischen, zum Beispiel der West Wing-Showrunner Aaron Sorkin und auch Mitglieder der britischen „Sherlock“-Crew, abgesagt hatten).

Man konnte also durchaus dazulernen, wenn auch manchmal Trauriges: Vor allem scheinen die ausblutenden Fernsehmärkte Europas auf Adaptionen etablierter Formate zu setzen. Dabei gibt es die Ready-to-Wear-Version einer erfolgreichen Serie, dazu nimmt man Original-Drehbücher, Original-Einstellungen und –Settings, und setzt schlichtweg einen lokalen Cast ein. Etwas beeindruckender ist die „Custom Made“-Version: Wie bei „Stromberg“ wird einfach nur die Idee geklaut, mit neuen, aus der Heimat stammenden Schauspielern besetzt und mit eigens geschriebenen, in diesem Fall auch wirklich hübschen Drehbüchern bestückt.

Dabei macht es doch viel mehr Spaß, sich etwas komplett Neues auszudenken. Das hat allerdings noch nicht oft geklappt: Der Export von deutschen Ideen/Serien ins Ausland ist gering bis nicht vorhanden, und in die USA muss man gar nicht erst spicken. Wieso sollte irgendein Amerikaner „In aller Freundschaft“ gucken, wenn man dort „Breaking Bad“ und „True Blood“ hat? Doch auch das Vorhaben, neue Serien in den deutschen Sendern zu platzieren, starrt vor schrecklichen Tücken: Man muss dafür anscheinend mindestens eine Doppeldeckerbusladung voll Vertrauter haben, die an den richtigen Positionen in Sendern und Produktionsfirmen sitzen, dazu quasi kostenfrei produzieren, und sich zudem nicht von Enttäuschungen wie für die Katz geschriebenen Büchern oder fertig gestellten Piloten, die direkt ins Archiv fliegen, aus der Freiberufler-mit-Prekariats-Verdacht-Ruhe bringen lassen.

Sky Deutschland behauptet jedenfalls, demnächst kräftig Geld in die Entwicklung neuer Formate stecken zu wollen. Eher reindeutscher übrigens: Internationale Koproduktionen, die man angesichts der Idee Europas ja durchaus für sinnvoll halten sollte, ich denke da zum Beispiel an eine Serie über eine Berlin-Friedrichshainer Kneipe, in der sich jede Woche Billigfliegertouristen aus England und/oder Skandinavien bis Oberkante Unterlippe besaufen und unter die Tische göbeln, sind ganz schön schwierig, darin waren sich die Referenten so ziemlich einig.

Auf jeden Fall sollte man schon mal überlegen, wie die Cliffhanger vor der Werbeunterbrechung aussehen könnten: Die Neuauflage von „Dallas“ ist garantiert extrem bescheuert, aber dass die RTL-Gruppe die Rechte an der deutschen Erstausstrahlung sicherte, kann man kaum nachvollziehen. Allein aus Sentimentalitätsgründen hätte ich als ARD sogar Gehälter gekürzt, nur um die Show auf dem angestammten Dienstagabendsendeplatz zu hieven. Schließlich: Welcher ARD-Zuschauer ist denn bitteschön so jung, dass er diese Serie nicht mehr kennt?!

(Ein Workshop-Event der Sky Deutschland AG , der MMC Magic Media Company TV Produktionsgesellschaft mbh und der HMR International GmbH & Co. KG
fand in den MMC Film- und TV-Studios, Köln, am 24.08.2012 statt.)

Über Jenni Zylka

Jenni Zylka, Geheimagentin, schreibt für jede Menge Zeitungen und Magazine über Kultur, außerdem Bücher und Drehbücher, sichtet Filme für den Grimmepreis und die Berlinale, macht ein Radioliteraturmagazin beim WDR und fährt einen Oldtimer.

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