Ticke(r)n wir noch richtig?

16:23 Uhr:  „Poldi“ hat geschrieben. Nein, nicht mir – „Schumi“, Michael Schumacher. Dessen Skiunfall und seine Folgen füllen nach wie vor Seiten, on- und offline.  Ein Medienspektakel, das die behandelnden Ärzte verwundert registrieren und als unangemessen kritisiert haben; eine weitere Meldung im sich selbst generierenden Nachrichtenstrom. All dieser Content will strukturiert werden. Wie das geht? Mittels Ticker zum Beispiel, der minutiösen Berichterstattung von einem Ereignis – war früher vor allem dem Sport vorbehalten. So blieb man auf dem Laufenden während eines Fuß- oder Handballspiels.
Inzwischen aber wird alles Mögliche betickert: Hochwasser und Hochzeiten, königliche Niederkünfte, Papst- und Bundespräsidentenwahlen. Jetzt eben: Liveticker zum Skiunfall von Michael Schumacher oder Liveticker: Wie geht es Michael Schumacher nach seinem Skiunfall? Dabei gibt es, Tage nach dem Unfall, offenbar noch immer im Halbstundentakt etwas zu vermelden, aus dem Krankenhaus, aus dem privaten Umfeld, zum Hergang. Längst nicht alles aktuell.

„17:21 Uhr: Noch immer gibt es keine neue Stellungnahme zum Gesundheitszustand Schumachers.“ Doch die Form verlangt nach Futter, auch möglicherweise anrüchigem. Die Meldung wird zum Ereignis an sich. Die Sache gewinnt so an Dramatik und Relevanz.
Der Ticker ist neben der grassierenden „Brennpunkterei“ eines der herausragenden Medienphänomene bei der Einordnung der für den Einzelnen kaum noch zu überblickenden Informationsflut.  Nicht Geschichte wird hier geschrieben, sondern Gegenwart. Hochgeschrieben, „Hyper, Hyper!“. Themen bekommen einen Stellenwert, den sie nie und nimmer haben, auch nicht in der traditionell nachrichtenarmen „Zwischenjahreszeit“.
Schumachers Skiunfall erscheint wichtiger als Terroranschläge in Russland, neue Enthüllungen über NSA-Hackereien, Proteste von Textilarbeitern in Kambodscha oder der Anschlag auf die Residenz des deutschen Botschafters in Athen.
Begründet mit dem noch immer wohlfeilen Argument „Publikumsinteresse“ wird die eigene, journalistische Verantwortung, Themen zu setzen, zumindest zeitweise vernachlässigt. Dabei eben jenes Publikumsinteresse anheizend, um letztlich wohl, im prominenten Windschatten selbst publizistische Aufmerksamkeit zu erheischen.

Immerhin, am Tickertag sechs nach Schumachers Unfall so etwas wie Relativierung: „10:35 Uhr: Michael Schumacher steht stellvertretend für rund 270.000 Menschen, die jedes Jahr in Deutschland eine Schädelhirnverletzung bei einem Unfall im Straßenverkehr, am Arbeitsplatz, im Haushalt oder bei Spiel und Sport erleiden“.
So, als ob den Kollegen nun selbst ein wenig unwohl ist, angesichts der Maschine, die sie da angeworfen  haben. Das Problem auch: Ein Fußballspiel, das weiß man seit Sepp Herberger, dauert 90 Minuten. Meistens zumindest. Es endet – und damit auch die tickernde Berichterstattung – gewöhnlich mit dem Schlusspfiff des Schiedsrichters.

Wann und wie endet der Ticker zu Schumachers Unfall? Wo und wann, bei welchem Thema ist die Schmerzgrenze, wenn wir die Grenzen zwischen absurd und pietätlos auslotend alles und jeden vertickern?
Und Michael Schumacher? Aus dessen Unfall versucht längst nicht mehr nur die spektakelnde Journalie Profit zu schlagen:
„12:23 Uhr: Bei Facebook kursiert ein Video mit dem Titel Video: Moment de l´accident de Michael Schumacher ! (EXCLUSIF)„, das angeblich den Moment des Unfalls von Michael Schumacher zeigt. Wer auf den Clip klickt, lädt sich aber stattdessen einen Trojaner auf den Rechner.

Über Sven Hecker

Sven Hecker, geboren 1966, lebt und schwebt als freier Journalist in Berlin. Um nicht völlig abzuheben, hat er sich Schwerpunkte gesetzt: Alltags- und Zeitgeschichte, Politik und Medien. Macht sich aber auch darüber hinaus Gedanken über die Welt, und darüber, ob sie noch zu retten ist und wenn ja, durch wen. Schreibt das alles auf, fürs Radio, gelegentlich auch für Zeitschriften und Fernsehen.

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