„Alles Käse?“ – Nein! Ganz großes Kino

Müde und wehmütig verließ ich am vergangenen Sonntagabend die Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF und verabschiedete mich innerlich bis zum nächsten Jahr. Das International Student Film Festival Sehsüchte 2018 war zu Ende. So viele Eindrücke prasselten vier lange Tage auf mich ein und wirken noch nach, denn was die Studierenden dort immer wieder auf’s Neue auf die Beine stellen, ist wirklich phänomenal.

In diesem Jahr  entschieden sich die studentischen Festival-Organisatoren für das Motto Metamorphosis – und thematisierten Wandlungsprozesse in unterschiedlichen Bereichen des Lebens und der Filme. In der Zeit vom 25. bis 29. April konnten über 142 Filme aus über 1000 Einreichungen in 42 Filmblöcken bestaunt werden. Über alles zu berichten scheint angesichts des riesigen und vielfältigen Programms unmöglich, deshalb möchte ich als Ergänzung zum Artikel von Henrike Rau die Gewinnerfilme aus der Sektion FUTURE vorstellen, die Kindern ab 6 Jahren und Jugendlichen ab 12 Jahren unkonventionelle Kurzfilme unterschiedlicher Genres präsentiert. Aber da Sehsüchte noch viel mehr zu bieten hat, werden wir auf einige Filme der anderen Sektionen, das Rahmenprogramm und den einen oder anderen Gewinnerfilm in einem weiteren Blogbeitrag gesondert eingehen.

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 Die verloren geglaubte Socke gewinnt

Große Kinderaugen und laute Aufregung im Foyer des fx.Kinos auf dem Gelände der Medienstadt Babelsberg, unweit der Filmhochschule. Die Spannung auf das anstehende Kinoprogramm und die Freude über das Popcorn, das jedes Kind zum Kinobesuch erhält, sind so herrlich unverstellt und leidenschaftlich, wie sie nur Kinder übermitteln können. Sie sind es, die uns die Welt begeisternd durch ihre Augen betrachten lassen.

Sehsüchte 2018 © Frieder Unselt

Sehsüchte 2018 © Frieder Unselt

Bis zum Filmbeginn dauert es, zuerst braucht es ein Weilchen, bis die Kinderschar ruhiger wird und im Anschluss gibt es noch ein paar einführende Worte von Matthias Heider, der für die Rubrik FUTURE KIDS verantwortlich ist. Gefragt wird nach Sprachkenntnissen – denn es ist ja ein internationales Festivalprogramm – und trotz der mit großem Selbstbewusstsein angegebenen Englischkenntnisse der Grundschüler gibt es eine Live-Synchron-Übersetzung des Sehsüchte-Festivalteams für die ausländischen Beiträge und den Fall, dass vielleicht doch der ein oder andere Ausdruck des mit dem neuseeländischen Akzent betonten Englischs nicht sogleich von den Erstklässlern verstanden wird. Sieben Filme schafften es ins Kinderprogramm – subsumiert befassen sie sich mit den Themen Alltagspflichten, Kindheit, Integration, Mobbing, (Selbst-)Vertrauen und Gender.

Mit etwas weniger ernsten Themen beschäftigen sich vier der fünf Animationsfilme. Die beiden Live-Action-Beiträge Iron Hands und Everybody Else Is Taken basieren auf fiktionalen Kurzgeschichten und verhandeln die Themen Selbstvertrauen und das eigene Über-sich-Hinauswachsen. Im anschließenden Q&A (Questions & Answers) konnten die Kinder ihre Fragen zum Film Everybody Else Is Taken stellen, da die Filmemacherin Jessica Grace Smith vor Ort war. Die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer interessierten sich besonders für die verwendete Sprache, zum Beruf des Filmemachens generell, ob die Kinderdarsteller beim Dreh Fehler gemacht haben oder wie das Filmmotiv entstand. Smith erzählte, dass ihr Film sehr autobiografisch sei, denn sie selbst hatte in ihrer Jugend mit Schikanen und Ausgrenzung zu kämpfen. Hier wurde deutlich, dass auch fiktionale Filme immer wieder versuchen, sehr lebensnahe, zentrale Problematiken von Kindern und Jugendlichen anzusprechen.

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Am meisten gefallen – vielleicht weil in Teilen so alltagsnah und die Erklärung letztendlich doch so einleuchtend – hat der Kinderjury der französische Animationsfilm Made In France, denn diesen kürten sie zu ihrem Favoriten. Der Gewinnerfilm des FUTURE: KIDS-Blocks zeigt den Weg der verloren geglaubten Socke: findige Mäuse klauben diverse Strümpfchen zusammen, um daraus mittels einer ganz individuellen Zubereitungsart ein Elexier herzustellen, das die besonders eigene Note eines herzhaften und streng riechenden französischen Weichkäses ausmacht.
Gratulation an den Filmemacher – eine sehr originelle und amüsante Antwort auf die zentralen Fragen unserer Kinder und eine brillante Erklärung für ein schier unlösbares Problem. Ob die Kinder den „Stinkekäse“ nun mit anderen Augen betrachten? Die Jury – bestehend aus Kindern desselben Alters – beeindruckte besonders die kreative Machart des Films und dass die Animation mit den Augen der Kinder spielte, sodass das Zusehen großen Spaß bereitete. Außerdem würdigten sie die viele Arbeit, Liebe und Zeit, die für die Produktion eines solchen Films nötig sei.

Sehsüchte 2018 © Frieder Unselt

Kinderfilm-Jury, Sehsüchte 2018 © Frieder Unselt

„Das Thema Transgender regt zum Nachdenken an“

In den Filmblöcken FUTURE: TEENS I und II waren die Reaktionen des jugendlichen Publikums etwas verhaltener. Auch in dieser Rubrik griffen die studentischen Filmemacher schwierige Themen auf, die den Teenagern auf der Seele brennen. So standen die Fragen zur beruflichen Zukunft im Raum, aber auch zu Gender und Selbstbestimmung. Die Motive Diskriminierung und Hilf- und Orientierungslosigkeit in der Jugend wurden beleuchtet und natürlich auch die erste Liebe.

Die Filme wurden qualitativ und inhaltlich stimmig ausgewählt. Gleich im ersten Film Intact erhielten die jugendlichen Zuschauer einen Einblick und somit auch einen Zugang zur Gedankenwelt und Emotionen von Eltern. Als bei einem gemeinsamen Abendessen Brunos Sohn seinem Vater eröffnet, er hätte das Gymnasium geschmissen und sich am nächsten Morgen an Brunos Arbeitsplatz in der Fabrik wiederfindet, verliert Bruno seine Beherrschung. Denn auf gar keinen Fall soll sein Sohn das gleiche Schicksal erleiden wie er, ihm soll es doch besser gehen.
Dabei hat mich besonders begeistert, wie der Filmemacher die verschiedensten Bilder in einer choreografischen Anordnung zusammenbrachte und durch den Einsatz von Großaufnahmen der Maschinen und Arbeitsprozesse die Eintönigkeit dieser immer gleichen Vorgänge versinnbildlicht, die zur Abstumpfung des Fabrikarbeiters Bruno führen. Assoziationen kamen auf: der Mensch als Maschine. Ein sehr guter, sensibler Einstieg – ohne erhobenen Zeigefinger, aber doch mit einer zentralen Botschaft.

Die studentischen Filmemacher legen aber nicht nur ihre Finger in die Wunde, indem sie vorhandene Probleme vorstellen, oftmals bieten sie konkrete Lösungsvorschläge an – und dies auf eine unkonventionelle und charmante Art und Weise.

So verblüffte Michael Bohnenstingl, Creator des animierten Kurzfilms Bis Donnerschdag, mit seiner eigenwilligen und traurig-komischen Geschichte um den ständig mit Beleidigungen und Anfeindungen konfrontierten Schüler Gottlieb Schneider. Ich sah mich schon einem filmischen Schulmassaker ausgesetzt, da drehte sich die Story unerwartet um 180 Grad und Bohnenstingl lieferte eine ungeahnte Pointe, die ihres Gleichen sucht. Nur so viel sei verraten: der Film ging gut aus. Ausgrenzung und Diffamierung beschäftigen aber nicht nur die Filmemacher, sondern auch die eingeladene Zielgruppe. Im Q&A fragten sie den Regisseur, ob er selbst Erfahrungen mit Mobbing gemacht hätte. Und Bohnenstingl musste dies leider bestätigen. Zum Drehbuch kam die Frage auf, wieso das Wort „gay“ in der Handlung komplett negativ besetzt und in diesem hohen Ausmaß als Schimpfwort benutzt wurde. Ob es denn als diffamierender Ausdruck nicht mehr auf dem Schulhof verwendet würde, erkundigte sich der selbst noch sehr junge Regisseur. Eine konkrete Antwort blieb leider aus.

Der Lockenkopf Kay und seine Motocross-Clique stecken mitten in der Pubertät. Dann lernt er das Mädchen Melody kennen, die mit ihrem Boot am Fluss angelegt hat. Bei ihr ist Kay wie ausgewechselt. Ein Film, der auf zarte Weise mit Geschlechterklischees bricht. In: SIRENE, Netherlands 2017, 26 min. | Live Action, Dutch, FSK 12 Regisseur: Zara Dwinger, Drehbuch: Randy Oost, Cinematographer: Douwe Hennink,  Editing: Tessel De Vries, Sound Designer: Olmo Van Straalen, Film School: The Netherlands Filmacademy, Production Designer: Clara Bragdon, Liz Kooij.

Kay in Sirene

Sowohl in Boys Will Be Boys als auch in dem Gewinnerfilm Sirene des Jugendfilmblocks drehte sich alles um Gender, Zugehörigkeit und Selbstvertrauen. Während in der deutschen Dokumentation Boys Will Be Boys die jungen Protagonisten schon genau zu wissen scheinen, was sie wollen und wer sie sind, beobachten wir in dem niederländischen Beitrag Sirene den inneren Transformationsprozess von Kay – der zwar Angst hat, bei einem Coming Out den Rückhalt seiner langjährigen Jungs-Clique zu verlieren, sich aber letztlich doch zumindest sich selbst gegenüber bekennt, dass in seinem jugendlichen männlichen Körper auch weibliche Bedürfnisse vorhanden sind und das völlig okay sei. Sirene bestach die Jury mit einem tollen Soundtrack und dem hervorragenden Schauspiel der jugendlichen Protagonisten. Das Thema Transgender regt beim Zusehen zum Nachdenken an, so die Jury in ihrer Laudatio.

Qualität und grenzenlose Kreativität ist das, was die internationalen studentischen Filmproduktionen von Sehsüchte ausmacht. In unbefangener Art und ungebändigter Neugier Fragen aufzuwerfen, unkonventionelle Themen aufzubereiten und zum Teil ungewöhnliche Lösungen zu präsentieren ist das Außergewöhnliche an diesen Arbeiten. Bitte weiter so!

Sehsüchte 2018 © Frieder Unselt

Sehsüchte 2018 © Frieder Unselt

Worum es bei den Sehsüchte-Gewinnerfilmen einiger anderer Sektionen ging, berichten wir in einem der kommenden Beiträge.

Die FSF ist Festivalpartner von Sehsüchte.
*** Bilder © Frieder Unselt  ***

Über Sandra Marquardt

Sandra Marquardt hat 2010 ihr Magisterstudium in Filmwissenschaft und Publizistisk- und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin abgeschlossen. Seit 2011 arbeitet sie als Onlineredakteurin bei der FSF.

04. Mai 2018 von Sandra Marquardt
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